Der Wiener Sport-Club ist einer der traditionsreichsten und größten Sportvereine in Österreich. Er wurde immerhin schon 1883 gegründet und seine Mitglieder betreiben heute Sport in zehn Sektionen. Am bekanntesten ist wohl die Fußballabteilung, die aktuell in der drittklassigen Regionalliga spielt. Aber vor über einhundert Jahren wurde beim WSC auch Eishockey gespielt. Dann lange nicht. Bei Wikipedia heißt es: „Der Wiener Sport-Club hatte von 1908 bis 1921 eine erfolgreiche Eishockeysektion. Mit der Einführung des Pucks in der Saison 1921/22 gab der Verein den Eishockeybetrieb auf.“
Bitte was?
Eine Eishockey-Mannschaft stellt den Spielbetrieb wegen des Pucks ein? Aus heutiger Sicht klingt das ziemlich kurios. Sportgeschichtlich aber ist es zumindest nachvollziehbar. FanLeben.de erzählt die Eishockey-Geschichte des Wiener Sport-Clubs nach. Beginnen wir auf Wienerisch: Loss ma’s au!
Der Wiener Sport-Club stellte bereits in der Saison 1908/09 eine eigene Eishockey-Mannschaft. Die Spielweise orientierte sich seinerzeit aber noch stark am englischen Bandy. Bandy gilt dabei als einer der Vorläufer des modernen Eishockeys, unterscheidet sich von diesem aber in mehreren zentralen Punkten. Gespielt wurde nämlich eben nicht mit einem Puck, sondern mit einem kleinen Ball, außerdem auf einer deutlich größeren Eisfläche, die in ihren Dimensionen eher an ein Fußballfeld erinnert. Während Eishockey heute vom schnellen Wechselspiel auf engem Raum, harten Checks und hoher Körperlichkeit lebt, wirkt Bandy flüssiger und weiträumiger. Die Sportart entstand im 19. Jahrhundert in England und war besonders in Nordeuropa und Teilen Mitteleuropas verbreitet. In Deutschland spielte Bandy dagegen kaum eine Rolle. Viele deutsche Eishockeyvereine entstanden deshalb erst nachdem sich die kanadische Eishockey-Variante in Europa durchgesetzt hatte oder sogar erst unter nordamerikanischem Einfluss nach dem zweiten Weltkrieg.
Das frühe Wiener Eishockey war deswegen auch eng mit der Kultur der großen Eislaufplätze, die das Bild der Stadt prägten, verbunden. Zentren wie die Engelmann-Anlage oder später der Wiener Heumarkt entwickelten sich zu Orten einer neuen urbanen Sportkultur. Als 1909 auf dem Engelmann-Areal die erste große Kunsteisbahn Österreichs eröffnet wurde, begann der eigentliche Aufstieg des Wiener Eissports. Wien erhielt dadurch einen enormen Standortvorteil gegenüber vielen anderen Regionen des Landes, wo der Spielbetrieb weiterhin stark von kalten Wintern abhängig blieb.
In dieser frühen Phase gehörte darum auch der Wiener Sport-Club gleich zu den stärksten Mannschaften des Landes. Die erste österreichische Meisterschaft im Eishockey mit Ball wurde 1912/13 ausgetragen – und vom WSC gewonnen. Ein Jahr später verteidigte der Verein den Titel erfolgreich. So prägte die Mannschaft des WSC den Wiener Eishockeysport vor dem Ersten Weltkrieg. Der Verein trat gegen Mannschaften wie den Wiener TEC, Slovan Wien, den WAC oder die First Vienna, die Fußball-Fans vor allem für ihre heute zweitklassige Fußballmannschaft kennen, an und war so Teil eines stark von Wien dominierten Meisterschaftsbetriebs. Gleichzeitig entwickelte sich der Sport damals vergleichsweise langsam. Milde Winter erschwerten einen regelmäßigen Spielbetrieb, internationale Standards fehlten noch und die Spielweise war stark regional geprägt, was eine österreichweite Vergleichbarkeit erschwerte.
