Offener Machtkampf: UEFA boykottiert FIFA wegen WM-Verkauf I Jetzt darf es kein Zurück mehr geben!

„Die Weltmeisterschaft darf nicht als Anlageprodukt behandelt werden. Sie ist eines der größten sportlichen Vermächtnisse des Fußballs. Sie wurde über Generationen hinweg von Spielern, Nationalmannschaften und Fans auf allen Kontinenten aufgebaut. Kein Teil davon darf jemals an private Investoren abgetreten werden. Die Weltmeisterschaft steht nicht zum Verkauf“, mit diesen deutlichen Worten wendete sich die UEFA gestern Abend an die Öffentlichkeit.

Ihre deutliche Kritik richtet sie vor allem an die aktuelle FIFA-Führung unter Präsident Gianni Infantino: „Es ist sowohl unverantwortlich als auch unvertretbar, dass ein für den Fußball so bedeutender Vorschlag im Geheimen ausgearbeitet und bis kurz vor die Verabschiedung gebracht wurde, ohne dass die mit der Leitung des Sports betrauten Akteure in nennenswertem Umfang konsultiert wurden. Dies ist nicht nur ein tiefgreifendes Versagen der Führung, sondern eine Vernachlässigung der Pflicht der FIFA als Hüterin des Weltfußballs.“ Und weiter: „Den nationalen Verbänden weltweit wird nun ein Ultimatum gestellt: Entweder sie akzeptieren die unwiderrufliche Vereinnahmung der größten Fußballwettbewerbe oder sie tragen die Konsequenzen. Dies ist keine „demokratische Entscheidung“, sondern eine Herrschaft durch Einschüchterung – ein Akt der Nötigung, der einer Institution, der die Verantwortung für den weltweiten Fußball anvertraut ist, unwürdig ist.“

Doch die UEFA kritisiert nicht nur den laufenden Prozess: „In dem Moment, in dem externe Investoren Beteiligungen an FIFA-Wettbewerben erwerben, verändert sich der Fußball für immer. Kommerzielle Rendite wird zu einer dauerhaften Verpflichtung. Die Erwartungen der Investoren werden zu einem täglichen Druck. Von diesem Moment an wird jede Entscheidung über den internationalen Spielkalender, jede Entscheidung über Wettbewerbsformate und jede Entscheidung, die die Zukunft des Fußballs prägt, nicht mehr davon bestimmt, was dem Spiel am besten dient, sondern davon, was den Aktionären am besten dient.“

Hintergrund: Die renommierte US-Zeitung Times hatte berichtet, dass die FIFA plant, ein Unternehmen namens FIFA Forward Enterprise (FFE) zu gründen, das die kommerziellen Rechte an den wichtigsten FIFA-Wettbewerben (Männer- und Frauen-WM sowie Klub-WM) übernimmt und an dem private Investoren 20 bis 30 Prozent der Anteile erwerben können. Weitere Anteile sollen zudem an einige Nationalverbände direkt gehen, Infantino rechnet dabei wohl mit Erlösen von bis zu 20 Millionen Euro für jeden FIFA-Mitgliedsverband. Die FIFA selbst hat die Pläne bestätigt. Ein Sprecher betonte, dass „die FIFA stets auf der Suche nach innovativen Projekten ist, die die Entwicklung des Fußballs weltweit vorantreiben können und man immer offen dafür ist, vorgelegte Vorschläge zu prüfen“. Man würde „derzeit einen Konsultationsprozess einleiten“. Widersprochen wird dem Times-Bericht vor allem in einem Punkt: Die FIFA-Mitarbeiter*innen hätten diesbezüglich keine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnet. Na immerhin das. Überraschend kommt das nicht. FIFA-Präsident Infantino hatte nämlich schon bei einem Treffen aller FIFA-Mitgliedsverbände am 18. Juli erklärt, dass nach dem Erfolg der WM 2026 nun die Priorität sei, „das kommerzielle Potenzial und die Chancen der FIFA voll auszuschöpfen“. Der Vorschlag der WM-Privatisierung solle nun dem FIFA-Rat vorgelegt werden, der die Entscheidung darüber treffen müsse. Dass dabei ausgerechnet ein US-Medium über den Vorgang berichtet, ist natürlich auch kein Zufall. Denn die FIFA berichtete ebenfalls, dass die US-Investmentbank JP Morgan die FIFA bei diesem Vorhaben unterstützt und der Bruder des Schwiegersohns von US-Präsident Donald Trump die externe Investorengruppe anführen soll: „Thrive, dessen CEO Josh Kushner ist, wird voraussichtlich die vorgeschlagene Investorengruppe anführen.“ Trump und Infantino verbindet seit einiger Zeit eine persönliche Freundschaft. Infantino selbst soll übrigens den Berichten zu Folge Geschäftsführer von FFE werden – und dann mehr als 50 Millionen Euro im Jahr verdienen.

