Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wolltendie Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühneüber die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeitenüber einen Schiedsrichter und seine Zahnprotheseüber die WM 1954 berichtet habenein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritiusein Spie mit mehr als einem Ball berichtet habenein ziemlich überraschendes Toreinen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitiertendie Erfindung der Strafkartendas Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte und über Liebe und Hass berichtet haben, geht es heute um das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten. Los geht’s!

Am Ende dauerte es drei Sekunden.

Drei Sekunden Fußball, die bis heute in den Geschichtsbüchern stehen. Drei Sekunden, die ausreichten, um eines der bizarrsten Kapitel der internationalen Fußballgeschichte zu schreiben.

Als Schiedsrichter Miroslav Radoman am 9. Oktober 1996 im Kadriorg-Stadion von Tallinn anpfiff, standen elf schottische Nationalspieler auf dem Platz. Die estnische Nationalmannschaft fehlte.

Trotzdem wurde angepfiffen.

Und genau deshalb erinnert man sich bis heute an „One Team in Tallinn“ – die Geschichte eines WM-Qualifikationsspiels, bei dem nur eine Mannschaft erschien.

Die Ausgangslage

Im Herbst 1996 lief die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. In Europas Gruppe 4 trafen unter anderem Österreich, Schweden, Schottland und Estland aufeinander. Schottland ist natürlich eine bekannte und traditionsreiche Fußballnation. Estland hingegen befand sich erst wenige Jahre nach der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit noch im Aufbau einer eigenständigen Fußballstruktur. Am 9. Oktober sollte in Tallinn das Qualifikationsspiel zwischen beiden Mannschaften stattfinden. Anstoß war ursprünglich für 18:45 Uhr Ortszeit vorgesehen. Austragungsort war das Kadriorg-Stadion, Estlands Nationalstadion.

Niemand ahnte, dass daraus eine internationale Farce werden würde.

Das Problem mit dem Licht

Die Schwierigkeiten begannen am Vorabend: Als die schottische Mannschaft im Kadriorg-Stadion trainierte, beschwerten sich Spieler und Verantwortliche über die provisorische Flutlichtanlage. Das Licht sei ungleichmäßig, manche Bereiche des Platzes seien schlecht ausgeleuchtet und einzelne Scheinwerfer würden die Spieler blenden. In der Nacht wurde darum zwischen FIFA-Offiziellen, Verbandsvertretern und Organisatoren diskutiert.

Am nächsten Morgen traf die FIFA eine folgenschwere Entscheidung: Der Anstoß sollte nicht mehr um 18:45 Uhr erfolgen, sondern bereits um 15:00 Uhr. Für Schottland war das akzeptabel. Für Estland nicht. Die estnische Seite argumentierte, dass eine kurzfristige Vorverlegung um mehrere Stunden organisatorisch kaum umsetzbar sei. Fans hatten ihre Anreise auf den Abend ausgerichtet. Fernsehübertragungen waren für die ursprüngliche Anstoßzeit geplant. Die Mannschaft hielt deshalb an ihrem ursprünglichen Zeitplan fest. Während die Schotten sich auf die neue Uhrzeit vorbereiteten, erklärte Estland, den geänderten Termin nicht zu akzeptieren. Damit bewegten sich beide Verbände auf Kollisionskurs.

Schottlands Nationaltrainer Craig Brown ging dennoch davon aus, dass die Situation irgendwie gelöst würde. Später erinnerte er sich: „Ich hatte erwartet, dass die estnische Mannschaft verspätet erscheinen würde, um gegen die Entscheidung zu protestieren, dass das Spiel dann aber trotzdem stattfinden würde.“

Niemand rechnete ernsthaft mit dem, was wenige Stunden später geschah.

Die seltsamste Anstoßszene der Fußballgeschichte

Am Nachmittag des 9. Oktober betraten die Schotten dann den Platz. Doch die estnische Mannschaft war nirgends zu sehen.

