Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten, die Erfindung der Strafkarten, das Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens, eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé, den fußballerischen Weg zur deutschen Wiedervereinigung, den Zerfall Jugoslawiens, das sowjetische Ungarn, einen WM-Torschützen ohne Schuh, eine ungewöhnliche Trinkpause, ein argentiniesches Topspiel in Madrid und das erste Elfmeterschießen berichtet haben, geht es heute um ein berühmtes, aber fast vergessenes Phatomtor. Los gehts!
Es gibt Tore, die bleiben unvergessen, weil sie wunderschön herausgespielt wurden, weil sie eine Meisterschaft entschieden oder weil sie einen Verein vor dem Abstieg bewahrten. Und dann gibt es ein Tor, das bleibt in Erinnerung, weil es eigentlich gar keines war.
Und darum geht es: Am 23. April 1994 schrieb Thomas Helmer Fußballgeschichte – allerdings auf eine Weise, die ihm wohl niemand gewünscht hätte. Sein Treffer gegen den 1. FC Nürnberg ging als eines der berühmtesten Phantomtore der Bundesliga in die Geschichte ein.
Die Ausgangslage ist dabei schnell erzählt: Der FC Bayern München kämpfte in der Saison 1993/94 um die deutsche Meisterschaft. Der 1. FC Nürnberg dagegen steckte mitten im Abstiegskampf. Für beide Mannschaften stand entsprechend viel auf dem Spiel. Am 32. Spieltag empfingen die Münchner dann den fränkischen Rivalen. Die Bayern waren natürlich der klare Favorit, doch Nürnberg wehrte sich nach Kräften. Es entwickelte sich eine intensive, aber zunächst ausgeglichene Partie.
Bis es in der ersten Halbzeit schließlich zu jener Szene kam, die beide Vereine und die gesamte Bundesliga noch lange beschäftigen sollte. Nach einem Eckball landete der Ball im Nürnberger Strafraum. Thomas Helmer, damals Verteidiger des FC Bayern, versuchte aus kurzer Entfernung, das Spielgerät über die Linie zu bringen. Doch sein Versuch misslang: Der Ball ging am linken Pfosten vorbei und landete im Toraus. Eigentlich hätte es Abstoß geben müssen. Doch Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers entschied auf Tor. Sein Assistent Jörg Jablonski hatte mit seiner Fahne signalisiert, dass der Ball die Torlinie überschritten habe. Osmers übernahm diese Einschätzung und erkannte den Treffer an. Die Nürnberger Spieler protestierten heftig. Und auch die Fernsehbilder machten schnell deutlich: Der Ball hatte das Tor nicht passiert. Aber den Videobeweis gab es damals ja noch nicht… Aus einem missglückten Abschluss war somit plötzlich ein regulärer Treffer geworden. Ein Phantomtor. In einem entscheidenden Bundesliga-Spiel.
Eine besondere Pointe dieser Begegnung: Das Phantomtor sollte nicht der einzige Treffer von Thomas Helmer an diesem Nachmittag bleiben. In der 65. Minute erzielte der Bayern-Verteidiger tatsächlich ein reguläres Tor und erhöhte auf 2:0. Alain Sutter gelang später überdies noch der Anschlusstreffer für Nürnberg. Kurz vor Schluss bot sich den Gästen sogar die Chance zum Ausgleich. Doch Manfred Schwabl scheiterte mit einem Elfmeter an Bayerns Torhüter Raimond Aumann. Und so stand am Ende ein 2:1 für Bayern München auf der Anzeigetafel im alten Olympiastadion.
Doch dieses Ergebnis sollte keinen Bestand haben.
Denn auch wenn es noch keinen Videobeweis gab, die Tatsachenentscheidung, die Schiedsrichter-Urteile eigentlich unabänderlich macht, ja schon. Doch der 1. FC Nürnberg wollte die Entscheidung nicht akzeptieren. Der Verein legte Protest gegen die Spielwertung ein. Der Fall landete vor dem Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes. Dort wurde die umstrittene Szene eingehend geprüft. Das Ergebnis war außergewöhnlich: Die Spielwertung wurde tatsächlich annulliert. Das Urteil: Ein Wiederholungsspiel. Eine solche Entscheidung war ein Novum in der Bundesliga und sorgte bundesweit für Diskussionen. Aber die Entscheidung blieb bestehen.
Am 3. Mai 1994 trafen beide Mannschaften also erneut aufeinander. Diesmal gab es keine Diskussionen über ein Phantomtor. Aber allerhand regulärer Treffer: Der FC Bayern dominierte die Begegnung und gewann deutlich mit 5:0.
Für Nürnberg endete die Saison daraufhin mit einem Desaster: Der Club stieg aus der Bundesliga ab. Die Franken beendeten die Saison zwar punktgleich mit dem SC Freiburg, lagen aber in der Tordifferenz elf Treffer hinter den Breisgauern. Das Phantomtor und das anschließende Wiederholungsspiel wurden damit endgültig zu einem der bittersten Kapitel der jüngeren Vereinsgeschichte.
Für Thomas Helmer wurde die Szene zu einem dauerhaften Begleiter seiner Karriere. Dabei war er keineswegs glücklich über die Aufmerksamkeit, die ihm das Phantomtor einbrachte. Jahre später erklärte er, dass er selbst bemerkt habe, dass sein Versuch am Tor vorbeigegangen war. Allerdings sei die Situation durch den hinter ihm liegenden Nürnberger Torhüter Andreas Köpke zunächst unübersichtlich gewesen. Helmer habe nicht sicher gewusst, was unmittelbar vor seinem Versuch geschehen war. Auch Schiedsrichter Osmers und sein Assistent mussten sich über Jahre mit der Fehlentscheidung auseinandersetzen, blieben jedoch anerkannte Bundesliga-Schiedsrichter.
Gerade spielt Nürnberg übrigens im den Bundesliga-Aufstieg. Und sorgt mit regulären Treffern für reichlich Schlagzeilen.
Besser so.
