Renate Breß war eine deutsche Fußball-Pionierin. 1955 war sie Mitbegründerin des ersten Frauen-Fußballvereins in Dortmund. Bis der BVB Frauen-Fußball anbot sollte es von da an noch über 60 Jahre lang dauern. Jetzt ist Renate Breß im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein Nachruf.
1955 war Renate Breß als 17-Jährige eine Mitbegründerin des Frauenfußballvereins Fortuna Dortmund – obwohl der DFB im gleichen Jahr allen Damenmannschaften das Fußballspielen untersagte. „Heute sind wir sehr stolz, dass wir durchgehalten haben. Wir hätten auch mit dem Hintern zuhause bleiben können, aber wir wollten ja spielen“, sagt Breß, die damals noch Müller hieß.
Die Frauen von Fortuna Dortmund ließen sich aber nicht aufhalten. Auch wenn sie immer wieder kreativ werden mussten: „Wir haben uns Bälle aus Stoff gebastelt und auf der Straße oder sogar bei einem Opa im Garten gepöhlt.“ Als irgendwann endlich ein Trainingsplatz in Schwerte gefunden wurde, war die späte Trainingszeit das nächste Problem. „Ich habe mir immer das Moped von meinem Vater geliehen, um zum Training zu fahren, andere sind mit Autos gebracht worden. Die Autos wurden dann so positioniert, dass die Scheinwerfer uns als Flutlicht dienten“, beschreibt Breß die Trainingseinheiten.
Aber auch sportlich stich die Linksverteidigerin heraus. Denn zwischen 1956 und 1965 durfte sich auch an über 150 inoffiziellen Damen-Länderspielen teinehmen. „Wir waren in Holland, Belgien, Frankreich und Italien. Das Spiel in Mailand im San Siro war sicherlich das absolute Highlight“, erinnert sich Renate Breß. Mit ihren 150 Länderspielen stünde Breß heute auf Platz sechs der ewigen DFB-Bestenliste, hinter Birgit Prinz, Kerstin Stegemann, Ariane Hingst, Anja Mittag und Bettina Wiegmann – allesamt Weltmeisterinnen. Und: Kein Mann hat je mehr Länderspiele für Deutschland absolviert. Doch der DFB erkennt die Spiele bis heute nicht an, hat diesen dunkelen Fleck seiner Verbandsgeschichte immer noch nicht richtig aufgearbeitet. Breß blieben daher vor allem die Erinnerungen: Zahlreiche Fotos, Spielberichte, Eintrittskarten und Zeitungsausschnitte füllen ganze Alben, in denen Passagen über das „bezopfte Fräulein Müller“ sorgfältig unterstrichen sind.
Auch die Ausstattung ist mit der heutigen nicht zu vergleichen. Die Fußballschuhe seien zum Beispiel viel schwerer gewesen. „Im Ver- gleich dazu spielen Spielerinnen heute mit Ballettschühchen“, sagte Breß einmal und konnte sich ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen. Und auch die damalige Anschaffung des passenden Spieloutfits ist heute unvorstellbar. „Unseren Trikotsatz haben wir vom Sporthaus Wiethoff bekommen und mussten ihn auf Raten mit monatlich zwei D-Mark abstottern. Das hat Jahre gedauert“, erinnert sich Breß. Während heute über Equal Pay diskutiert wird, war laut Breß „Geld gar kein Thema. Wir wollten nur spielen. Nach einigen Jahren haben wir auf Auswärtsfahrten zehn Mark bekommen, damit wir uns an der Raststätte etwas zu trinken holen konnten“. Na immerhin.
1965 wurde Fortuna Dortmund schlißelich „unter Tränen“ aufgelöst. „Wir waren alle um die 30, und Nachwuchs gab es nicht, weil Frauenfußball verboten war. Da haben wir dann Feierabend gemacht“, berichtete Renate Breß über das Ende eines denkwürdigen Jahrzehnts. „Ich habe mich aber jahrelang gefragt, warum der BVB keine Frauenmannschaft hat“, verriet sie Anfang des Jahres bei einem Besuch der inzwischen gegründeten BVB-Frauen. Sie sei aber sehr froh, dass hier jetzt endlich etwas passiert sei. Und auch über den Ehrgeiz mit dem der Verein das Projekt inzwischen entwickle.
Die Verbindung zu Borussia Dortmund wird dabei noch an einem anderen Punkt deutlich: Breß‘ Verein, Fortuna Dortmund, spielte zu Beginn im Hoeschpark, der heutigen Heimat der BVB-Frauen. Doch Fortuna war dort seinerzeit gar nicht willkommen: „Mit dem Krückstock haben sie uns hier verjagt. Wir durften nirgends bleiben, weil man nicht verstehen konnte, dass Frauen Fußball spielen wollen“, verriet Breß. Das ist heute immerhin anders. Vor allem dank mutiger Pionierinnen wie Renate Breß.
Ruhe in Frieden.