Trotzdem lief das offizielle Zeremoniell ab: Die Schiedsrichter erschienen. Die schottischen Spieler stellten sich auf. Die Nationalhymnen erklungen. Es gab den Münzwurf. Die Tornetze wurden kontrolliert. Alles wirkte wie vor einem normalen Länderspiel – mit einer Ausnahme. Der Gegner fehlte. Es war ein ziemlich absurdes Bild, das natürlich auch auf den Rängen für reichlich Irritationen sorgten, auch wenn sich die Hintergründe natürlich längst herumgesprochen hatten.

Auf den Rängen reagierten darum auch vor allem die mitgereisten schottischen Fans mit Humor. „There’s only one team in Tallinn“, sang die Tartan Army immer wieder. Aus einem Spottgesang wurde innerhalb weniger Minuten ein historischer Slogan. Denn wie der Guardian-Journalist Patrick Glenn Jahre später schrieb: „Zum ersten Mal hatten sie damit – buchstäblich ebenso wie im übertragenen Sinn – vollkommen recht.“

Dann aber war das Protokoll püntklich um 15 Uhr abgearbeitet. Und es sollte losgehen. Absurd: Der Schiedsrichter pfiff die Partie auch tatsächlich an. Praktisch, dass die anwesenden Schotten bei der Platzwahl den Anstoß zugesprochen bekommen hatten. Billy Dodds stieß deswegen den Ball an. Er spielte ihn zu John Collins. Collins berührte den Ball. Wenige Augenblicke später pfiff Schiedsrichter Radoman die Partie wieder ab.

Das Spiel wurde erst jetzt offiziell abgebrochen.

Die Dauer der Begegnung: drei Sekunden.

Formal war diese Spiel-Inszenierung übrigens nötig, damit die Nationalmannschaft Schottlands ihre Bereitschaft zu spielen zeigen konnte. Wären sie aufgrund der Abwesenheit der Esten auch nicht aufgelaufen, hätte es ihre spätere Verhandlungsposition am Grünen Tisch geschmälert. Eine Absurdität war es natürlich trotzdem.

Wer bekommt die Punkte?

Und die Esten? Während die Schotten längst nicht mehr im Stadion waren, bewegte sich nun auch die estnische Mannschaft in Richtung Stadion. Denn Estland hielt weiterhin am ursprünglich angesetzten Abendtermin fest. Dafür mussten sie 90 Minuten vor 18 Uhr am Stadion sein, also um 16:30 Uhr. Die Gastgeber trafen dann auch tatsächlich „püntklich“ am Stadion ein – allerdings waren die Schotten da schon längst verschwunden waren. „Ihr Spiel“ war ja um 15:01 Uhr bereits wieder vorbei gewesen.

Beide Teams erschienen also am selben Tag am selben Stadion. Nur nicht zur selben Uhrzeit.

Jahre später erinnerte sich Estlands Torwart Mart Poom an die surreale Situation: „Ich glaube, wir dachten damals, dass Schottland vielleicht zurückkommen würde, weil das alles so bizarr war.“

Bleibt die Frage, wie dieses Nicht-Spiel nun gewertet wurde? Für Schottland schien die Sache eindeutig. Und die meisten Fußball-Fans sahen es genauso: Nach allgemeiner Erwartung würde Estland wegen Nichtantritts mit 0:3 gewertet werden.

Doch die FIFA überraschte alle. Anstatt das Spiel für Schottland zu werten, entschied das Exekutivkomitee, die Begegnung neu anzusetzen, da die Esten gute Argumente gegen die Kurzfristigkeit des vorgezogenen Anstoß vorbringen konnten. Austragungsort sollte nun aber ein neutraler Platz sein.

Die Entscheidung sorgte insbesondere in Schottland für heftige Kritik. Aber sie galt.

Das Wiederholungsspiel

Am 11. Februar 1997 trafen beide Mannschaften schließlich erneut aufeinander. Diesmal im Stade Louis II in Monaco. Diesmal erschienen beide Teams und zwar zur selben Zeit. Diesmal konnte also tatsächlich Fußball gespielt werden.

Das Ergebnis passte dann übrigens fast schon zu perfekt zur gesamten Geschichte: 0:0. Keine Tore. Kein Sieger.

Keine Auflösung.

Nur eine weitere Pointe in einer ohnehin absurden Geschichte.

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Von admin