Drei Mal deutscher Nationaltrainer: Helmut Schöns außergewöhnliches Fußball-Leben und was wir davon lernen können

Helmut Schön war der Bundestrainer, der die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer vielleicht besten Mannschaft aller Zeiten 1974 zum Weltmeister-Titel führte. Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Gerd Müller – Namen, die den deutschen Fußball über Jahrzehnte bedeutende Inspirationsquellen gewesen sind, führte Schön an. Schon 1972 war Schön mit der Bundesrepublik Europameister geworden, blieb insgesamt von 1964 bis 1978 im Amt, kommt damit auf die hinter Sepp Herberger und Joachim Löw drittlängste Amtszeit aller Bundestrainer. Doch weniger Fußballfans wissen: Der Erfolgstrainer hatte 1949 bereits kurzzeitig die sogenannte Auswahl der Sowjetischen Besatzungszone, also den Vorläufer der DDR-Nationalmannschaft, und von 1952 bis 1956 auch die Nationalmannschaft des Saarlandes trainiert. 1950 war er sogar offiziell DDR-Nationaltrainer. Ein Fußball-politisch also mehr als spannender Lebenslauf.

Wie es dazu kam? Zunächst ist wichtig: Helmut Schön hatte sich nie öffentlich zu Hitlers NSDAP bekannt, schaffte es, sogar einen Einsatz bei der Wehrmacht zu umgehen und hielt dabei persönlich stets Distanz zu Regime und seinen Handlangern. Als Nationalspieler, der Schön in dieser Zeit war, nicht zumindest SS-Mitglied zu werden, muss dabei eine bewusste Entscheidung zur Abgrenzung gewesen sein. Doch Schön deswegen ideologisch in die Nähe des Widerstandes zu rücken würde auch zu weit gehen. Denn seine später berühmt gewordene Aussage, dass es „trotz des sinnlosen Krieges, der das Leben immer mehr beeinflusste, für uns Sportler eine herrliche Fußballzeit“ war, offenbar eben auch die später als verantwortungslos kritisierten Geisteshaltung vieler Fußballspieler und -funktionäre zu dieser Zeit, die, wie Nils Havemann in seinem Buch Fußball unterm Hakenkreuz ausführt, „geschmeichelt von der Aufmerksamkeit der mobilisierten Massen, gefangen von der nationalen Emotion und gestützt von dem Wissen um ihre Privilegien, sich mehr um die Mannschaftsaufstellung am nächsten Spieltag als um das politische Geschehen in Deutschland“ sorgten. Kurzum: Helmut Schön war kein Nazi, aber als Fußballspieler war er Teil der NS-Propaganda.

Dabei stammte Helmut Schön aus Dresden. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges spielte er auch ausschließlich für den Dresdener SC, mit dem er in den 1940er Jahren je zwei Mal deutscher Fußballmeister und -pokalsieger wurde. Ab 1946 arbeitete er als Spielertrainer, sowohl für die Nationalmannschaften als auch für die SG Dresden-Friedrichstadt, dem Nachfolge-Verein von Schöns Dresdener SC. Und genau damit beginnt das Ende seiner Zeit in Ostdeutschland. Denn die Geschichte der SG Friedrichstadt gilt als einer der größten Skandale der frühen DDR-Fußballgeschichte. In der ersten offiziellen Nachkriegssaison 1949/50 spielte Friedrichstadt – wie zu erwarten war – gleich um die erste DDR-Meisterschaft und traf am 16. April 1950 im entscheidenden letzten Saisonspiel auf die ZSG Horch Zwickau. Vor rund 60.000 Zuschauern im Dresdner Heinz-Steyer-Stadion verlor Friedrichstadt mit 1:5. Die Partie war von Kontroversen geprägt: Dresdens Kapitän Walter Kreisch musste nach einem Foul verletzt ausscheiden, Wechsel waren damals noch nicht erlaubt, und die Dresdner protestierten gegen mehrere Schiedsrichterentscheidungen. Der Vorwurf, dass das Spiel aus politischen Gründen gezielt manipuliert wurde, konnte bis heute nicht ausgeräumt werden. Die deutliche Niederlage allein erklärt allerdings nicht, warum der Fall zu einem politischen Skandal wurde. Nach dem Abpfiff kam es zu schweren Zuschauerausschreitungen. Die Behörden reagierten mit einer sechsmonatigen Sperre des Stadions. Auch die politische Führung der DDR mischte sich ein: Walter Ulbricht, der das Spiel verfolgt hatte, würdigte bei der anschließenden Meisterfeier die siegreichen Zwickauer, während die Dresdner Mannschaft übergangen wurde. Die Spieler empfanden dies als Demütigung und feierten anschließend mit ihren Anhänger*innen im Stadion. Nur wenige Tage später, am 22. April 1950, wurde ihnen mitgeteilt, dass ihr Verein aufgelöst würde und sie künftig für die Betriebssportgemeinschaft VVB Tabak Dresden spielen sollten.

