Immer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheim, im zweiten Teil folgte Bursaspor, im dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesday, im sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderers, im achten beschäftigten wir uns mit Manchester United, im neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoense, im zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrze, im elften ging es darum, wie Fans den ältesten Fußballvereins Bulgariens zurückkauften, im zwölften ging es um die Rückkehr von Coventry in die Premier Leage, im 13. verabschiedeten wir uns von einem der bedeutensten Vereine des Frauenfußballs, im 14. um Leichester City, im 15. um zwei Klubs aus Bukarest und Belgrad und im 16. um Girondis Bordeaux. Heute schauen wir in die tscheschiche Hauptstadt. Los geht’s!
Denn seit 2016 kickt in Prag ein „Deutscher Fußball-Club“. Man fragt sich zurecht: Was steckt dahinter?
Die Antwort erfordert eine Zeitreise. Aber eine, die sich lohnt. Denn derr neue DFC sieht sich als Nachfolger des histischen Deutschen Fußball-Club Prags. Und dieser erzählt eine der bemerkenswertesten Gründungsgeschichten des deutschen Fußballs. Er entstand 1896 in einer Stadt, die damals nicht in Deutschland lag, sondern Teil der österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie war. Seine Geschichte erzählt von den Anfängen des organisierten Fußballs, von nationalen Identitäten und jüdischem Leben in Prag – aber auch von Ausgrenzung, Antisemitismus und der späteren Zerstörung eines Vereins durch die Nationalsozialisten.
Aber der Reihe nach: Gegründet wurde der DFC Prag am 25. Mai 1896 von deutsch-national gesinnten Juden. Sie kamen aus der kurz zuvor entstandenen Fußballabteilung des Deutschen Eis- und Ruder-Clubs Regatta Prag. Der DFC war damit von Beginn an ein Verein, in dem sich zwei Identitäten miteinander verbanden: Die Mitglieder verstanden sich als Deutsche beziehungsweise als Teil der deutschsprachigen Prager Gesellschaft und waren zugleich jüdischer Herkunft.
Um das zu verstehen ist noch etwas historischer Kontext wichtig: Das Prag dieser Zeit war Teil Österreich-Ungarns, genauer des Königreichs Böhmen. Die Stadt war ein kulturell und politisch vielfältiger Ort, in dem Tschechen und deutschsprachige Bürger*innen nebeneinander lebten. Sprache, nationale Zugehörigkeit und politische Orientierung waren dabei keineswegs bloß private Angelegenheiten. Sie bestimmten zunehmend auch das gesellschaftliche Leben – und damit unter anderem auch die Frage, in welchen Vereinen man Mitglied wurde und mit wem man Sport trieb.
Die deutschsprachige Bevölkerung Prags war politisch keineswegs einheitlich. Ein Teil orientierte sich an einem deutschen Nationalverständnis und wollte seine kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit gegenüber der tschechischen Mehrheit bewahren. Diese deutschnationale Haltung, der zunehmende Nationalismus trug dazu bei, gesellschaftliche Gruppen entlang ethnischer und sprachlicher Zugehörigkeit voneinander abzugrenzen und die gemeinsame gesellschaftliche Identität der heterogenen böhmischen Bevölkerung zu erschweren.
Dass der DFC Prag von Juden gegründet wurde, war dabei ebenso kein Zufall. Auch der Sport war Ende des 19. Jahrhunderts keineswegs frei von Antisemitismus. Jüdische Sportler*innen und Sportinteressierte stießen in verschiedenen bürgerlichen und nationalen Vereinen auf Vorurteile und Ausschlüsse. Der DFC Prag bot deshalb auch einen eigenen sozialen Raum. Seine Gründung bedeutete nicht, dass die jüdischen Mitglieder ihre deutschsprachige Identität aufgeben wollten. Im Gegenteil: Sie konnten hier ihre Verbundenheit mit der deutschen Kultur und Sprache mit ihrem jüdischen Hintergrund verbinden.