Das Fazit der UEFA ist darum klar: „Dieses Modell hat im Weltfußball keinen Platz. Die Zukunft des Fußballs darf nicht von den Erwartungen derer diktiert werden, deren oberste Pflicht darin besteht, den finanziellen Ertrag zu maximieren. Ebenso wenig dürfen die Interessen der nationalen Verbände, Ligen, Vereine, Spieler und Fans den Renditen der Investoren untergeordnet werden. Der Fußball darf seine Zukunft nicht für finanziellen Gewinn verpfänden. Die Position Europas ist klar. Wir werden diesem Modell niemals unsere Legitimität verleihen. Niemand hat die moralische Autorität, das zu verkaufen, was er lediglich treuhänderisch für die nächste Generation verwaltet.“

Warum reagiert die UEFA so harsch? Die FIFA verdient mit den FIFA-Wettbewerben immerhin ja schon heute viel Geld. Und mit diesem Geld finanziert sie dann ihre Arbeit und subventioniert ihre Mitgliedsverbände. Dabei wendet sie sogar einen Solidaritäts-Mechanismus an. Das erwirtschaftete Geld bleibt also im Fußball-Kosmos und hilft kleineren Verbänden überproportional. Privatisiert man aber die Turniere würden eben nicht mehr die Fußballverbände profitieren, sondern externe Kapitalgeber, die Trump-Familie. Kurzfristig mag es für den einen oder anderen Fußball-Funktionär attraktiv sein viel Geld auf einen Schlag einzunehmen – langfristig aber würde es den Fußball gerade in wirtschaftlich-schwächeren Regionen ausbluten lassen.

Entsprechend drastisch ist auch die Konsequenz, welche die UEFA jetzt ankündigt hat: Europa wird den FIFA-Fußball bis auf weiteres boykottieren! Konkret kündigt der Kontinentalverband an: „Als Ergebnis der heutigen Diskussion werden keine UEFA-Nationalmannschaften an FIFA-Wettbewerben teilnehmen, solange diese Vorschläge auf dem Tisch bleiben – es sei denn, dieser Vorschlag wird vollständig verworfen und es werden verbindliche Zusicherungen gegeben, dass die FIFA ihre Führungsstrukturen oder Wettbewerbe niemals wieder für privates Eigentum öffnen wird.“ Es dürfe niemals Zweifel daran geben, schreibt die UEFA, dass sie und ihre Nationalverbände sich den bestehenden Plänen „mit aller Entschlossenheit widersetzen“ werden. Auch der DFB und die weiteren 54 Mitgliedsverbände der UEFA haben sich den Schreiben und den Konsequenzen angeschlossen. Selbst die Premier League bekannte sich öffentlich zum UEFA-Statement. Das ist eine Kampfansage! Die UEFA beginnt ein Kräftemessen mit Infantino – in diesem Ausmaß hat es das in der Geschichte des Weltfußballs noch nie gegeben. Kaum vorstellbar, dass die FIFA FFE jetzt noch umsetzen kann.

UPDATE: Auch der Asiatische Fußballverband und die CONCACAF, der Verband für Nordamerika und die Karibik, haben den Infantino-Plan öffentlich zurückgewiesen. Das ist insofern gleich doppelt bemerkenswert, als dass es in beiden Verbandsgebieten fast nur Investoren-geführte Klubs gibt und sich auch U. S. Soccer klar zur Ablehnung bekannt hat. Damit geht der Verband aus den USA auch auf Distanz zu US-Präsident Trump.

Aber da ist ja noch etwas: Infantino muss dieses Jahr noch als FIFA-Präsident wiedergewählt werden. Der DFB und andere UEFA-Verbände haben ihn nicht offiziell für eine dritte Amtszeit nominiert. Trotzdem gilt seine Wiederwahl als Formsache: Mehr als 200 Mitgliedsverbände der FIFA sollen hinter ihm stehen. Beim FIFA-Kongress gilt: Kandidiert nur eine Person als FIFA-Präsident, findet keine Wahl statt. Stattdessen wird der Kandidat per Applaus akklamiert. Das wäre – gerade jetzt – hochnot peinlich. Die Infantino-kritischen Verbände müssen darum jetzt noch einen Gegenkandidaten für das Amt des FIFA-Präsidenten finden, allein schon, damit der sich einer tatsächlichen Wahl stellen muss. Und als Signal, dass sich eine klare Opposition gegen dessen Politik formiert. Das fordert auch Dr. Christos Katzidis, Präsident des einflussreichen Fußballverbandes Mittelrhein. Fanproteste gegen die FIFA und Infantino wird es auch weiterhin geben. Und sie bleiben bitter nötig. Denn Infantino hat in den vergangenen Jahren immer wieder Grenzen überschritten – bis heute folgenlos. Die Kritik an ihm darf nicht verstummen, auch wenn er jetzt gegenüber der UEFA einlenken sollte.

Manche Dinge, heißt es dazu im letzten Abschnitt der UEFA-Erklärung, seien zu wichtig „um sie zu verkaufen. Die FIFA-Weltmeisterschaft gehört dem Fußball. Das wird immer so bleiben. Und solange Europa ein Mitspracherecht hat, wird sie niemals zum Verkauf stehen.“

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Von admin