Steht die sportliche Integrität der laufenden FIFA-Weltmeisterschaft in Zweifel? Viele Fans empfinden das so. Und der Grund ist dieses Mal keine (strittige) Schiedsrichter-Entscheidung, sondern eine Regelauslegung durch den Weltverband selbst.
Darum geht es: Folarin Balogun, Stürmer der US-Nationalmannschaft, hatte im Sechzehntelfinalspiel seiner Mannschaft gegen Bosnien in der 61. Minute die Rote Karte gesehen. Balogun war mit seinem Gegenspieler Tarik Muharemovic zusammengeprallt und trat ihn dabei im Fallen auf den Knöchel. Vermutlich unbeabsichtigt, weswegen Schiedsrichter Raphael Claus erst einmal nicht auf das Foulspiel reagierte. Doch wegen der Schwere des Trefferbildes schaltete sich die VAR ein, Claus schaute sich die Szene selbst noch einmal an und verwies Balogun nach einer kurzen Unterbrechung des Feldes.
Diese Entscheidung war richtig. Baloguns Tritt hätte zu einer schweren Verletzung bei Muharemovic führen können, er trifft eindeutig den Knöchel und drückt seinen Fuß auch über dem Gelenk des Bosniers durch – „stempeln“ nennen Fußballer*innen das. Natürlich ist die Entscheidung auch hart, weil Balogun nicht zwingend Absicht zu unterstellen ist und die Sperre, die eine Rote Karte nach sich zieht, bei einer Heim-WM natürlich besonders weh tut. Aber nochmal: Nachdem der Schiedsrichter die Bilder des Foulspiels gesehen hatte, gab es für ihn keinen Spielraum mehr.
Die Konsequenz? Nach FIFA-Regeln eindeutig. „Wird ein Spieler oder ein Offizieller einer Mannschaft aufgrund einer direkten oder indirekten Roten Karte (zweite Verwarnung) des Feldes verwiesen, ist er automatisch für das nächste Spiel seiner Mannschaft gesperrt“, heißt es in FIFA-Regel 10.5 der aktuellen Turnierordnung. Alles andere würde auch die Integrität der Schiedsrichter-Entscheidungen auf dem Platz endgültig ins Lächerliche ziehen. Darüber hinaus können auch weitere Sanktionen, sprich längere Sperren verhängt werden. Dabei gilt: Selbst wenn die FIFA die Entscheidung auf den Platz zu hart gefunden hätte, als Tatsachenentscheidung der Schiedsrichter hätte sie weiter Bestand – dieser fundamentale Grundsatz der Regelauslegung soll die Integrität der Entscheidungen sichern. Die Folge also eigentlich eindeutig: Selbst mit der milden Ein-Spiel-Sperre würde Balogung zwingend das jetzt anstehende Achtelfinale der US-Boys gegen Belgien verpassen.
Und genau hier beginnt der Skandal.
Denn wie die FIFA am Sonntagabend überraschend bekanntgab, setzt sie die Sperre auf Bewährung aus. Sie schrieb: „Gemäß Artikel 27 des FDC (FIFA Disciplinary Code; Anm.d.Red.) wird die Umsetzung der automatischen Spielsperre für den US-amerikanischen Spieler Folarin Balogun für eine Bewährung von einem Jahr ausgesetzt.“ Eine Begründung lieferte der Weltverband nicht mit.
Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts und bis vor kurzen zudem als Mediator für die FIFA tätig, ist aufgebracht: „Bei diesem Foul – auch wenn sicher keine Verletzungsabsicht dabei war – nur ein Spiel Sperre zu geben, ist ein Geschenk. Dies nun auszusetzen, ist ein Skandal. Das ist ein fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit in aller Welt. Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen. Es wird größter Anstrengungen bedürfen, um diese Entwicklung einzufangen. Die FIFA droht allen Verbänden seit Jahrzehnten mit Sanktionen, sollten sie das Prinzip der Mindestsperre von einem Spiel missachten. In der Bundesliga hätte Balogun wohl drei Spiele bekommen wegen rohen Spiels, dann hätte man über eine Reduzierung auf zwei diskutieren können. Aber so ist das nun wirklich skandalös.“
Dafür meldete sich der US-Präsident äußerst zufrieden über seinem privaten sozialen Netzwerk Truth Social zu Wort. „Vielen Dank an die FIFA, dass sie das Richtige getan und eine große Ungerechtigkeit beseitigt hat!“, ließ Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social verlauten. Es passt immerhin ins Bild, dass Trump die Anwendung geltenden Rechts als Unrecht tituliert.
Der Belgische Fußballverband, dem KBVB, hingegen ist – wie so ziemlich alle Fußballfans weltweit – außer sich. Im deutschen Nachbarland ist man „fassungslos über die Entscheidung der FIFA, den gesperrten US-amerikanischen Spieler Folarin Balogun für das Spiel USA – Belgien am Montag für spielberechtigt zu erklären“. Die Entscheidung, argumentieren die Belgier, steht außerdem „in direktem Widerspruch zu den Bestimmungen des Reglements für die WM 2026“, wo in Artikel 10.5 ebenfalls geregelt ist, dass eine Rote Karte eine automatische Ein-Spiel-Sperre nach sich zieht. Dies wurde laut Verband „ausdrücklich im spezifischen Rundschreiben Nr. 16 zur FIFA-WM 2026 bekräftigt worden, das am 12. Mai 2026 an alle teilnehmenden Länder versandt wurde“. Zudem werde die Regelung bei jedem „Match Coordinaton Meeting“ im Vorfeld jedes Spiels sowie „in allen Workshop-Präsentationen zur WM“ wiederholt. „Um die Rechte aller teilnehmenden Länder und den allgemeinen Fairplay-Gedanken unseres Sports zu schützen – sowohl jetzt als auch bei allen künftigen Weltmeisterschaften – prüft der KBVB diese Angelegenheit weiterhin eingehend“, heißt es abschließend in dem Statement. Eine formelle Beschwerde liegt aber wohl noch nicht vor.
