Ted Lasso aber in echt: Die Geschichte des Familienunternehmens Harrogate Town

Es ist eine ziemlich kuriose, aber doch irgendwie auch schöne Geschichte. Fußball als Familienunternehmen: Das kennen alle, die mal von Papa oder Mama zum ersten Mal mit ins Stadion genommen wurden. Doch Simon Weaver kennt das nochmal auf eine andere Art und Weise. Denn während die meisten von uns von den elterlichen Schultern im Stadion maximal beim Fußball-Managerspiel auf die Trainerbank wechseln, ist Simon Weaver gerade als Nachfolger seines Vaters Co-Eigentümer seines eigenen Fußballvereins geworden. Harrogate Town, ein Fünftligist, gehört jetzt ihm – gemeinsam mit einem lokalen Geschäftsmann. Aber es wird noch kitschiger.

Denn neben den familiären Verflechtungen bietet diese Geschichte auch noch eine Vom-Tellerwäscher-Zum-Millionär-Story. Denn die Verbindungen der Familie Weaver zu Harrogate Town beginnen gar nicht mit der Eigentümerschaft des Vaters, sondern mit einer Stellenanzeige in der Lokalzeitung. 2009 suchte der Klub nämlich auf diese Weise nach einem neuen Trainer. Damals spielte man im Amateurfußball und Bill Fotherby, der frühere Geschäftsführer von Leeds United, führte den Klub. Simon Weaver bewarb sich und wurde eingestellt. Seit 17 Jahren ist er jetzt Cheftrainer der Mannschaft, die er zwischenzeitlich bis in die vierte englische Liga führte, aus der man letztes Jahr nach vier Jahren allerdings wieder abstieg. Gerade liegt man in der National League aber wieder auf Platz zwei, der direkte Wiederaufstieg ist also möglich.

Eine Anekdote verdeutlicht, wie klein Harrogate damals war: In seiner ersten Saison als Eigentümer hatten gerade einmal sieben Menschen eine Dauerkarte gekauft. Irving kümmerte sich anfangs sogar selbst um die Herstellung und den Versand der Dauerkartenunterlagen – er druckte sie zu Hause aus, schnitt sie zurecht und verschickte sie. Die geringe Resonanz lag dabei auch an den besonderen Gegebenheiten der Stadt: Die nordenglische Stadt Harrogate ist vor allem als Kurort bekannt, unter anderem für ihre Heilquellen und traditionellen Teehäuser. Der Fußballklub muss sich seine lokale Anhängerschaft deshalb stärker erarbeiten als Vereine in Städten mit einer jahrzehntelangen Fußballtradition. Hat dafür aber auch einen besonders einprägsamen Spitznamen: The Sulphurites – zu Deutsch: die Schwefelquellen.

2011 dann wollte sich Fotherby langsam zurückziehen. Also wurde nach einem Nachfolger gesucht. Und da hatte der ehemalige Leeds-Boss eine Idee: Er fragte Simon Weaver ob nicht sein Vater Irving Lust hätte, bei Harrogate Town einzusteigen. Irving Weaver ist ein lokaler Geschäftsmann, Simon sein Sohn – einfach und charmant, könnte sich Fotherby gedacht haben. Fand Irving Weaver aber auch und stieg tatsächlich als neuer Eigentümer bei Harrogate Town ein.

Irgendwie erinnert die Geschichte auch ein wenig an die Storyline der Fußballserie Ted Lasso, bei der ein amerikanischer Football-Coach Trainer einer englischen Fußballmannschaft wird und weit mehr für den Verein tut, als die erste Mannschaft zu trainieren. Die Eigentümerin von Lassos AFC Richmond kommt zwar mit einem anderen Vorsatz als Iving Weaver zu ihrem Klub, nämlich will sie ihn aus Rache an ihrem Ex-Mann zerstören, jedoch wird sie von Lasso so sehr in seinen Bann gezogen, dass sie schnell eine Allianz bilden und gemeinsam für das Wohl des Klubs einstehen und ihn – weit über die sportlichen Erfolge hinaus – weiterentwickeln. Auch der AFC Richmond ist dabei ein Underdog Verein, der von seiner lokalen Identität lebt. Und der vor allem – und das wird noch wichtig – sowohl bei Auf- als auch bei Abstiegen seinem Weg bedingungslos treu bleibt.

