Bierpause in der 32. Minute

Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten, die Erfindung der Strafkarten, das Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens, eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé, den fußballerischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung, den Zerfall Jugoslawiens, das sowjetische Ungarn und einen WM-Torschützen ohne Schuh berichtet haben, schauen wir heute – aus aktuellem Anlass – nach Bremen. Los gehts!

Länderspielpause. Langeweile. Oder besondere Erlebnisse. Beim SV Werder Bremen nutze man die Länderspielpause im Männer-Fußball für ein Legendenspiel: Die Traditionsmannschaften der Weser-Elf und von Real Madrid trafen aufeinander. Ailton kehrte ins Weserstadion, dessen 100. Geburtstag mit diesem Spiel gefeiert wurde, zurück, Thomas Schaaf und Otto Rehagel arbeiteten wieder als Werder-Trainer. Für Real Madrid spielten unter anderem Pepe, Claude Makélélé und Esteban Cambiasso. Doch noch etwas war besonders: Nach 32 Minuten wurde das Spiel für eine ungewöhnliche Trinkpause unterbrochen und den Spielern Bier und Schnaps gereicht. Warum? Grund genug, einmal in die Geschichte eines ganz besonderen Spiels einzutauchen.

Es gibt Fußballspiele, die wegen ihrer Tore in Erinnerung bleiben. Andere wegen eines dramatischen Endes, einer Meisterschaft oder eines legendären Moments. Und dann gibt es Spiele wie dieses. Am 8. November 1975 empfing Werder Bremen in der Bundesliga Hannover 96. 0:0 hieß es nach 90 Minuten. Kein Tor, kein Platzverweis, keine Meisterschaftsentscheidung, kein großes Drama. Ein Spiel zum vergessen – wäre da nicht Wolf-Dieter Ahlenfelder gewesen. Ausgerechnet der Schiedsrichter.

Denn Ahlenfelder entschied sich für einen einigermaßen kuriosen Pfiff: In der 32. Minuten pfiff er bereits zur Pause. Die Spieler schauten sich verdutzt an. Irgendetwas stimmte offensichtlich nicht. Auch die Zuschauer im Bremer Weserstadion dürften sich gefragt haben, was gerade passiert war. Einer, der den Irrtum besonders schnell bemerkte, war Werders Verteidiger Horst-Dieter Höttges. Sinngemäß soll er den Schiedsrichter darauf hingewiesen haben: „Schiri, kann nicht sein, mein Trikot ist ja noch nicht nass.“ Ahlenfelder ließ sich überzeugen. Die erste Halbzeit ging weiter. Nur war damit die Angelegenheit noch nicht erledigt. Der Schiedsrichter ließ die Mannschaften anschließend bis kurz vor das tatsächliche Ende der ersten Halbzeit weiterspielen und pfiff dann erneut. Diesmal wirklich zur Pause, allerdings dieses Mal rund 90 Sekunden zu früh. Und ohne sich noch einmal umstimmen zu lassen.

Wie es dazu kommen konnte? Damit sind wir bei der oben erwähnten Spielunterbrechung fast 50 Jahre später: Wolf-Dieter Ahlenfelder hatte vor dem Bundesliga-Match zu Mittag gegessen. Nach seiner eigenen späteren Schilderung gehörten dazu ein Bier und ein Malteser-Schnaps. Mehr brauchte es offenbar nicht, um an diesem Nachmittag zumindest vorübergehend das Zeitgefühl des Schiedsrichters durcheinanderzubringen. Und wer heute im Vereinslokal des SV Werder – oder beim Legendenspiel im Weserstadion – einen Ahlenfelder bestellt, bekommt genau das: Ein Bier und einen Malteser.

Auch Wolf-Dieter Ahlenfelder nahm es mit Humor. Und blieb dem Fußball verbunden. Knapp 200 Spiele in der ersten und zweiten Bundesliga leitete er, bei internationalen Spielen kam er als Linienrichter zum Einsatz. 1984 wurde er von den Fans zum Schiedsrichter des Jahres gewählt. Und erst im Alter von 58 Jahren pfiff er sein letztes Spiel – in der Kreisliga. Übrigens zeichnete Ahlenfelder dabei immer eine außergewöhnliche Sachlichkeit aus. Als Paul Breitner während eines Spiels mal zu ihm sagte: „Ahlenfelder, Du pfeiffst wie ein Arsch.“ Zeigte der Angesprochene keine Karte, sondern konterte: „Breitner, Du spielst wie ein Arsch.“ 2014 starb Wolf-Dieter Ahlenfelder nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Oberhausen.

Vergessen aber wird er nicht. Auch Dank des SV Werder Bremens. Die Erinnerung an den Schiedsrichter ist dabei aber ganz sicher nicht spöttisch gemeint, sondern in Achtung einer Zeit, in welcher der Fußball ehrlicher und unkomplizierter gewesen ist.

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Von admin