Wer an Eishockey denkt, der denkt (auch) an klirrende Kälte. Doch in vielen modernen Eishallen kann man das Spiel heute selbst im tiefsten Winter fast im kurzärmligen Sommer-Trikot verfolgen. Die modernen Eisflächen werden nämlich inzwischen – energiesparend – direkt vom Boden aus gekühlt, kompakt auf die tatsächliche Spielfläche begrenzt. Ausnahmen bilden nur traditionsreiche Eisstadien. Auch hier gibt es natürlich moderne Eis-Technik aber ebene auch offene Tribüne und entsprechend weht da in Herbst und Winter stets ein rauer Wind.
Im Sahnpark im sächsischen Crimmitschau wird seit inzwischen über 100 Jahren Eishockey gespielt. Willy Otto studierte zur Zeit des ersten Weltkriegs in Leipzig und spielte dort in seiner Freizeit Bandy, eine europäische Eishockey-Variante mit Ball statt Puck. 1919 kam er nach Crimmitschau zurück und zeigte seinem Bruder das Spiel. Zu dieser Zeit gab es im Sahnpark, einem Kurpark, im Winter eine Eisfläche, die bislang nur zum einfachen Schlittschuhlaufen von der Bevölkerung genutzt wurde. Aber Willy und Heinrich einigten sich mit dem Pächter, dass fortan auch Bandy dort auch Bandy gespielt werden durfte.
Schon ein Jahr später gründete sich der Eishockeyclub EHC Crimmitschau, die beiden Brüder hatten also einige Mitstreiter für ihr Spiel begeistern können. Bis 1922 wurde auf der Eiswiese gespielt, in den Jahren 1922 und 1923 auf dem Gondelteich, 1924 und 1925 auf dem Froschteich in der Mark Sahnau und von 1926 bis 1945 auf dem Planschbecken des Sahnbades. Ab 1927 wurde dann, wie inzwischen auch in Europa üblich, auf die amerikanische Eishockey-Variante mit Puck umgestellt. Kurz darauf pachtete man selbst das Planschbecken und errichtete erste kleine Tribünen für interessierte Zuschauer*innen.

Und auch sportlich lief es rasch gut. Erste Erfolge konnte der EHC Crimmitschau nämlich schon in den dreißiger Jahren feiern. 1932, 1935 und 1936 holte sich der EHC die mitteldeutsche Meisterschaft. Die Jugendabteilung des Vereins wurde in dieser Zeit sogar deutscher Vizemeister. 1937 wollten Heinrich und Willy Otto dann ein richtiges Eisstadion bauen, die Finanzierung stand, doch die Nazis untersagten den Bau. Sie sahen keinen politischen Nutzen im Eishockey-Sport. Kurz darauf brachte der zweite Weltkrieg den Spielbetrieb zum Erliegen.
Aber nur vorrübergehend. Denn nach dem Krieg wurde in Crimmitschau wieder Eishockey gespielt, wenn auch weiterhin unter schwierigen politischen Vorzeichen: Denn eigenständige Sportvereine waren in der DDR nicht erwünscht und so wurden die Eishockey-Spieler wechselnden Betrieben als Betriebssportgemeinschaften zugeordnet. Später wurden auch die Armee und die Stadtverwaltung die offiziellen Träger des Vereins. Dabei konnte sich Crimmitschau hinter Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser, den heutigen Lausitzer Füchsen, als Nummer drei im ostdeutschen Eishockey etablieren. Im Pokal verzeichnete die Mannschaft die größten Erfolge. So gewannen die Westsachsen 1966, 1967 sowie 1970 den DELV-Pokal und wurde weitere vier Mal Zweiter in diesem Wettbewerb.
In dieser Zeit, nämlich 1964, wurde im Sahnpark das heutige Kunsteisstadion Crimmitschau gebaut. Ein offenes Stadion – und zwar wirklich offen: Nur hinter einem Tor entstand ein abgrenzendes Gebäude, in dem heute die Geschäftsstelle untergebracht ist. 5.227 Fans finden im Stadion Platz, es gibt nur 187 Sitzplätze. Hier ist es also im Stadion richtig kalt – bis heute.
Und als kaltherzig kann man auch die nächste politische Entscheidung verstehen, die den Eishockey-Fans in Crimmitschau den Boden unter den Füßen wegzog: Denn 1971 wurde beschlossen, die DDR-Oberliga auf zwei Mannschaften, nämlich Berlin und Weißwasser, zu reduzieren. Eishockey wurde der Status als förderungswürdiger Sport aberkannt. Für Crimmitschau bedeutete dies: Kein Ligabetrieb mehr. Stattdessen durfte die Eishockey-Mannschaft nur noch in der sogenannten „Bestenermittlung“, einem Jahresturnier mit allen interessierten Eishockey-Mannschaften der DDR, teilnehmen. Bis 1980 konnte Crimittschau diese Bestenermittlung gleich vier Mal gewinnen.
Nach der Wende konnte der eigentliche Eissportverein dann aber wiederbegründet werden. Als ETC Crimittschau, man hatte inzwischen mit dem örtlichen Tennisverein fusioniert, trat man zunächst in der Bayernliga an, um möglichst hochklassig spielen zu können. Und noch in den 90er Jahren konnte man in die zweithöchste gesamtdeutsche Spielklasse zurückkehren und sich dort etablieren. 2007 wurden aus der ersten Mannschaft des ETC Crimmitschau dann die Eispiraten Crimmitschau, das Team wurde in eine GmbH ausgegliedert, die zwar lokale Unternehmer als Gesellschafter hat, aber weiterhin eng mit dem Stammverein verbunden ist. Das Meeres-Thema wird dabei konsequent durchgezogen: Vor dem Spielen läuft die Titelmelodie von „Fluch der Karibik“, es stehen Fässer auf dem Eis und vier Fans dürfen die Spiele immer aus Strandkörben verfolgen. Es sind auch heute noch die einzigen wirklich windgeschützten Plätze im Stadion.

Für Radio 1935 war gestern FanLeben.de-Autor Karl Jahn Boie im Kunsteisstadion am Sahnpark. Er sagt: „Man merkt, dass man an einem der traditionsreichsten Eishockey-Standorte in Deutschland ist – und gleichzeitig, dass der Verein und die Menschen, die ihn tragen, es gewohnt sind, ihn immer wieder neu zu erfinden. Während man in Berlin und Weißwasser bis heute ständig ‚Dyanmo‘-Rufe hört, machen beim ETC Crimmitschau alle das Piraten-Motto mit. Das ist zwar schon irgendwie absurd, aber trotzdem liebenswert. Denn es herrscht – auch bedingt dadurch, dass es fast nur Stehplätze gibt – zwar eine leidenschaftliche, aber dennoch herzliche Stimmung.“ Sein Fazit: „Es ist ein Eishockey-Ground, den jeder Fan unbedingt einmal besucht haben sollte!“
Dann aber bitte mit dicker Winterjacke. Denn in Crimmitschau hält das Stadion noch, was das Wort Eishockey verspricht.