Denn auch die Konstellation in Harrogate war natürlich nicht frei von Kritik. Wenn der eigene Vater Eigentümer ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob ein Trainer unabhängig von seinen Ergebnissen im Amt bleiben kann. Simon Weaver selbst hat dies mal als eine zusätzliche Belastung beschrieben: Er wollte sich als Trainer einen eigenen Namen machen und seinen Vater nicht enttäuschen. Irving Weaver wiederum räumte ein, dass Außenstehende die familiäre Verbindung kritisch sehen könnten. Am Ende aber gab der sportliche Erfolg dem Vater-Sohn-Duo recht. Denn – wie erwähnt – folgte ja die erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte. Dabei half natürlich die gute Beziehung von Trainer und Eigentümer. Denn letzterer konnte dadurch strategisch investieren statt dem Druck eines Managers, alles dem kurzfristigen Erfolg unterzuordnen, nachgeben zu müssen. So wurde systematisch die Infrastruktur entwickelt, das Stadion modernisiert und bessere Trainingsmöglichkeiten geschaffen, was dem Duo im – ebenfalls wachsenden – Umfeld viel Anerkennung brachte.

Auch hierzu gibt es eine passende Anekdote: Harrogate spielte früher nämlich auf einem Kunstrasenplatz. Für die League Two musste der Klub auf Naturrasen umstellen. Weil die Arbeiten nicht rechtzeitig zum Saisonbeginn 2020/21 abgeschlossen waren, trug die Mannschaft ihre ersten Heimspiele vorübergehend im Stadion von Doncaster Rovers aus. Das zeigt, wie groß der organisatorische Sprung in den Profifußball war. Aber auch, dass er gemeinsam gemeistert werden konnte.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es insbesondere in der letzten Saison Kritik an Simon Weaver gab. Als es eine Serie von sieben Spielen ohne Sieg gab, wurden im Stadion „Weaver raus!“-Rufe laut. Vater Irving hielt aber an seinem Sohn fest – und stellte stattdessen seine Person in Frage. Altersbedingt habe er schon länger über einen Generationenwechsel nachgedacht, jetzt, nach dem Abstieg in die Fünftklassigkeit, sah er den geeigneten Moment dafür gekommen. Verschiedene Optionen für die neue Eigentümer-Struktur hatte er sogar zwei Jahre lang beobachtet und geprüft. Als neuen Eigentümer gewann Irving Weaver schließlich den örtlichen Geschäftsmann Jonathan Bleazard, dem er aber seinen Sohn Simon als Co-Eigner zur Seite stellte. So soll die Kombination aus sportlichen und wirtschaftlichen Know-how auch für die kommende Generation bei Harrogate Town gesichert werden. Blezard verdient sein Geld dabei bereits im Sport, bringt also nochmal mehr Erfahrung und Netzwerk ein. „Dies sollte nicht als familieninterne Nachfolgeregelung betrachtet werden. Sowohl Simon als auch Jonathan gehen eine bedeutende Verpflichtung gegenüber diesem Fußballverein ein – und entscheidend ist, dass sie dies gemeinsam tun“, erklärte Irving Weaver entsprechend. „Ihre Erfahrungen und Stärken ergänzen sich hervorragend.“

Und auch Simon Weaver scheint seine Rolle gut zu reflektieren: „Meine Position und meine Rolle als Trainer werden sich nicht ändern, und mein Ehrgeiz bleibt genau derselbe: der bestmögliche Fußballtrainer zu werden, der ich sein kann, und diese Mannschaft weiter voranzubringen.“ Und als Reaktion auf die Kritik an seiner – vermeintlichen – Unantastbarkeit ergänzte er: „Ich akzeptiere uneingeschränkt, dass ich als Trainer weiterhin genauso an den Ergebnissen gemessen werde wie jeder andere Trainer im Fußball. Dass ich Miteigentümer werde, ändert nichts an dieser Verantwortung oder an den Maßstäben, die ich an mich selbst anlege.“ Simon Weaver könnte dabei auch die Aufgabe zukommen, die Identität des Klubs zu wahren, während ein noch größerer Investor die Verantwortung übernimmt. Denn Blezard ist wesentlich mehr Investor als es Weaver Senior gewesen ist.

Harrogate Town hat aber erst einmal angekündigt, nicht nur die Männer-Profimannschaft, sondern auch den Frauenfußball, die Nachwuchsförderung und die gemeinnützige Arbeit weiterzuentwickeln. Beide neuen Eigentümer haben laut Vereinsmitteilung erhebliche finanzielle Unterstützung zugesagt. Wirkt also wirklich alles ein bisschen wie bei Ted Lasso – aber das muss ja nicht das schlechteste sein.

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Von admin