Das macht die Geschichte des Vereins besonders interessant. Der DFC Prag war trotz seiner jüdischen Gründungsgeschichte und Organisationskultur kein Gegenentwurf zur deutsch-nationalen Bewegung, sondern entstand innerhalb eines deutsch geprägten Milieus. Dabei zeigte die jüdische Herkunft vieler seiner Mitglieder jedoch gleichzeitig, wie widersprüchlich die damaligen Vorstellungen von „deutsch“ sein konnten. Während sich die Gründer selbst als Deutsche verstanden, wurden Juden von immer radikaleren Nationalisten zunehmend aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen.
Dabei sollte man zwischen den verschiedenen Formen des Nationalismus schon an dieser Textstelle klar unterscheiden. Das deutsch-nationale Selbstverständnis der Gründer von 1896 ist nicht mit dem späteren Nationalsozialismus gleichzusetzen. Deutschsprachigkeit, deutsche Kultur und ein deutsches Nationalbewusstsein konnten für jüdische Prager*innen damit unbedingt miteinander vereinbar sein. Nationale Bewegungen gibt es auch heute noch in Europa, zum Beispiel im Baskenland oder in Katalonien und sie müssen nicht zwingend politisch restriktiv sein. Der spätere Nationalsozialismus hingegen definierte Zugehörigkeit dagegen ausschließlich rassistisch und machte aus der jüdischen Herkunft einen Ausschlussgrund. Gerade diese Entwicklung macht die Geschichte des DFC so widersprüchlich: Ein Verein, der von deutsch-national gesinnten Juden gegründet worden war, wurde wenige Jahrzehnte später von den Nationalsozialisten gerade wegen seiner jüdischen Mitglieder als „jüdischer Verein“ verfolgt. Aber dazu kommen wir noch.
Der DFC war zudem kein isoliertes Phänomen. Jüdische Sportler*innen und Funktionär*innen gehörten zu den frühen Pionieren des deutschen Fußballs. Der DFB selbst hat inzwischen seine Geschichte im Nationalsozialismus aufgearbeitet und dabei auch die bedeutende Rolle jüdischer Fußballer und Funktionäre in der Frühgeschichte des deutschen Fußballs dokumentiert. Die Bedeutung des DFC für den deutschen Fußball ist dabei sogar ziemlich offensichtlich: Stellte Verein doch mit Ferdinand Hueppe den ersten Präsidenten des DFB. Damit war der DFC unmittelbar an der institutionellen Entstehung des deutschen Fußballverbandes beteiligt.
Und auch sportlich gehörte der DFC schnell zu den bestimmenden Teams im deutschen Fußball. Denn obwohl Prag damals ja zu Österreich-Ungarn gehörte, durfte der DFC zunächst an der deutschen Meisterschaft teilnehmen. Der junge DFB wollte möglichst viele deutsche Vereine in seinen Verband integrieren und öffnete sich deshalb auch für deutsch geprägte Klubs aus Österreich-Ungarn. So der nahm der Verein auch an der ersten deutschen Meisterschaft teil, sie fand 1903 statt. Der DFC Prag gehörte dabei gleich zu den Favoriten.
Sein Weg ins Finale war allerdings von einem kuriosen und bis heute ungeklärten Zwischenfall geprägt. Im Halbfinale sollte der DFC am 17. Mai in Leipzig gegen den Karlsruher FV antreten. Doch die Karlsruher Mannschaft erschien nicht. Kurz vor ihrer Abreise hatte sie ein Telegramm aus Prag erhalten, das den Eindruck erweckte, das Spiel sei vom DFB verlegt worden. Die Karlsruher glaubten an eine Absage und blieben zu Hause. Der DFC Prag erreichte dadurch kampflos das Endspiel. Wer das Telegramm tatsächlich verschickt hatte, ist bis heute unbekannt. Man vermutet, es stamme aus dem Umfeld des DFC. Auch zuvor hatte es bereits Streit um die Austragung des Viertelfinals gegeben. Das Spiel zwischen Prag und Karlsruhe konnte nicht stattfinden, weil sich die Beteiligten nicht auf den Spielort einigen konnten. Schließlich ließ der DFB wegen des kleinen Teilnehmerfeldes beide Mannschaften ins Halbfinale einziehen – wo sie erneut nicht gegeneinander spielten.
