Die Geschichte um den deutschen 7:1-Auftraktsieg gestern gegen Curaçao kann man auf zwei verschiedene Weisen erzählen. Zunächst die pessimistische: Das war ein Pflichtsieg – und trotzdem gab es ein relativ frühes Gegentor, wirkte die deutsche Mannschaft noch nicht vollends aufeinander eingespielt und blieben die eigentlich als zentrale Unterschiedsspieler eingeplanten Kai Havertz und Leroy Sané überwiegend blass. Dann die optimistische: Das war der höchste Auftaktsieg der deutschen WM-Geschichte, nach dem 1:1-Gegentreffer ist die deutsche Mannschaft noch vor der Pause wieder in Führung gegangen und als das Spiel nach circa einer halben Stunde zu plätschern begann, konnte Bundestrainer Julian Nagelsmann mit seinen Einwechselungen für neues Tempo und mehr Willen sorgen. gerade Deniz Undav, in knapp 30 Minuten immerhin an drei Toren direkt beteiligt, überzeugte dabei mit Kreativität und Spielwitz. Zumal der mannorientierte Nagelsmann-Fußball gegen spielerisch klar unterlegene Mannschaften oft weniger stark wirkt als in knappen Spielen gegen (andere) Top-Mannschaften.

Folgt man der zweiten These, kann man nicht nur besser in WM-Stimmung kommen, man kommt auch schnell zur Frage, ob wir gerade beim Beginn eines neuen Nationalmannschafts-Zyklus zuschauen, der tatsächlich wieder das Potenzial hat, einen Weltmeisterschafts-Titel für Deutschland zu gewinnen – wenn nicht bei diesem Turnier dann ja vielleicht in vier Jahren? Dafür spricht, dass bis auf wenige Ausnahmen die gestrige Stamm-Elf auch 2030 beim Turnier in Spanien Portugal und Marokko dabei sein könnte. Nico Schlotterbeck und Kai Havertz wären dann 31, Felix Nmecha 29, Nathaniel Brown, Florian Wirtz und Jamal Musiala 27, Aleksandar Pavolovic 26 Jahre alt. Lediglich hinter Jonathan Tah und Leroy Sané (dann jeweils 34) sowie Joshua Kimmich (dann 35) stünde aus Altersgründen ein Fragezeichen. Und nur Manuel Neuer wäre mit dann 44 Jahren sicher nicht mehr dabei. Also vermutlich. Auch aus dem restlichen 26-Mann-Kader werden Malick Thiaw, Jamie Leweling, Angelo Stiller (alle dann 29), Nick Woltemade, Maximilian Beier (beide dann 28) und Assan Ouedrago (dann 24) in vier Jahren noch keine 30 Jahre alt sein. Sogar David Raum könnte mit dann 32 Jahren auch noch eine Alternative sein. Das wäre ein halber Kader – und vor allem wären es viele dann mutmaßlich noch gefestigtere Leistungsträger. Auch Alexander Nübel und Waldemar Anton kämen ja nach Bedarf mit dann 34 Jahren als erfahrene Führungsspieler noch für eine Weltmeisterschaft in Frage.

Hinzu kommt, dass auf den Positionen, auf denen Nachbesetzungen anstehen, ja bereits heute WM-tauglicher Konkurrenzkampf herrscht: Jonas Urbig, der ja aktuell schon als Trainingsspieler mit in die USA gereist ist, Noah Atubolu, Mio Backhaus und Dennis Seimen werden perspektivisch um die drei Torhüterplätze kämpfen. Yann Bisseck hätte bei diesem Turnier schon eine Nominierung als Innenverteidiger verdient gehabt, aber auch Finn Jeltsch, Karim Coulibaly und Nnamdi Collins rücken nach. Lennart Karl würde ebenfalls schon in den USA, Kanada und Mexiko auf der Sané-Position spielen, hätte sich das Bayern-Talent nicht in der Turniervorbereitung verletzt. Aber auch hier gibt es mit Brajan Gudra, Paul Nebel, Wael Mohya, Karim Adeyemi, Kevin Schade und vor allem Said El Mala schon heute viel Konkurrenz. Die Plätze von Pascal Groß und Leon Gorentzka wiederum könnten Tom Bischof und Kennet Eichhorn einnehmen, dahinter lauern aber auch noch Rocoo Reitz und Kasper Jander, der sich in England toll entwickelt. Und im Sturm könnte Nicoló Tresoldi den Platz von Deniz Undav einnehmen, wenn der Kurde nicht auch in vier Jahren noch für die besonderen Momente wichtig bleiben sollte. Insofern macht es durchaus Sinn, dass der Bundestrainer bei diesem Turnier bewusst Kaderplätze für junge Spieler reserviert hat – er hätte dabei zum Beispiel auf der Torhüter-Position oder in der Innenverteidigung sogar noch mutiger sein können. Nichtsdestoweniger kommt man nicht umhin, den in den letzten Jahren angestoßenen Strukturreformen in der Nachwuchsentwicklung beim DFB Respekt zu zollen, aber das nur am Rande.

Denn um die WM 2030 – und den Fakt, dass sie aus absurden Gründen auf drei Kontinenten ausgetragen werden wird, weil neben Europa und Afrika noch Südamerika mit je einem Spiel in Uruguay, Paraguay und Argentinien hinzu kommt – geht es noch früh genug. Jetzt bleibt die Frage, was beim laufenden Turnier möglich ist. Die ersten Tage zeigen spannende Spiele, Favoriten, die sich deutlich schwerer taten, als die Nagelsmann-Elf gestern, aber auch unterschätzte Mannschaften, die das Zeug haben, für Überraschungen zu sorgen. Eine dieser Mannschaften ist übrigens der nächste deutsche Gruppengegner: Die Elfenbeinkünste, die gegen Ecuador ein ebenso schnelles wie diszipliniertes Spiel gezeigt hat. Spätestens nach diesem Duell werden wir also wissen, wie es ums DFB-Team steht.

Und bis dahin lohnt sich Optimismus.

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Von admin