Immer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheimim zweiten Teil folgte Bursasporim dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesdayim sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderersim achten beschäftigten wir uns mit Manchester Unitedim neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoenseim zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrzeim elften ging es darum, wie Fans den ältesten Fußballvereins Bulgariens zurückkauftenim zwölften ging es um die Rückkehr von Coventry in die Premier Leage, im 13. verabschiedeten wir uns von einem der bedeutensten Vereine des Frauenfußballs, im 14. um Leichester City und im 15. um zwei Klubs aus Bukarest und Belgrad. Heute schauen wir nach Südfrankreich. Los geht’s!

Zinédine Zidane, die ehemaligen Bundesligaspieler Bixente Lizarazu und Johan Micoud sowie die deutschen Nationalspieler Klaus Allofs, Manfred Kaltz, Uwe Reinders und Dieter Müller – sie alle spielten für den sechsmaligen französischen Meisters Girondins Bordeaux, einem der bedeutensten Traditionsklubs in Frankreich. Auch in Deutschland ist der Klub bekannt und beliebt – auch wegen ihm: Oliver Kahn gewann mit dem FC Bayern 1996 die beiden UEFA-Pokal-Endspiele gegen Girondins mit 2:0 und 3:1.

Jetzt steht der Klub vor den Trümmern seiner Existenz. Aber der Reihe nach.

Spannend: Der Verein Girondis Bordeaux wurde schon 1981 gegründet und gilt darum als einer der ältesten Sprtvereine Frankreich. Doch Girondis war zunächst lange „nur“ ein Gymnastik- und Schützenverein. Auch Rudern, der Reitsport und Schwimmen rückten noch vor dem Fußball ins Portfolio des Vereins. Gekickt wurde in Bordeaux erstmals 1910 – auf Druck vieler Vereinsmitglieder, die endlich auch Fußball spielen wollten. 1911 wurde die Fußballmannschaft jedoch schon wieder abgemeldet. Erst seit 1919 besteht durchgängig eine Fußballabteilung bei Girondis. Immerhin: Das erste offizielle Spiel wurde 1920 mit gleich mal 12:0 gegen Section Burdigalienne gewonnen.

Bis 1936 spielte man Fußball im Verein jedoch trotzdem erst einmal auf Amateurbasis. Den Profistatus erlangte man erst durch die Fusion mit dem benachbarten bordelaiser Sportverein Girondins Guyenne Spor. Auch hier gehörte man also nicht zu den Pionieren, denn Profifußball gab es in Frankreich bereits seit 1932. 1937 debütierte man dann unter dem spanischen Trainer Benito Diaz in der zweiten Liga. Diaz brachte die spanischen Spieler Santiago Urtizberea und Jaime Mancisidor zum Verein. Letztgenannter diente dem Verein später als Kapitän. In der ersten Saison erreichte man den Klassenerhalt nur über die Abstiegsrelegation. 1938 zog man dafür ins bis heute genutzte Stadion Chaban-Delmas, das für die WM 1938 gebaut worden war. Das erste Stadion des Klubs, das Stade Galin, wird hingegen bis heute als Trainingsplatz genutzt.

Zu seinem heutigen Logo kam Girondis Bordeux wiederum 1940 durch die Fusion mit dem lokalen Sportklub AS Port, der das Skapulier bereits vorher verwendet hatte. Mit dem neuen Logo zog man prompt ins Finale des Coupe de France des Jahres 1941 ein. Das im besetzten Frankreich durchgeführte Spiel wurde im Stadion in Saint-Ouen ausgerichtet und endete 2:0 gegen SC Fives mit Urtizberea als doppeltem Torschützen. Der erste Titel des Klubs – wenn auch unter historisch unwürdigen Begleiterscheinungen. Erst nach der Befreiung Frankreichs kehrte Bordeux dann auch in den Ligabetrieb zurück und konnte dort rasch in die erste Liga aufsteigen.

1950 – im ersten Erstligajahr der Klubgeschichte – sicherte sich Girondis Bordeux dann sogar gleich die Meisterschaft. Inzwischen war der Franzose André Gérard Trainer der Mannschaft. Er verpflichtete unter anderem den Niederländer Bertus de Harder. Spieler wie de Harder, Édouard Kargu und Camille Libar entwickelten Girondis zur Spitzenmannschaft in Frankreich. Allerdings hielt das nicht lange und zwischen 1956 und 1960 entwickelte sich der Klub zur Fahrstuhlmannschaft zwischen erster und zweiter Liga, bevor man in den 60er und 70er Jahren wieder fest zur Ligue 1 gehörte, einige Male das Pokalfinale erreichte und auch international immer wieder vertreten war.

