Die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zur Wiederherstellung der Rechte des Russischen Olympischen Komitees (ROK) wirft Fragen auf. Auch die Empfehlung an internationale Sportverbände, sämtliche Einschränkungen russischer Sportlerinnen und Sportler aufzuheben, hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Das IOC beruft sich auf ein Gutachten seiner Rechtskommission, welches eine Rückkehr Russlands in die Sport-Welt empfohlen hatte. Der Ausschuss erklärte, das ROK umfasse inzwischen keine regionalen Sportorganisationen auf den besetzten ukrainischen Gebieten mehr und versichere, dort keine Aktivitäten zu betreiben und auch künftig nicht aufzunehmen.

Allerdings: Auch am Tag der Bekanntgabe durch das IOC beseitigten Einsatzkräfte in Kyjiw noch immer die Folgen massiver russischer Raketen- und Drohnenangriffe. Dutzende Zivilisten kamen ums Leben, viele Wohnhäuser wurden zerstört oder schwer beschädigt. Russland führt weiterhin einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine – an der Entscheidungsgrundlage für den einstigen Ausschluss, nämlich dem, dass auch die Sportwelt solidarisch mit den Menschen in der angegriffenen Ukraine sein will, hat sich also eigentlich gar nichts geändert. „Ich glaube aber nicht, dass die Sportlerinnen und Sportler dafür bezahlen sollten“, meint IOC-Präsidentin Kirsty Coventry. Das IOC wolle den Athlet*innen „nicht die Verantwortung für die Handlungen ihrer Regierungen aufbürden“.

„Jede russische Flagge, die gehisst wird, während russische Raketen weiter auf ukrainische Städte niedergehen, bedeutet einen Verrat an den olympischen Werten von Frieden und Menschenwürd“, findet darum auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha. Und der ukrainische Jugend- und Sportminister Matwij Bednyj sprach von einem „alarmierenden Signal für die gesamte internationale Gemeinschaft“. Er rief die Regierungen der Länder, die internationale Wettkämpfe ausrichten, dazu auf, staatliche Symbole Russlands auf ihrem Territorium nicht zuzulassen.

Doch nicht nur aus der Ukraine, auch aus den baltischen Ländern kommt deutliche Kritik. Der estnische Außenminister Margus Tsahkna sprach von einer „beschämenden und unverantwortlichen“ Entscheidung. Der litauische Außenminister Kęstutis Budrys erinnerte frustriert daran, dass das IOC zuvor ähnlich im Fall von Belarus gehandelt hatte. Belarus hatte sein Territorium als Aufmarschgebiet für den russischen Angriff auf die Ukraine zur Verfügung gestellt.

Kritik kommt aber auch aus West- und Mitteleuropa. Die französische Sportministerin Marina Ferrari teilte mit: „Diese Entscheidung wird in einem Moment gefällt, in dem der von Russland gegen die Ukraine geführte Angriffskrieg andauert, das Völkerrecht verletzt und täglich neue Opfer fordert. Vor diesem Hintergrund bedauert Frankreich zutiefst eine Entscheidung, die faktisch zur Normalisierung der derzeitigen Lage beiträgt, trotz ihrer ganzen Schwere.“

Verständnis für die Entscheidung kommt wiederum aus Deutschland. Stefan Schwarzbach, Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Deutschen Skiverbands,sagt: „Es geht nicht nur um die ukrainischen Athletinnen und Athleten, sondern natürlich auch um die russischen. Letztendlich sind es diejenigen, die am meisten darunter leiden und die können vermutlich am wenigsten dafür.“ Doch wie glaubwürdig ist diese Haltung, nachdem russische Sportler*innen nach Beginn des Krieges zunächst ausgeschlossen wurden? Sendet die Aufhebung des Ausschlusses jetzt nicht eher das Signal, dass die Solidarität mit der Ukraine an Bedeutung verloren hat? Das zumindest befürchtet auch Schwarzbach: „Ob sich jetzt die politischen Rahmenbedingungen wirklich so geändert haben, dass man jetzt diese Neutralität aufheben kann, dass man wieder unter einer russischen Flagge Athletinnen und Athleten bei Weltmeisterschaften und beim Weltcup dabei haben möchte, das sei jetzt mal dahingestellt.“

Doch das Signal ist jetzt gesendet. Unter fahdenscheinigen Argumenten wird die Solidarität mit der Ukraine aufgehoben. Niemand wirft den russischen Athlet*innen vor, für den Krieg verantwortlich zu sein. Aber solange sie unter russischer Flagge starten, starten sie in Solidarität mit einem Land, das in der Ukraine jeden Tag Kriegsverbrechen begeht. Der IOC macht sich zum Spielball russischer Propaganda – und deutsche Sportfunktionär*innen schauen zu.

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Von admin