Andy Burnham ist seit diesem Sommer Regierungschef des Vereinigten Königsreichs. Davor war er Bürgermeister von Greater Manchester, ist seit vielen Jahren politisch aktiv. Doch über eine Wurzel des politischen Engagements des Labour-Politikers wird wenig gesprochen: Dabei hat ausgerechnet der Fußball Burnham politisch entscheidend geprägt.
Denn zu Beginn seiner politischen Karriere war Burnham Vorsitzender der Organisation Supporters Direct. Die Gruppe half dabei, mehr als 200 Fanvereinigungen für Fußballvereine aufzubauen und den Fans damit eine Stimme sowie einen finanziellen Anteil daran zu geben, wie die Vereine geführt werden. Die Bewegung bewahrte zahlreiche Vereine vor dem finanziellen Ruin. Heute befinden sich rund 50 Fußballvereine ganz oder teilweise in Fanbesitz, darunter die EFL-Klubs AFC Wimbledon und Exeter. Bei Modellen mit Fanbesitz werden finanzielle Überschüsse traditionell wieder in den Verein investiert, anstatt als Dividenden an externe Anteilseigner ausgeschüttet zu werden.
Schon 2001, als Burnham Vorsitzender von Supporters Direct wurde, schrieb er in einem Buch: „Ich habe immer geglaubt, dass Fußballvereine eher ihren Fans als ihren Anteilseignern gehören. Manche Menschen besitzen Papiere, die besagen, dass ihnen die Vermögenswerte eines Vereins gehören – das Stadion, das Trainingsgelände, die Marke –, aber das Herz und die Seele jedes Vereins gehören seinen Fans.“ Mit ähnlichen Worten stellte er sich jetzt, also 25 Jahre später, gegen den geplanten Verkauf der FIFA-WM durch den Präidenten des Weltverbandes, Gianni Infantino.
Und an diesen Grundsatz erinnert sich Everton-Fan Burnham auch als Premierminister: Gleich zu Beginn seiner Amtszeit, als er den Labour-Abgeordneten seine politischen Leitlinien vorstellte, erinnerte Burnham an die Organisation Supporters Direct. Er sagte, die Regierung solle „prüfen, ob wir daran wieder anknüpfen können“. Konkret ist eine finanzielle Unterstützung von Fan-owned Clubs angedacht. Durchschlagskraft bis in die Premier League wird diese Initiative zwar nicht sein, in Englands oberster Spielklasse gehören alle Klubs vollständig kapitalgetriebenen Investoren, aber gerade für den Breitensport erhofft sich Burnham so mehr Nachhaltigkeit.
Supporters Direct wurde 2018 mit dem brittischen Fußballverband zusammengelegt. Die Bilanz: Zwar konnten seitdem Fortschritte bei der Stärkung der Stimme der Fans erzielt werden – etwa durch die Einführung der unabhängigen Fußballaufsichtsbehörde –, der ausdrückliche Schwerpunkt auf der Eigentumsfrage ist jedoch verloren gegangen. Möglich ist deswegen, dass Burnham an der Gründung einer Nachfolgeorganisation arbeitet, die Fanbesitz nicht nur im Fußball unterstützen soll. Dabei wird auf die zunehmende finanzielle Instabilität im Rugby Union, Rugby League und Cricket hingewiesen. Cricketvereine wurden traditionell von ihren Mitgliedern getragen und besessen. Allerdings prüfen derzeit mehrere bekannte Vereine, ob sie sich von diesem Modell verabschieden wollen. Hier gilt es also ein Gegengewicht zu setzen.
Außerdem könnte die neue Organisation Gemeinden dabei unterstützen, lokale Sportvereine und sie so vor einer Abwicklung aufgrund finanzieller Probleme beispielsweise nach Konflikten mit Investoren zu bewahren. Anknüpfen könnte man hier an ein erst kürzlich in England verabschiedetes Gesetz unter dem Zitel „Community Right to Buy“. Dieses gibt Städten und Gemeinden nämlich ein Vorkaufsrecht, wenn bestimmte Vermögenswerte zum Verkauf angeboten werden, darunter auch Sportvereine. Finanziert werden könnte das neue Supprters Direct, so heißt es aus dem Umfeld des Labour-Premiers, durch eine Partnerschaft zwischen der Regierung und dem professionellen Sport, ähnlich also wie bei der ursprünglichen Finanzierung von Supporters Direct, das nämlich von Tony Blair mitinitiiert wurden worden war.
Auch in der freien Wirtschaft will Andy Burnham übrigens Genossenschaften fördern. Wie Premier-League-Klubs überhaupt private Unternehmen wurden, hat FanLeben.de hier chronologisiert. Und fest steht: Der Fußball macht etwas mit Menchen. Und manchmal aus ihnen sogar Politiker*innen.