So kam es am 31. Mai 1903 in Altona zum ersten deutschen Meisterschaftsfinale der Geschichte: Der DFC Prag traf auf den VfB Leipzig. Und obwohl die Prager als klare Favoriten galten, erlebten sie einen bitteren Nachmittag. Der VfB Leipzig gewann mit 7:2 und wurde damit zum ersten deutschen Fußballmeister. Für den DFC blieb die erste deutsche Meisterschaft trotzdem ein historischer Moment. Der Verein war im ersten Endspiel der deutschen Fußballgeschichte vertreten – und damit von Anfang an Teil der Geschichte des deutschen Fußballs.
Die besondere Stellung des DFC endete jedoch wenige Jahre später. Mit dem Beitritt des DFB zur 1904 gegründeten FIFA änderten sich die Regeln für die internationale Verbandszugehörigkeit. Vereine sollten künftig grundsätzlich in den Wettbewerben ihres Landes spielen. Für den DFC Prag endete damit die Möglichkeit, an der deutschen Meisterschaft teilzunehmen. Man musste also zum Österreichischen Fußball-Verband wechseln. In Böhmen spielte er fortan in dessen regionalem Wettbewerb.
Der Erste Weltkrieg und der Zerfall Österreich-Ungarns veränderten die politische Landkarte dann erneut grundlegend. 1918 wurde Prag Hauptstadt der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik. Auch für den DFC änderte sich damit der politische und sportliche Rahmen: Aus dem Verein im Habsburgerreich wurde ein deutsch geprägter Klub innerhalb eines tschechoslowakischen Staates.
Damit veränderte sich auch die politische Bedeutung der deutschen Identität. Die deutschsprachige Bevölkerung war nun nicht mehr Teil eines übernationalen Habsburgerreichs, sondern lebte als nationale Minderheit innerhalb der Tschechoslowakei. Die neue Republik war zunächst eine parlamentarische Demokratie, zugleich bestanden Spannungen zwischen der tschechischen Mehrheitsbevölkerung und Teilen der deutschen Minderheit. Für deutsche Vereine bedeutete das, dass ihre sprachliche und nationale Selbstorganisation weiterhin eine wichtige Rolle spielte. Gleichzeitig nahmen die nationalistische Gesinnung hier zu. Viele deutsche Böhmer*innen wollten Teil des deutschen Staates werden.
In Böhmen spaltete sich in der Folge sogar der tschechoslowakische Fußballverband. In einen deutschen und einen tschechischen Ableger. Auch der DFC bewegte sich in diesem Spannungsfeld. Er spielte vorrangig im Wettbewerb des Deutschen Fußball-Verbandes für Böhmen, trat aber auch im übergeordneten tschechoslowakischen Fußballsystem an. In den 1920er und 1930er Jahren gewann der Verein zahlreiche Meisterschaften des deutschen Fußballverbandes in Böhmen und wurde 1931 und 1933 zudem tschechoslowakischer Amateurmeister. Der DFC blieb also sportlich bedeutsam. Er gehörte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unbestritten zu den spielstärksten Mannschaften Mitteleuropas und gastierte immer wieder zu Freundschaftsspielen in Wien und Budapest, um gegen andere herausragende österreichische und ungarische Vereine seiner Zeit anzutreten. Gemeinsam mit den tschechischen Vereinen Slavia und Sparta Prag gehörte er darum zu den wichtigen Fußballvereinen der Stadt.
Auch seine Spieler waren international vertreten. Vor 1918 spielten DFC-Akteure für Österreich; nach der Gründung der Tschechoslowakei traten einige von ihnen für die neue tschechoslowakische Nationalmannschaft an. Zu den bekannten Spielern gehörten etwa der Abwehrspieler Paul Fischl, der später als Verleger und Herausgeber des Prager Tagblatts bekannt wurde, sowie Karel Koželuh, der später eine erfolgreiche Karriere als professioneller Tennisspieler einschlug.
