Der italienische Fußball steckt in einer noch tieferen Krise als der deutsche: Nachdem Italien 2006 noch Weltmeister geworden war, schied die Squadra Azzurra bei den Folge-Turnieren 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien in der Vorrunde aus und qualifizierte sich dann 2018 in Russland und 2022 in Katar sowie 2026 in den USA, Kanada und Mexiko gar nicht für die WM-Endrunden. Sportlicher Boykott von fragwürdigen Wettbewerben – eher nicht.
Nach Weltmeister-Trainer Marcello Lippi durften sich – inklusive Interimstrainer – nämlich schon zehn Nationaltrainer an der Mannschaft versuchen: Roberto Donadoni, noch einmal Marcello Lippi, Cesare Prandelli, Antonio Conte, Gian Piero Ventura, Luigi Di Bagio, Roberto Mancini, Luciano Spalletti, Gennaro Gattuso und zuletzt Silvio Baldini. Mancini wurde mit Italien immerhin 2021 Europameister, ihm wurde deswegen sogar die verpasste WM-Quali 2022 verziehen, ehe er 2023 aus freien Stücken (und für viel Geld) als Nationaltrainer nach Saudi-Arabien wechselte. Baldini, wiederum der aktuelle Interimstrainer, gewann seine beiden Freundschaftsspiele als Nationaltrainer und arbeitete davor auch schon erfolgreich bei der italienischen U21, mit seinen 67 Jahren stellt er jedoch auch keine Dauer-Lösung da.
Also machte man sich erneut auf Trainersuche. Verpflichtete aber zunächst zwei neue sportliche Verantwortliche: Paolo Maldini, Legende des AC Mailand, dort aber auch erst vor wenigen Wochen als technischer Direktor entlassen, und Leonardo, bekannt als Ex-Spieler von AC und Inter Mailand und als der Sportdirektor, der Anfang der 2010er Jahre nach dem Einstieg Katars bei Paris St. Germain das neue PSG mitaufbaute. Seine erste Amtszeit in der französischen Hauptstadt endete, nachdem er 13 Monate gespert worden war – der Grund: Eine Tätlichkeit gegen einen Schiedsrichter. Später kehrte Leonardo noch einmal zu PSG zurück, war dann unter anderem an den Verpflichtungen von Lionel Messi und Sergio Ramas beteiligt, vor allem aber verließen unzählige hochtalentierte junge Eigengewächse unter ihm den Klub. Leonardo steht also für das Paris, das versucht hat, mit alternden Weltstars die Champions League zu kaufen – der internationale Erfolg stellte sich erst nach seinem zweiten Weggang ein.
Nichtsdestotrotz sondierten Maldini, Leonardo und Verbandspräsident Giovanni Malagò den Trainermarkt. Marcello Lippi ist inzwischen fast 80 Jahre alt, Roberto Mancini wird in der Tat mit einem Comeback bei der Squadra Azzurra in Verbindung gebracht – und sonst? Und sonst flirtete Malagò erst einmal öffentlich mit Pep Guardiola, um sich von dem wie auch von Carlo Ancelotti einen Korb einzuhandeln. Und obwohl der Plan mit einem prominenten Ex-Weltmeister als Trainer mit Gattuso gerade erst gescheitert war, kristallisierte sich dann recht schnell eine neue Wunschlösung heraus: Andrea Pirlo.
Pirlo ist 116-facher Nationalspieler und Leistungsträger beim Titelgewinn der Italiener 2006, spielte bei Inter Mailand, AC Mailand und Juventus Turin. Trainererfahrung sammelte er eben dort, in der Türkei bei Karagümrük und Sampdoria Genua. Nur in Genua hielt es Pirlo länger als eine Saison – in seiner zweiten Spielzeit wurde er jedoch bereits nach dem 3. Spieltag entlassen. Immerhin: Mit Juve wurde er italienischer Pokalsieger und gewann den Supercup. Die Meisterschaft allerdings verpasste er. Aktuell ist Pirlo Trainer bei United FC in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und damit beginnen die Probleme.