Auch der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp wurde in seiner aktuellen Rolle als TV-Experte deutlich: „Wenn es tatsächlich so war, dass Trump und Infantino das miteinander ausgemacht haben, dann ist das verrückt“, stellte er bei Magenta Sport klar. Und weiter: „Man muss einmal ganz kurz sagen: Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel!“ Er erklärt: „Wir alle leiden unter Fehlentscheidungen. Trotzdem lernen wir alle im Laufe des Lebens, damit zu leben. Und das hier ist ganz einfach eine Tatsachenentscheidung. In der Vergangenheit sind so lächerliche Rote Karten gegeben worden, wo alle nachher sagen, das war keine Rote Karte. Und trotzdem bleiben sie bestehen, weil es Tatsachenentscheidungen sind.“ Wobei Klopp die Schiedsrichter-Entscheidung zur Roten Karte hier richtig findet: „Da gibt es keine zwei Meinungen. Das ist eine Rote Karte. So leid uns das tut, weil Balogun will das nicht. Aber das sagen die Regeln.“ Sein Fazit: „Diese beiden Menschen, die beide keine Ahnung von Fußball haben, sollten gar nichts damit zu tun haben.“
Auch der amtierende DFB-Präsident Bernd Neuendorf zeigte sein Unverständnis – wenn auch nicht ganz so deutlich: „Die FIFA sollte sich jetzt rasch zu Berichten erklären, wonach der Entscheidung zur Aussetzung der Roten Karte gegen den amerikanischen Spieler Folarin Balogun ein Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino vorausgegangen sein soll.“ Denn: „Es geht um die Integrität des Wettbewerbs und die Glaubwürdigkeit der FIFA“, sorgt sich auch Neuendorf um die Zukunft des Fußballs. Und fordert von der FIFA eine rasche Aufklärung des Vorgangs: „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden“, stellte der DFB-Präsident klar. Wenn das denn überhaupt möglich ist. So oder so würde man sich vom Chef-Repräsentanten des deutschen Fußballs weniger Konjunktiv und mehr Durchsetzungsstärke bei der Aufklärung wünschen, aber das nur am Rande.
Ähnlich wie Neuendorf sieht es jedenfalls auch Ex-Nationalspielerin Tabea Kemme, die mit Klopp kommentierte: „Das hat auf jeden Fall Geschmäckle. Da muss auch die Fifa-Ethikkommission eingreifen, die genau solche Fälle ahnden und die Beweislage checken muss.“ Klopp daraufhin süffisant: „Steht der nicht auch Infantino vor?“ Eine Szene, welche das ganze Drama für den Weltfußball ungewollt komisch und ziemlich treffend zusammenfasste.
Fassen also auch wir zusammen: Wir haben ein klares Foul, eine Rote Karte auf dem Platz und eine eindeutige Konsequenz, die scheinbar willkürlich ausgesetzt wird – wofür sich der US-Präsident freundlich bedankt. Was soll man da bitte sonst machen als die sportliche Integrität der FIFA in Frage zu stellen?
Hinzu kommt, dass diese Geschichte in jedem Fall nur Verlierer kennt. Die FIFA, die sich eigentlich qua Statut jede staatliche Einmischung verbietet, nimmt einfach hin, dass ein Staatsoberhaupt – noch dazu dieses – den eigenen Schiedsrichtern unterstellt, sie würden „große Ungerechtigkeiten“ produzieren. Sie schränkt daraufhin ihre Autorität ein, was dazu führt, dass ihnen in Zukunft mit weniger Respekt begegnet werden wird. Und sie erzeugt mindestens Mal den Eindruck, dass, wer der FIFA ein lukratives Geschäft ermöglicht, am Ende auch über Fußball-Regeln beziehungsweise ihre Anwendung zu Gunsten seiner Mannschaft, mitbestimmen kann. Und natürlich wäre die sportliche Integrität des Turniers jetzt spätestens dann dahin, wenn die USA Folarin Balogun im Spiel gegen Belgien einsetzen und anschließend gegen die „roten Teufel“ weiterkommen. Es wäre etwas anderes als wenn eine Mannschaft wegen einer unglücklichen oder sogar falschen Schiedsrichter-Entscheidung auf dem Platz ausscheidet, denn selbst das nicht gegebene Cucurella-Handspiel 2024 wurde immerhin von einem Schiedsrichter während des Spiels bewertet – und nicht ein gegebener deutscher Elfmeter später am Grünen Tisch zurückgenommen, nach dem sich beispielsweise Spaniens Ex-König Juan Carlos beim UEFA-Präsidenten für einen schönen Jagdausflug bedankt hat. Oder anders formuliert: So sehr wie Gianni Infantino biedert sich noch nicht einmal Fox News Donald Trump an.
Manche Leute würden der FIFA jetzt Korruption unterstellen. Aber das muss man gar nicht. Das Bild, das der Weltverband bei diesem Turnier abgibt, spricht für sich.