Das Spieler des DFC für die tschechoslowakische Nationalmannschaft aufliefen, zeigt dabei besonders deutlich, wie wenig sich nationale Identität und Vereinszugehörigkeit in dieser Zeit auf einfache Kategorien reduzieren lassen. Und welche politischen beziehungsweise persönlichen Abstufungen es in einer deutsch-nationalen Gesinnung gab. Der DFC blieb ein deutsch geprägter Verein, seine Spieler konnten aber zugleich Teil der sportlichen Repräsentation des neuen tschechoslowakischen Staates sein. Zu den DFC-Spielern, die für die Tschechoslowakei aufliefen, gehörten neben Karel Koželuh unter anderem Pavel Mahrer, Samuel Schillinger, Karel Steffl und Ferenc Szedlacsek. Andere, ja, radikalere deutschnationale Vereine in Böhmen weigerten sich in dieser Zeit wiederum Spieler für die Tschechoslowakei abzustellen.
Die politische Entwicklung der 1930er Jahre veränderte dann erneut alles. Mit dem Aufstieg der von Konrad Henlein geführten, nazi-faschistisch ausgerichteten Sudetendeutschen Partei nahm der Druck auf deutschsprachige Vereine und Organisationen zu. Paradoxerweise wurde auch der jüdische DFC Prag wurde aufgefordert, sich der Henlein-Bewegung anzuschließen. Für den Verein war dies besonders zynisch: Fast alle seiner Mitglieder und Funktionäre waren ja immer noch jüdischer Herkunft. Sie verweigerten sich in der Folge der Bewegung.
Für den DFC Prag hatte diese Entwicklung unmittelbare Folgen. Der Verein und seine jüdischen Mitglieder gerieten zunehmend unter politischen Druck. Bereits 1933 kam es zu einem bemerkenswerten Vorfall: Bei einem Gastspiel des DFC bei Hertha BSC in Berlin durften mehrere jüdische DFC-Spieler aufgrund der nationalsozialistischen Rassengesetze nicht eingesetzt werden. Zu ihnen gehörten Pavel Mahrer und Samuel Schillinger sowie der Torhüter Fritz Taussig. Mit dem Münchner Abkommen von 1938 und der deutschen Zerschlagung der Tschechoslowakei verschärfte sich die Situation dramatisch. Der DFC musste den Spielbetrieb einstellen. Und nach der deutschen Besetzung Prags im März 1939 wurde er schließlich als jüdischer Verein endgültig aufgelöst.
Damit endete die Geschichte eines Klubs, der einst von deutsch-national gesinnten Juden gegründet worden war und zu den wichtigsten Wegbereitern des deutschen Fußballs gehört hatte.
Für einzelne Mitglieder bedeutete das Ende des Vereins jedoch nicht nur das Ende ihrer sportlichen Heimat, sondern Verfolgung und Tod. Der ehemalige DFC-Spieler Fritz Taussig etwa wurde von den Nationalsozialisten verfolgt und überlebte das Konzentrationslager Auschwitz beziehungsweise dessen Außenlager Gleiwitz nicht; er starb dort 1944. Paul Mahrer wiederum, der 1923 zum DFC Prag gewechselt war und einer der prägendsten Spieler der sportlich erfolgreichsten Epoche der Vereinsgeschichte wurde, überlebte das KZ Theresienstadt und konnte in die USA fliehen.
Die Geschichte des DFC Prag lässt sich deshalb nicht auf eine einfache nationale Erzählung reduzieren. Der Verein war deutsch geprägt und spielte eine wichtige Rolle bei der Gründung des DFB. Gleichzeitig war er ein jüdischer Verein, dessen Mitglieder in einer Zeit zunehmenden Antisemitismus einen eigenen sportlichen und gesellschaftlichen Raum geschaffen hatten. Seine Geschichte zeigt, dass jüdisches und deutsches Selbstverständnis für viele Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts durchaus miteinander vereinbar waren.
