Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wolltendie Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühneüber die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeitenüber einen Schiedsrichter und seine Zahnprotheseüber die WM 1954 berichtet habenein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritiusein Spie mit mehr als einem Ball berichtet habenein ziemlich überraschendes Toreinen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitiertendie Erfindung der Strafkartendas Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens, eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé und den fußballerischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung berichtet haben, geht es heute um das Gegenteil – den Zerfall Jugoslawiens. Los geht’s!

Am späten Nachmittag des 13. Mai 1990 sollte im Maksimir-Stadion im kroatischen Zagreb ein Spiel beginnen, das zu den großen Begegnungen der damaligen jugoslawischen Liga gehörte: Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad. Der Tabellenführer aus Belgrad war zu Gast beim Verfolger aus Zagreb. Zehntausende Menschen waren gekommen.

Doch an diesem Sonntag war Fußball längst nicht mehr nur Fußball.

Eine Woche zuvor war die zweite Runde der ersten kroatischen Mehrparteienwahlen seit Jahrzehnten zu Ende gegangen. Franjo Tuđmans anti-jugoslawische beziehungsweise kroatisch-national ausgerichtete HDZ hatte einen deutlichen Wahlsieg errungen; zum Präsidenten Kroatiens sollte Tuđman jedoch erst am 30. Mai gewählt werden. In Belgrad hatte Slobodan Milošević seine Machtposition in Serbien inzwischen weitgehend gefestigt. Jugoslawien war formal noch ein Staat, aber sein politisches Fundament war brüchig geworden. Sowohl das kroatische als auch das serbische Nationalbewusstsein war unübersehbar, die heutigen Nationalstaaten waren bereits im Entstehen.

Und nun trafen im Maksimir zwei Fußballwelten aufeinander.

Auf der einen Seite standen die Delije, die organisierte Anhängerschaft Roter Sterns. Unter ihnen befand sich auch Željko Ražnatović, genannt Arkan, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine einflussreiche Figur innerhalb der Gruppe war und später als Anführer einer serbischen paramilitärischen Einheit bekannt werden sollte. Auf der anderen Seite standen die Bad Blue Boys, die Anhänger Dinamos. Im Zagreber Block standen neben den Bad Blue Boys auch Anhänger anderer kroatischer Vereine. Unter anderem Mitglieder der Torcida aus Split. Die Rivalität zwischen den Vereinen trat an diesem Tag hinter einer gemeinsamen kroatischen nationalen Identität zurück.

Schon vor dem Spiel war es deswegen auch abseits des Platzes unruhig. Die aus Belgrad angereisten Anhänger*innen zogen durch Zagreb, Sicherheitskräfte hatten Mühe die rivalisierenden Fangruppen zu trennen. Im Stadion wurde die Stimmung dann immer aggressiver. Auf der Südtribüne, wo die Roter-Stern-Fans untergebracht waren, kam es zu Ausschreitungen und Zerstörungen. Zäune wurden beschädigt, Gegenstände flogen, die beiden Fangruppen beschimpften einander. Dabei ging es aber längst nicht mehr um das Fußballspiel – es ging um Serbien gegen Kroatien.

Die Polizei war mit starken Kräften im Stadion. Doch anstatt die Situation rasch unter Kontrolle zu bringen, eskalierte sie. Nach den späteren Schilderungen verschiedener Beteiligter und Medienberichte kam es zunächst zu Auseinandersetzungen im und um den Gästeblock. Die Delije zerstörten Teile der Tribüne und gelangten durch Absperrungen; anschließend stürmten BBB-Anhänger von der Nordtribüne auf das Spielfeld. Die Situation verwandelte sich innerhalb kurzer Zeit in eine Massenschlägerei – während die Mannschaften bereits zum Aufwärmen auf den Platz gekommen waren.

Erst daraufhin griff die Polizei entschieden ein. Und genau hier liegt eine der bis heute umstrittensten Erinnerungen dieses Tages.

Aus Sicht der Dinamo-Anhänger*innen hatte die Polizei die Zerstörungen der Delije zunächst nicht ausreichend verhindert und richtete sich anschließend mit großer Härte gegen die Zagreber Fans. Die offizielle heutige Darstellung von Dinamo übernimmt diese Interpretation und spricht von einem einseitigen Vorgehen der damaligen Miliz. Spätere Aussagen eines damaligen Polizeiverantwortlichen widersprechen allerdings der Darstellung, die Miliz habe ausschließlich gegen die Dinamo-Fans vorgegangen. Nach seiner Darstellung wurden auch Delije-Anhänger mit körperlicher Gewalt und Schlagstöcken zurückgedrängt; das eigentliche Versagen habe vor allem in der mangelhaften Einsatzführung gelegen. So oder so schaukelte sich die Gewalt im Stadion weiter hoch.

Für die Menschen im Stadion spielte diese Differenzierung in diesem Augenblick keine Rolle mehr.