1979 wurde der Verein schließlich an den einflussreichen mmobilien-Mogul Claude Bez verkauft, der sich selbst als Präsident einsetzte. Bez investrierte kräftig. Die Folge: drei Meisterschaften und zwei Coupe-de-France-Titel. Während der Bez-Ära gingen aus der Bordeaux-Mannschaft zudem einige französische Nationalspieler hervor, z. B. Bernard Lacombe, Jean Tigana, René Girard, Jean-Christophe Thouvenel und Thierry Tusseau. Die gute Jugendarbeit zeichnet den Klub bis heute aus. Angeführt durch die Siebziger-Jahre-Größen Giresse und Gernot Rohr gewann Bordeaux so in der Saison 1983/84 zum Beispiel den ersten Meistertitel seit 1950. Spektakulär: Am Ende der Saison war man punktgleich mit dem AS Monaco an der Spitze der Tabelle. Nur wegen des gewonnenen direkten Vergleichs wurde Bordeaux Meister. Der Titel konnte ein Jahr später verteidigt und mit dem Einzug ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister gekröhnt werden. 1986 folgte zudem – in der achten (!) Finalteilnahme nach dem ersten Titel 1940 – der zweite Pokalsieg. 1999 und 2009 folgten die beiden weiteren Meisterschaften, 2013 der zweite Coupe de France.

Es folgte ein qualvoller – und Investoren-getriebener – Absturz. 2019 wurde der Girondis Bordeux dann an die US-amerikanische Investmentfirma King Street verkauft. King Street verließ Bordeux 2021 in einer Nacht- und Nebelaktion aufgrund Einnahmeeinbrüchen in Zuge der Corona-Pandemie und eines gekündigten TV-Rechte-Vertrags. Daraufhin hat das örtliche Tribunal de commerce den Verein unter seine Kuratel gestellt. Aus Konstanz wurde Chaos.

Und auf Chaos folgte Zerstörung: Im Juli 2021 übernahm dann der spanisch-luxemburgische Unternehmer Gérard Lopez den Klub. Lopez war zuvor unter anderem am OSC Lille beteiligt und Eigentümer eines Formel 1 Teams. Doch auch Lopez löste die finanziellen Probleme nicht – im Gegenteil: Unter ihm stieg Girondis Bordeux 2022 erstmals seit 50 Jahren wieder in die zweite Liga ab. Schon damals sollte der Klub aufgrund seiner ungeklärten finanziellen Situation bis in die Viertklassigkeit zurückgestuft werden – was in einem Schlichtungsverfahren gerade noch abgewendet werden konnte.

Doch damit nicht genug. Denn Lopez, der Lille bereits nach schweren finanziellen Problemen verkaufen musste und der als Eigentümer verantwortlich für das Ende von Royal Excel Mouscron im Profifußball gewesen ist, verstrickte seinen neuen Klub trotzdem in noch tiefere finanzielle Krisen. 2024 musste der Klub dann schließlich Insolvenz anmelden und wurde deswegen in die vierte Liga zurückgestuft. Im Frühjahr wurde der Klub zudem aufgrund seiner weiterhin katastrophalen finanziellen Situation von der FIFA mit einer Transfersperre belegt. Und jetzt wurde Girondins sogar aus allen nationalen Ligen ausgeschlossen. Ein sportlicher Neuanfang kann deshalb maximal in der sechstklassigen R1 gestartet werden – vorausgesetzt der Fußball-Verband der Region Nouvelle-Aquitaine stimmt dem zu. Denn wegen der Finanzprobleme steht mittlerweile aber sogar die Liquidation des Vereins im Raum. Darüber wird nun ein Handelsgericht entscheiden.

Wie konnte es soweit kommen? Klubbesitzer Gerard Lopez konnte die vom Ligaverband geforderten Gelder für die Absicherung der Spielzeiten 2025/26 und 2026/27 nicht fristgerecht nachweisen. Was basiclly sein Job gewesen wäre. Auch die Hoffnung auf eine Rettung durch den britischen Investor Sparta Capital zerschlug sich zuletzt, nachdem die Gespräche über eine Übernahme beendet worden waren. Man muss es darum so deutlich sagen: Lopez ist der Totengräber dieses Traditionsstandortes. Und – ja! – das hätte man bei seiner Biografie früher wissen können.

Ende Juli soll jetzt ein Handelsgericht entscheiden wie es weiter geht – ob es zur Liquidation kommt oder der Klub einen (letzten) Neustart wagen kann. Den Fans wäre es zu gönnen. Immerhin kamen selbst in der vierten Liga im Durchschnitt mehr als 10.000 Fans zu den Heimspielen von Girondis Bordeux. Vielleicht ist das ja auch gerade die Lösung, wie es in Südfrankreich weitergehen könnte: Ohne Investor, dafür in Fanbesitz. Mit Rückbesinnung auf die lokale Jugendarbeit und Geduld. Denn Girondis verdient Konstanz. Und Raum für Entwicklung. Dann hat der Verein immer wieder kreative Lösungen für sich gefunden.

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Von admin