Als deutsch geprägter Verein war der DFC gleichzeitig aber auch Teil jener national und sprachlich getrennten Vereinslandschaft, die das gesellschaftliche Leben Böhmens zunehmend prägte. Diese gesellschaftlichen Spaltung – die jedoch nicht der DFC Prag initiiert hat – innerhalb des ehemaligen Königreiches half in der folgenden Zeit zumindest indirekt mit den Weg für den Aufstieg des Nazi-Faschismus und den Besetzung Böhmens durch Nazi-Deutschland zu bereiten, ohne, dass dies vom DFC oder allen anderen deutsch-national gesinnten Akteur*innen dieser Zeit so gewollt gewesen wäre. Für den DFC Prag lässt sich dabei sogar sagen, dass deutschsprachige Juden im habsburgischen Königreich Böhmen kaum eine andere Möglichkeit hatten sich zu organisieren, als in einem eigenen Verein. Sie konnten die Spaltung nicht auflösen, mussten sie in der Konsequenz darum sogar verfestigten.
Gerade deshalb ist der DFC Prag für die Fußballgeschichte so bedeutsam. Er erinnert daran, dass die Geschichte des deutschen Fußballs von Anfang an internationaler, vielfältiger und jüdischer war, als es spätere nationale Erzählungen lange vermuten ließen; dass der Fußball aber auch nicht frei von Nationalismus und anderen menschenfeindlichen Ideologien war, dass sich viele Fußballvereine und auch -fans dieser Zeit später breitwillig von den Nazi-Faschist*innen vereinnahmen ließen oder zumindest schwiegen als Vereine wie der DFC Prag aufgelöst und jüdische Fußballer*innen verfolgt und ermordet wurden.
Der DFC Prag war Gründungsverein des DFB, stand im ersten deutschen Meisterschaftsfinale und gehörte über Jahrzehnte zu den führenden Klubs Mitteleuropas. Zugleich steht sein Schicksal exemplarisch für die Zerstörung jüdischen Lebens durch den Nationalsozialismus. Seine Geschichte ist aber auch Mahnung dafür, wie schnell und gravierend sich national-gesinnte Strukturen hin zu einem mörderischen Nationalismus radikalisieren können, selbst wenn man dies so gar nicht wollte. Doch im rechten politischen Lager setzt sich offenbar immer der Radikalste durch. Auch heute.
Und an diese Geschichte wollen seit 10 Jahren wieder Menschen in Prag anknüpfen? Nicht ganz. Der entscheidende Impuls zur Neugründung kam 2015. Die deutsche Initiative 1903, die sich mit der Geschichte des ersten deutschen Meisters VfB Leipzig beschäftigt, wollte das historische Endspiel von 1903 wiederholen. Am 13. September 2015 trat deshalb in Prag eine gemischte Mannschaft aus Deutschen und Tschechen gegen die Initiative 1903 an – mit demselben Ergebnis wie 1903: 2:7. Dieses Spiel wurde zum Ausgangspunkt für die Wiederbelebung des DFC. Am 7. Juni 2016 wurde der Verein dann offiziell neu gegründet. In der Satzung verankerte man zwar die Tradition des historischen DFC und dessen Werte. Doch ein wesentliches Anliegen der Neu-Gründer*innen ist ausdrücklich die Verständigung und Freundschaft zwischen deutschen und tschechischen Kindern und Jugendlichen. Die Mitgliedschaft steht heute deswegen allen offen.
Der neue DFC Prag nimmt also gerade dessen deutsch-tschechisch-jüdische Geschichte zum Ausgangspunkt für ein anderes Selbstverständnis. Deswegen konzentrierte sich der Verein heute vor allem auf den Nachwuchs und arbeitete dabei eng mit den deutschen Schulen in Prag zusammen. Seit 2017 nehmen Jugendmannschaften am Prager Spielbetrieb teil; der DFB nennt Mannschaften von U8 bis U16. Daneben gibt es eine Traditionsmannschaft, die vor allem für wohltätige Zwecke kickt.
Und wer heute auf die Anfänge des deutschen Fußballs blickt, kommt ja auch ohnehin nicht am DFC Prag nicht vorbei: als Pionier des Spiels – und als Mahnung daran, wie schnell sportliche Gemeinschaft dort zerstört werden kann, wo Nationalismus, Spaltung und Antisemitismus die Oberhand gewinnen. Aber inzwischen eben auch als Hoffnungsversprechen darauf, dass Aussöhnung und Verständigung und Freundschaft möglich sind.
