Wer das liest ist blöd: Memmingen-Fans protestieren gegen strenge Kontrollen in Düsseldorf

Lebendige Fankultur in Düsseldorf: Die Ostkurve fordert vor dem ersten Heimspiel der Saison „Altbier für alle“

Endet die Meinungsfreiheit an der Stadiontür? Dass das bei der Düsseldorfer EG so ist, werfen ihr zumindest die Fans des ECDC Memmingen vor. Die Ultra-Gruppe ‚Rote Passion Hühnerberg‘ schreibt: „Im Vorfeld des Spiels in Düsseldorf erreichten uns erstaunliche Vorgaben für Gästefans. Die DEG verlangt, dass jegliche Fanmaterialien vorab angemeldet werden – von der Zaunfahne über den Schwenker bis hin zum Befestigungsmaterial für die Trommel. Gleichzeitig wirbt die DEG mit einer ‚lebendigen Fankultur‘ und weiß diese auch zu vermarkten.“

Doch damit nicht genug: In Düsseldorf, wie auch an anderen Standorten, möchte man offenbar möglichst genau wissen, was der Gästeanhang im Stadion vorhat. Choreografien müssen bis ins letzte Detail angemeldet und Inhalte von Spruchbändern vorab zur ‚Prüfung‘ eingereicht werden.“ Die Memminger waren über die strengen Regeln in der Landeshauptstadt offenbar sehr irritiert und beschlossen deshalb, ihre Grenzen auszutesten: „Im Vorfeld der Partie meldeten wir die maximal erlaubte Menge an Fanmaterialien an und kündigten mehrere Spruchbänder an. Diese Spruchbänder hatten wir zu keinem Zeitpunkt tatsächlich vor zu zeigen. Sie waren bewusst unterschiedlich kontrovers formuliert und sollten ausloten, wo für die Verantwortlichen die Grenzen des Sagbaren liegen.“ Keine Aussage sei strafrechtlich relevant gewesen. In der Folge untersagte die DEG nach Aussage der Memminger dennoch sämtliche Spruchbänder für den Gästeblock.

Spruchband in Mandarin: Memmingen-Fans protestieren gegen Vorabkontrollen

Dagegen wiederum protestierten die ‚Rote Passion Hühnerberg‘ im zweiten Drittel. Denn plötzlich zeigten die Ultras doch ein Spruchband. Allerdings auf Mandarin, also in chinesischen Schriftzeichen formuliert. Die Memminger schreiben: „Wir sind der Überzeugung, dass freie Meinungsäußerung auch im Stadion ihren Platz haben muss. Wo deren rechtliche Grenzen liegen, sollte nicht von Vereins- oder Stadionverantwortlichen nach eigenem Ermessen festgelegt werden. Über die Grenzen des rechtlich Zulässigen entscheiden im Zweifel Gesetze und Gerichte. Wir lassen uns unsere Meinung nicht von Verantwortlichen vorschreiben und wollen uns auch nicht vollständig kontrollierbar machen.“ Ganz so einfach ist es natürlich nicht, immerhin trägt die Heimmannschaft sehr wohl die Verantwortung dafür, sicherzustellen, dass keine verfassungsfeindlichen oder volksverhetzenden Botschaften gezeigt werden. Und sie muss auch keine herablassende Aussagen beispielsweise gegen Queers oder Menschen mit Migrationsgeschichte zulassen. Aber braucht es dafür wirklich Vorab-Kontrollen in diesem Ausmaß?

Der ECDC Memmingen spielt in diesem Jahr erstmals in der DEL 2, der zweihöchsten deutschen Eishockey-Liga. Die ‚Rote Passion Hühnerberg‘ berichtet, dass es solche Kontrollen wie jetzt in Düsseldorf in der Oberliga zu keiner Zeit gegeben habe: „Jahrelang hat es funktioniert, auf derartige Auflagen und Vorabkontrollen zu verzichten. Wir sehen keinen Grund, warum sich daran etwas ändern sollte, nur weil wir eine Liga höher spielen.“ Nachvollziehbar.

Auch die DEG-Fans protestierten: Gegen hohe Getränkepreise im PSD-Bank-Dome.

Gleichzeitig richten die Ultras Fragen an die DEG und alle Eishockeyfans: „Wer entscheidet, was noch legitime Kritik ist und wann eine Grenze überschritten wird? Nach welchen Kriterien wird das bewertet? Wird Kritik am Heimverein anders behandelt als andere Aussagen?“ FanLeben.de hat darum einen umfassenden Fragenkatalog an die Pressestelle der Düsseldorfer EG geschickt, doch dort wollte man sich nicht zu den Vorwürfen aus Bayern äußern.

Stadien sind politische Räume, Fanszenen politische Gruppen. Denn dort kommen Menschen zusammen, ringen um eine gemeinsame Haltung, finden geteilte Überzeugungen, die dann auch bei den Spielen der eigenen Mannschaft vertreten werden. Ultra-Gruppen machen so für viele, gerade für viele junge Sportfans Demokratie erlebbar. Sie sind ein wichtiger identifikationsstiftender Ort für viele ihrer Mitglieder. Dabei beschäftigen die Fans oft alltagsnahe Themen und zumeist werden sie auch progressiv besetzt. Das ist nichts Schlechtes – im Gegenteil: Gerade heute kann das für unsere Demokratie extrem wertvoll sein.

Viele Klubs haben für sich verbindliche Werte definiert, wollen für Demokratie und Vielfalt, gegen Diskriminierung eintreten. Kein Klub muss hinnehmen, dass in seinem Stadion gegen diese Werte verstoßen wird. Aber wer demokratische Werte leben will, muss auch die Meinungsfreiheit aushalten.

Und ja, das bedeutet, dass man auch mal etwas aushalten muss. Nicht jedes Spruchband wird allen gefallen. Auch die Klubs selbst müssen immer wieder Kritik einstellen, auch von den eigenen Fans. Aber Stadien sind öffentliche Orte, auch wenn eine Kapitalgesellschaft das Hausrecht ausübt. Da sollte die Meinungsfreiheit und eben jene transparent entwickelten Wertekanons der Klubs die Grenze des Sagbaren sein, nicht der Geschmack der Ausrichter*innen. Und da lohnt es sich darauf zu vertrauen, dass die Äußerungen in den meisten Fällen schon bereichernd oder zumindest respektvoll sein werden – und mögliche Ausnahmen auszuhalten. Fans verdienen ein möglichst breites Recht darauf, mit ihren Botschaften im Stadion überraschen zu dürfen. Maximal unabhängige Kontrollen darauf, ob eindeutig justiziable oder solche Botschaften geplant sind, die Demokratie und Vielfalt entgegen stehen, erscheinen da vertretbar.

Aber eine Antwort können wir noch geben. Nämlich auf die Frage, was denn nun auf dem Mandarin-Spruchband stand. Nun ja. Darauf stand: „Wer das liest, ist blöd.“

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Von admin