Das Spiel, in dem der Schiedsrichter vom Platz musste – und Pelé weiterspielte

Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wolltendie Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühneüber die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeitenüber einen Schiedsrichter und seine Zahnprotheseüber die WM 1954 berichtet habenein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritiusein Spie mit mehr als einem Ball berichtet habenein ziemlich überraschendes Toreinen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitiertendie Erfindung der Strafkartendas Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens berichtet haben, geht es heute – anlässich der Schiri-Kritik während der laufenden Weltmeisterschaft – um eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung. Aber keine Entscheidung eines Schiedsrichters, sondern eine über einen Schiedsrichter. Los geht’s!

Es gibt Fußballgeschichten, die so unglaublich klingen, dass sie erfunden sein müssten. Die Geschichte von Pelés einzigem Platzverweis gehört dazu. Denn am Ende des Abends verließ nicht der Weltstar das Spielfeld – sondern der Schiedsrichter.

Die Szene spielte sich im Juli 1968 in Kolumbien ab. Der Santos FC befand sich wie so oft in dieser Zeit auf einer lukrativen Auslandstourneen. Denn wo Pelé auflief, waren die Stadien ausverkauft. Auch in Bogotá – beziehungsweise nach anderen Quellen im nahegelegenen Pereira – wollten Zehntausende den besten Fußballer der Welt sehen.

Doch nur rein freundschaftlich verlief die Begegnung trotz allem nicht – im Gegenteil: Pelé geriet während des Spiels immer wieder mit Gegenspielern und Schiedsrichter Guillermo Velásquez aneinander. Nachdem bereits ein Santos-Spieler anschließend wegen unsportlichen Verhaltens des Feldes verwiesen worden war, zeigte Velásquez irgendwann sogar Pelé selbst die Rote Karte.

Für die Zuschauer*innen war das ein Schock. Und vor allem das Gegenteil von dem, was sie eigentlich sehen wollten. Immerhin waren ja überhaupt nur ins Stadion gekommen, um den dreifachen Weltmeister, den vielleicht besten Spieler aller Zeiten, spielen zu sehen. Was dann folgte, beschreiben zahlreiche Quellen als chaotische Szenen: Pfiffe, Proteste und eine zunehmend aufgeheizte Atmosphäre. Die Fortsetzung des Spiels war kaum noch möglich.

An diesem Punkt nimmt die Geschichte ihren legendären Verlauf.

Denn um die Lage zu beruhigen, entschieden sich die Organisatoren zu einer außergewöhnlichen Maßnahme: Schiedsrichter Velásquez wurde ersetzt und ein anderer Unparteiischer übernahm die Leitung der Partie – Pelé durfte daraufhin wieder mitspielen. Genau dieser Ablauf wird sowohl von Pelé selbst als auch in mehreren späteren Berichten bestätigt.

Ob dies formell einer Rücknahme des Platzverweises entsprach oder der neue Schiedsrichter das Spiel schlicht ohne die ursprüngliche Entscheidung fortsetzte, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Die vorhandenen Quellen erlauben hierzu keine eindeutige Rekonstruktion. Aber eigentlich ist das ja auch egal. Denn ziemlich kurios ist diese Konfliktbewältigung ja so oder so.

Nur erfolgreich war die Streitvermeidungstaktik trotzdem nicht. Denn auch nach dem Schlusspfiff war der Abend noch nicht vorbei. Nach mehreren Berichten mussten sich Spieler und Offizielle wegen der Tumulte gegenüber den Behörden verantworten. Teilweise ist sogar von einer kurzfristigen Festsetzung der Santos-Mannschaft die Rede, bevor sich die Lage wieder beruhigte.

Pelé hat all das natürlich nicht geschadet – im Gegenteil: Es untermauert nur seinen Status als legendärster Spieler aller Zeiten. Denn auch wenn es immer wieder heißt, dass Schiedsrichter große Namen bei ihren Entscheidungen bevorzugen, dass ein ausgesprochener Platzverweis zurückgenommen und stattdessen der Schiedsrichter vom Feld geschickt wird, das hat in der Geschichte des Spiels so wohl nur der brasilianische Superstar geschafft.

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Von admin