Eigentlich sollte die Eishockey-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr ein tolles Sportfest werden. Eines, das dem Eishockey-Sport gerade hier in Deutschland noch einmal einen immensen Schub geben könnte. Die Spiele, die in Mannheim und Düsseldorf ausgetragen werden sollen, sollten die Fans begeistern – und vor allem natürlich ermitteln, welche Eishockey-Nation gerade die stärkste ist.
Doch inzwischen ist die anstehende Weltmeisterschaft längst zu einem Politikum geworden. Hintergrund ist die Entscheidung des internationalen Sportgerichtshofs CAS die russische Eishockey-Nationalmannschaft, anders als vom Weltverband IIHF geplant, wieder für internationale Turniere zuzulassen. Besonders brisant: Russland würde dabei – nach Eishockey-Weltrangliste – ausgerechnet den Startplatz der Ukraine einnehmen.
Und entsprechend folgenreich ist diese richterliche Entscheidung. Denn kurz darauf erklärten mehrere Top-Nationen nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen zu wollen, sollte Russland tatsächlich dabei sein. „Unsere Linie lautet: Wir spielen nicht gegen Russland“, sagte zum Beispiel der Präsident des finnischen Eishockey-Verbands, Heikki Hietanen. Auch „das tschechische Eishockey wird sich dem Kreis der anderen europäischen Verbände anschließen, die angekündigt haben, nicht an Spielen gegen Russland teilzunehmen“, hieß es zudem in einer Mitteilung vom tschechischen Verband. Zuvor hatte bereits Schweden angekündigt, „in der aktuellen Lage keine Partien gegen Russland“ bestreiten zu wollen. „Um der Integrität des Eishockeys willen“ werde auch Dänemark nicht gegen Russland antreten, teilte der dortige Verband mit. Spiele gegen Russland würden „im Chaos enden“. Auch Norwegens Verband bekräftigte seine Forderung über den Ausschluss Russlands „von allen internationalen Meisterschaften, so lange der Krieg in der Ukraine andauert“. Und auch Lettland schloss sich dem Boykott an.
Daneben kündigen bereits die ersten Sponsoren ihren Rückzug vom Turnier an. Der bislang größte Sponsor der Eishockey-Weltmeisterschaft, der schwedische Büromöbelhersteller AJ, wird beispielsweise nicht mehr auf den Schiedsrichter-Trikots werben. „Im Geschäftsleben gibt es viele schwierige Entscheidungen“, sagte der CEO David Bry, „aber das war keine. Dies ist ein Protest gegen Russland.“
Ausrichter Deutschland plant sogar, die Ausrichtung der Weltmeisterschaft abzusagen, sollte Russland tatsächlich teilnehmen dürfen. „Natürlich müssen wir uns als DEB mit der Option befassen, diese WM zurückzugeben“, sagt DEB-Präsident Frank Lutz. Er verweist auf hohe Sicherheitskosten für den Fall, dass Russland teilnehme. „In ein wirtschaftliches Risiko, das wir nicht mehr stemmen können, können wir uns nicht begeben.“
Ein Ausweg? Schwer zu finden. Wobei: Kanadas Premierminister Mark Carney hat eine Idee. Carney, dessen Land Gastgeber der U20-Weltmeisterschaft ist, will nach der sportrechtlichen Zulassung einen gesellschaftlichen Ausschluss Russlands durchsetzen. Solange Russland und sein Verbündeter Belarus den „illegalen und ungerechtfertigten schrecklichen Krieg“ gegen die Ukraine unterstützten, würden keine ihrer Athleten für ihre Länder in Kanada antreten, sagte Carney am Rande des Gipfeltreffens der Commonwealth-Staaten. „Wenn Sie also insbesondere nach der Junioren-WM fragen – dort werden die Russen nicht sein“, fügte er hinzu. Möglich soll das unter anderem dadurch werden, dass Kanada den russischen Sportlern die erforderlichen Visa für die Einreise nach Kanada verweigert. Bereits bei der Fußball-WM in diesem Jahr durften einzelne Fußballer, gegen die unter anderem wegen sexueller Gewalt ermittelt wird, nicht bei den in Kanada ausgetragenen Spielen antreten. Kanadas Eishockeyverband dankte Carney bereits für diese Ankündigung. Zuletzt hatten zudem bereits die Niederlande russischen Turnerinnen die Einreise für deren Weltmeisterschaften in Rotterdam verwehrt. Allerdings bliebe die Ukraine unter diesen Vorzeichen vermutlich von der WM ausgeschlossen, da „nur“ Russlands Platz in Teilnehmerfeld unbesetzt bliebe.
Nichtsdestoweniger wäre es ein starkes Signal für die Integrität des Sports. Und überhaupt ist es doch gut zu sehen, wie einige Sportverbände in dieser Frage Haltung zeigen.