Auf dem Rasen standen Polizist*innen, Fans und Fußballer durcheinander. Schlagstöcke wurden eingesetzt. Menschen flüchteten über das Spielfeld. Die Tribünen leerten sich teilweise, während der Lärm weiter anschwoll.

Und dann trat Zvonimir Boban in die Geschichte ein. Boban war 21 Jahre alt und Kapitän von Dinamo Zagreb. Als er sah, wie Polizist*innen gegen Dinamo-Anhänger*innen vorgingen, lief er auf sie zu. Boban sprang hoch und trat den Polizisten mit einem Sprungtritt zu Boden.

Das Bild dieses Trittes ging um die Welt.

Es war nur ein Augenblick in einem chaotischen Nachmittag. Doch später wurde daraus ein Symbol: der Fußballer, der sich gegen den jugoslawischen Staat stellt.

Boban wurde für seinen Angriff auf den Polizisten zunächst für neun Monate gesperrt; die Strafe wurde später auf vier Monate reduziert. Er verpasste dadurch die Weltmeisterschaft 1990 in Italien.

Für viele Kroat*innen aber wurde der Tritt zu einem Bild des Widerstands. Boban selbst machte später deutlich, dass er die Handlung als Verteidigung seiner Werte und seiner Landsleute verstand.

Doch während Boban zum Symbol wurde, war das Stadion längst außer Kontrolle. Der Schiedsrichter konnte die Begegnung nicht anpfeifen. Es wurde abgesagt. Später wurde das Spiel offiziell mit 0:3 für Roter Stern gewertet. Die eigentliche Geschichte dieses Tages hatte ohnehin außerhalb der Fußballregeln stattgefunden.

Für viele gilt der 13. Mai 1990 als entscheidendes Datum auf dem Weg in den späteren Krieg in Kroatien. Dieser begann 1991, nachdem sich die politischen Gegensätze weiter zugespitzt hatten. Kroatien erklärte am 25. Juni 1991 seine Unabhängigkeit; nach einer dreimonatigen Aussetzung trat die Entscheidung am 8. Oktober endgültig in Kraft. Bereits zuvor hatten sich kroatische Serben gegen die Autorität der neuen kroatischen Regierung erhoben. Sie wurden dabei von der serbisch dominierten Jugoslawischen Volksarmee und von Belgrad unterstützten paramilitärischen Einheiten unterstützt. Es kam zu schweren Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Die internationalen Gerichte haben allerdings insbesondere zahlreiche schwere Verbrechen serbischer beziehungsweise von Belgrad unterstützter Kräfte gegen Kroaten und andere Nichtserben festgestellt.

Unter den Soldat*innen waren dabei auch viele Fußballfans, die sich wie Željko Ražnatović freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet hatten.

Das Bemerkenswerte ist, dass die jugoslawische Liga danach nicht sofort verschwand. Eine weitere Saison wurde gespielt; auch ein weiteres Duell zwischen Dinamo und Roter Stern fand noch statt. Und dennoch blieb dieser Sonntag im kollektiven Gedächtnis. Warum? Weil im Maksimir-Stadion etwas sichtbar wurde, das die politische Ordnung Jugoslawiens noch zu verbergen versuchte: Die nationale Zugehörigkeit hatte für viele Menschen begonnen, wichtiger zu werden als die gemeinsame jugoslawische Identität.

In der Wahrnehmung vieler Zuschauer*innen standen hier längst mehr als zwei Fußballvereine gegeneinander. Zagreb und Belgrad. Kroatische und serbische nationale Identitäten. Und dazwischen eine staatliche Ordnung, deren Autorität bereits brüchig geworden war.

In den Jahren danach wurde der 13. Mai zu einem Gründungsmythos der kroatischen Unabhängigkeit. Die Bad Blue Boys selbst betrachten den Tag bis heute als entscheidenden Moment ihrer Geschichte. Auch Dinamo erinnert jährlich an das Ereignis und an jene Fans, die später im Kroatienkrieg ums Leben kamen.

In der wissenschaftlichen Forschung fällt das Urteil vorsichtiger aus. Eine Studie zur politischen Rolle des Fußballs im Kroatien der Tuđman-Zeit bezeichnet die Ausschreitungen als symbolischen Wendepunkt und stellt fest, dass sie später in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens vielfach als der Tag interpretiert wurden, an dem der Zerfall des Landes begonnen habe. Zugleich macht die Forschung deutlich, dass der tatsächliche Zerfall Jugoslawiens natürlich ein längerer politischer und gesellschaftlicher Prozess war. Aber in kaum einem Land sind Fußball und Nationalbewusstsein so eng verknüpft wie in Kroatien und Serbien.

Und so wurde das nicht ausgetragene Spiel vom 13. Mai 1990 zu einem der berühmtesten Fußballereignisse Europas. Allerdings einer grausamen Geschichte.

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Von admin