Seit acht Jahren hat die afghanische Frauen-Fußball-Nationalmannschaft kein Spiel mehr bestritten. Seit fünf Jahren, nämlich seitdem es 2021 nach der Machtübernahme der islamistischen Taliban auch offiziell aufgelöst wurde, existierte sie auch nicht mehr. Frau-Fußball ist in Afghanistan damit offiziell verboten. Und trotzdem kehrt die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft jetzt ganz offiziell auf die internationale Bühne zurück.

Es ist ein „bedeutender und beispielloser Schritt“ im internationalen Sport. Das sagt FIFA-Chef Gianni Infantino – ein zur Abwechselung nicht ungerechtfertigtes Eigenlob des Schweizers mit kararischen Pass. Möglich geworden, weil der FIFA Rat, als Exekutivorgan des Weltverbandes, seine Regeln änderte. Bisher schrieben die FIFA-Statuten nämlich vor, dass eine Mannschaft nur dann offiziell anerkannt werden kann und damit auch an offiziellen Turnieren teilnehmen darf, wenn auch der jeweilige nationale Verband dies tut. Das ist – wie gesagt – unter den Taliban in Afghanistan undenkbar. Am Dienstag aber hat der FIFA Rat die Statuten Statuten des Weltverbandes geändert und ermöglicht es damit von nun an, Mannschaften in Ausnahmefällen auch ohne Anerkennung durch den eigenen nationalen Verband zu registrieren. Wenn zum Beispiel radikale Männer-Regime Frauen den Zugang zum Fußball verweigern.

Denkbar wäre im Rahmen der Regeländerung aber auch, dass die iranische Männer-Fußball-Nationalmannschaft doch an der Weltmeisterschaft im Sommer teilnehmen kann. Das iranische Mullah-Regime plante eigentlich einen WM-Boykott, zum einen, weil das Turnier unter anderem in den verhassten USA stattfindet, zum anderen aber auch, weil die Männer-Nationalmannschaft sich immer wieder solidarisch mit den Protestbewegungen im Land gezeigt hatte. Im Iran demonstrieren ja seit vier Jahren hunderttausende Menschen in einer feministischen Revolution für eine demokratische und freiheitlichere Staatsorganisation.

Gianni Infantino jedenfalls sagt: „Indem wir afghanischen Frauen die Möglichkeit bieten, für ihr Land offizielle Spiele zu bestreiten, setzen wir unsere Grundsätze in die Tat um.“ Grundsätze – auch das gehört zur Wahrheit – die der Fußball-Weltverband selbst immer wieder ignoriert. Beispielsweise durch die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar. Denn eigentlich schreiben die FIFA-Staturen vor, dass jedes Gastgeberland eines FIFA-Turniers eine Männer- und eine Frauen-Nationalmannschaft aufbieten muss. Katar aber hat keine Frauen-Nationalmannschaft, beziehungsweise gründete im Zuge der WM-Vergabe lediglich ein Scheinteam, das seitdem ausschließlich Freundschaftsspiele bestritten hat – das letzte 2014, also acht Jahre vor der Männer-WM. Trotzdem hielten Infantino und die FIFA vehement an Katar als Austragungsort fest.

Und so scheint es auch hier wahrscheinlich, dass die Statuten-Regelung eher den Trump-Inszenierung rund um die Männer-Weltmeisterschaft im Sommer dienen soll, als der Förderung der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Zumal die FIFA ja auch sonst kein Problem hat, mit Diktaturen und Regimen, die schwere Menschenrechtsverletzungen verantworten, zusammenzuarbeiten.

Trotzdem ist die Wiedereinführung der afghanischen Frauennationalmannschaft natürlich eine gute Nachricht. Zuallererst natürlich für die Frauen Afghanistans. Die ehemalige Kapitänin Khalida Popal bezeichnete die Rückkehr darum auch als Zeichen von „Identität, Würde und Hoffnung“. Viele Spielerinnen waren nach der Taliban-Machtübernahme nach Australien, Europa, in die USA oder in den Nahen Osten geflohen. Zuletzt hatte das Flüchtlingsteam „Afghan Women United“ die Vorarbeit geleistet, worüber FanLeben.de auch berichtete. Das Team absolviert als nächstens vom 1. bis zum 9. Juni in Neuseeland ein Trainingslager und trifft dabei auch auf die Cook-Inseln. Die Qualifikation für die Frauen-Weltmeisterschaft 2027 hat allerdings bereits begonnen, Afghanistan könnte aber in der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 einsteigen.

Doch auch darüber hinaus ist die Rückkehr der afghanischen Frauen-Fußball-Nationalmannschaft ein wichtiges Signal. „Wir sind zutiefst dankbar, dass die FIFA uns diese Gelegenheit und dieses Privileg gegeben hat, zu zeigen, wozu Frauen fähig sind“, sagt nämlich auch die amtierende Nationalmannschafts-Kapitänin Fatima Haidari. „Es ist eine klare Botschaft an die Welt, dass Frauen, wenn sie etwas in ihrem Leben erreichen wollen, nicht nur als Sportlerinnen, in der Gesellschaft den Männern gleichgestellt sein sollten, insbesondere im Sport und in Ländern wie Afghanistan, wo sie in den letzten Jahren keine Chance dazu hatten. Damit ist dieser Traum wahr geworden.“ Fußball – das wird so wieder einmal deutlich – hat die Macht Gesellschaft zu gestalten, positiv zu verändern.

Viel zu oft verpufft diese Kraft ungenutzt – oder wird sogar ins Gegenteil verkehrt. Nicht zuletzt von Gianni Infantino, Stichwort: FIFA-Friedenspreis. Es ist an uns Fans ihn damit nicht durchkommen zu lassen. Und dafür zu sorgen, dass die Kraft des Fußballs noch viel häufiger gebraucht wird, um Positives zu bewirken. Zum Beispiel als Fans der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft.

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Von admin