Warum? Tatsächlich ging es bei diesem Finale nie nur um das Aufeinandertreffen zweiter Fußballmannschaften, sondern vor allem um die Frage, wie sich der DDR-Sport in Zukunft organisieren würde. Die DDR-Führung wollte den Sport zunehmend zentral organisieren und traditionelle, eigenständige Vereine durch staatlich gelenkte Betriebs- und Sportgemeinschaften ersetzen. Viele Spieler wollten die Zwangszuordnung nicht akzeptieren. Am 28. Mai 1950 verließen Helmut Schön und zahlreiche seiner Mitspieler die DDR und gingen nach West-Berlin, wo sich ein großer Teil Hertha BSC anschloss. Schön wurde auch hier Spielertrainer. Übrigens: Bereits 1947 hatte Helmut Schön die SBZ kurzzeitig verlassen und spielte einige Wochen lang statt für Dresden für den FC St. Pauli. Bei der Hertha beendete Schön dann seine Spielerkarriere und konzentrierte sich fortan ausschließlich auf die Trainertätigkeit.

Eine Saison lang arbeitete er anschließend beim SV Wehen in der zweiten Liga Süd, unweit von Wiesbaden, bevor er 1952 Nationaltrainer des damals unabhängigen Saarlandes wurde. Hermann Neuberger, der damalige Präsident des Saarländischen Fußballbundes, suchte einen Trainer für die saarländische Nationalmannschaft. Sepp Herberger, der damalige Bundestrainer der Bundesrepublik und Schöns früherer Nationaltrainer, empfahl ihn für diese Aufgabe, obwohl Herberger den Spieler Schön nicht besonders geschätzt hatte. Schön nahm das Angebot an und übernahm die Betreuung der Auswahl des damals politisch weitgehend eigenständigen Saarlandes. Die neue Tätigkeit entsprach Schöns Interessen besonders gut. Anders als ein Vereinstrainer, der sich auf die tägliche Arbeit mit einer einzigen Mannschaft konzentriert, besuchte er als Auswahltrainer die saarländischen Vereine, beobachtete deren Spitzenspieler und stellte daraus Auswahlmannschaften zusammen. Er konnte unterschiedliche Spielweisen kennenlernen und sich so als Trainer weiterentwickeln. Hinzu kamen Vorträge und immer wieder neue Menschen, die seinen Weg kreutzen und seinen Horizont erweiterten. Aber auch sportlich war die Aufgabe anspruchsvoll. Das Saarland besaß seit 1950 einen eigenen, von der FIFA anerkannten Fußballverband und konnte deshalb mit einer eigenen Nationalmannschaft antreten. Schön führte die Auswahl unter anderem durch die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1954, in der sie auf Norwegen und die Bundesrepublik Deutschland traf. Als das Saarland 1956 politisch in die Bundesrepublik eingegliedert wurde, wechselte er zum Deutschen Fußball-Bund und wurde Assistent Herbergers. 1964 trat er dessen Nachfolge als Bundestrainer an – mit bekannten Ergebnis.

Privat blieb Helmut Schön in Wiesbaden beheimatet. In die Arbeit seines Nachfolgers Jupp Derwall mischte er sich nicht ein. Den Mauerfall 1989 und die deutsche Wiedervereinigung erlebte er noch, allerdings bereits von der Alzheimerkrankheit gezeichnet. Eine Rückkehr nach Dresden blieb ihm auch deswegen zeitlebens verwehrt. 1996 starb er im Alter von 81 Jahren an den Folgen seiner Krankheit in einem Pflegeheim.

Doch Helmut Schön bleibt eine prägende Figur des deutschen Fußballs. Neben seinen sportlichen Auszeichnungen erhielt er für seine gesellschaftlichen Verdienste übrigens unter anderem auch das Bundesverdienstkreuz. Sein Name aber – so scheint es zumindest – ist gerade jüngeren Fußballfans immer weniger ein Begriff. Dabei war Helmut Schön nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen Trainer aller Zeiten. Sein Leben ist darüber hinaus auch Zeugnis der deutschen Geschichte. Und die Erinnerung an diese ist für jede*n von uns existenziell.

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Von admin