Der Erste Weltkrieg brachte das Wiener Eishockey dann auch zunächst beinahe zum Erliegen. Der Betrieb künstlicher Eisflächen wurde kriegsbedingt stark eingeschränkt, viele Vereine verloren Spieler oder organisatorische Ressourcen an den Krieg. Dennoch schaffte es der Sport in Wien zu überleben – allerdings verändert.
Und nach dem Krieg setzte sich international zunehmend das kanadische Eishockey durch. Gespielt wurde nun immer häufiger mit der Scheibe, also dem Puck, statt Ball, auf kleineren Spielflächen und entsprechend mit anderen taktischen Anforderungen. Österreich hielt im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern dabei noch ungewöhnlich lange am alten Ballspiel fest, doch ab 1921/22 setzte sich das kanadische Puck-Eishockey endgültig im österreichischen Meisterschaftsbetrieb durch. Und genau in dieser Übergangsphase verschwand die Eishockeysektion des Wiener Sport-Clubs aus dem Meisterschaftsbetrieb.
Der berühmte Satz vom „Puck als Spielwerkzeug“ meint daher vermutlich nicht, dass der Verein buchstäblich aus Protest gegen die Gummischeibe aufhörte. Vielmehr steht der Puck symbolisch für einen kompletten Sportartenwandel. Das kanadische Eishockey war schon damals schneller, technischer und körperlicher. Gleichzeitig veränderten sich Infrastruktur, Trainingsanforderungen und organisatorische Rahmenbedingungen. Die Anpassung war kostenintensiv. Und für manche Spieler aufgrund des unbestritten höheren Verletzungsrisikos wohl auch einfach unattraktiv, gerade im Kontext der medizinischen Versorgung dieser Zeit. Das alte Wiener Ballspiel verschwand jedenfalls zunehmend – und mit ihm einige seiner traditionellen Vereine wie der WSC. Ausgeschlossen werden kann allerdings auch nicht, dass der traditionell bürgerliche und unter eher konservativen Arbeiter*innen beliebte Sport-Club auch mit den kanadischen Einflüssen fremdelte. Die Quellenlage allein zum WSC ist dafür zu dünn.
An die Stelle des Wiener Sport-Clubs traten nun neue Machtzentren des österreichischen Eishockeys. Vor allem der Wiener Eislauf-Verein entwickelte sich in den 1920er-Jahren zur dominierenden Kraft. Der WEV profitierte von hervorragender Infrastruktur, organisatorischer Stärke und gewann so die Fähigkeit, sich früh an das moderne kanadische Spiel anzupassen. Zwischen 1923 und 1931 gewann der Verein den Großteil der österreichischen Meisterschaften und stellte mit Abstand die meisten Nationalspieler. Auch der EK Engelmann Wien, der Klub, der im Umfeld der berüchtigten Eisfläche beheimatet war, entwickelte sich zu einer bedeutenden Größe des neuen österreichischen Eishockeys. Beide Vereine profitierten dabei davon, eng mit den großen Wiener Kunsteisbahnen verbunden zu sein und die Modernisierung des Sports aktiv voranzutreiben. Wien entwickelte sich so in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren sogar zu einem der wichtigsten Eishockeyzentren Europas. Österreich gewann 1927 und 1931 die Europameisterschaft und gehörte damals zur europäischen Spitze des Sports.
Und heute? Bandy wird inzwischen kaum noch gespielt. Vor allem in den skandinavischen Ländern und Russland, wo es jeweils jedoch auch deutlich weniger populär als das moderne Eishockey ist, gibt es noch nationale Ligen. Aber auch die USA, Ungarn, die Niederlande, Kasachstan, Estland, die Mongolei, Japan, die Ukraine, Somalia, China, die Slowakei und auch Deutschland nehmen an den alle vier Jahre ausgetragenen Weltmeisterschaften teil. Vier der letzten fünf Turniere gewann Schweden, davor drei Mal Russland.
Dafür wird beim Wiener Sport-Club inzwischen wieder Eishockey gespielt: 97 Jahre nach der Auflösung der alten Sektion wurde 2018 eine neue Mannschaft aufgebaut. An alte Erfolge können die Spieler allerdings nicht anknüpfen – dafür geht’s heute im Amateurbereich vor allem um Spaß am (neuen) Spiel.