Denn obwohl sich Malagò, Maldini und Leonardo sich mit Pirlo bereits auf einen Vier-Jahres-Vertrag bis nach der Weltmeisterschaft 2030 geeinigt haben sollen, steht das Engagement vor dem Aus. Der Grund: Der Klub aus Dubai gehört dem russischen Milliardär Sergey Lomakin. Und Teil von Pirlos Deal mit Lomakin ist auch eine Werbetätigkeit Pirlos für dessen Wettanbieters Fonbet. Vor einigen Wochen war er zu einer Autogrammstunde in Moskau, was angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht nur in Italien für Aufregung sorgte. Russlands Botschafter in Italien, Alexej Paramonow, versicherte ihm daraufhin seine „volle Solidarität“.
Pirlo teilte übrigens mit, dass sein Engagement in den VAE und Russland ausschließlich sportliche und kommerzielle Hintergründe habe – immerhin ehrlich. Doch weiter schrieb er dazu: „Ihr eine politische Bedeutung zuzuschreiben, bedeutet, mir Überzeugungen zuzuschreiben, die ich nie geäußert habe und nicht habe.“ Und das ist natürlich Quatsch. Denn Russland inszeniert das Engagement Pirlos natürlich auch politisch. Die Botschaft: ‚Schaut er, die größten Stars aus dem Westen stehen hinter uns, wir sind im Recht.‘ Nicht umsonst positionierte sich auch Russlands Botschafter öffentlich. Mag sein, dass Pirlo keine politische Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat – das wäre aber ziemlich ignorant. Und man kann von jemanden mit der öffentlichen Wirkung eines Andre Pirlos schon erwarten, dass er sich seiner Rolle bewusst ist und Verantwortung übernimmt. Dass er sich selbst jetzt nicht von seinen Russland-Geschäften distanziert, beweist, dass er mutwillig bereit ist, als Unterstützer des Putin-Regimes wahrgenommen zu werden.
Und dass er jetzt so agiert dürfte dann wieder mit seinen kommerziellen Interessen zu tun haben. Denn seine jüngste Wortmeldung legt auch nah, dass die Vertragsgespräche mit dem italienischen Fußballverband tatsächlich geplatzt sind: „Ich möchte Maldini und Leonardo für die Wertschätzung und das Vertrauen danken, das sie mir entgegengebracht haben“, erklärte er in seinem Statement. Und weiter: „Meine Liebe zu Italien hängt nicht von einem Jobtitel ab. Sie ist Teil meiner Geschichte, meiner Identität, und sie wird mich immer begleiten.“
Für Italiens Fußball kann das Pirlo-Aus dabei eine gute Nachricht sein.
Sicher politisch.
Aber wahrscheinlich auch sportlich. Doch erst einmal muss der Verband noch zwei weitere Positionen nachbesetzen, denn sowohl Paolo Maldini als auch Leonardo sollen ihre Rücktritte – ebenfalls in Solidarität mit Pirlo – angekündigt haben. Als mögliche Kandidaten für Job als Nationaltrainer gelten nun wiederum Roberto Mancini und Antonio Conte – zwei Männer also, die den Posten bereits in der Vergangenheit inne gehabt haben. Und unstrittig gute Trainer.
Aber dem italienischen Fußball wäre zu wünschen, dass man jetzt einen echten Neuaufbau wagt, mit einem Trainer, der sich langfristig beim Verband sieht, der über die A-Nationalmannschaft mitgestalten möchte, gute Verbindungen zu den Klubs aufbauen kann, damit gerade die jungen italienischen Talente endlich Spielpraxis sammeln – in keiner Topliga bekommen eigene Nachwuchsspieler nämlich weniger Einsatzzeiten als in der Serie A – und der die Arbeit als Verbandstrainer mit all ihren Besonderheiten kennt. Und mit einer sportlichen Leitung, die nicht nur nach Prestige zusammengesetzt ist, sondern die den Mut zu tatsächlichen Reformen hat.
Und das gute am Chaos jetzt ist ja: Einfacher so etwas durchzusetzen war es wahrscheinlich noch nie.
