William Beale kam Ende des 19. Jahrhunderts aus Isle of Man nach Wien – und brachte aus dem britschen Kronbesitz seine Leidenschaft für den Fußball mit. So überrascht es nicht, dass Beale nicht nur dabei war, als am 22. August 1894 Österreichs erster Fußballverein gegründet wurde, sondern dass er an diesem Tag auch schon das bis heutige gültige Vereinswappen vorstellte: Es stellt in gelb und blau eine leicht veränderte Triskele in Form eines von drei Beinen umrahmten Fußballes da und ist dabei ebenfalls von der Isle of Man inspiriert. Ins Mitgliederverzeichnis trugen sich an diesem Tag neben Beale auch noch folgende Herren ein: Franz Joli, Max Hans Joli, Major, Anlauf, James Black, Brabenetz, Kent, Roberts und Geo Fuchs, der als erster Obmann des Vereins fungierte. Als Paten konnte im Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ Baron Nathaniel Rothschild gewonnen werden. Seinem Familienwappen wurden auch das gelb und blau des Vereinswappen, welches Beale entworfen hatte, entnommen. Und auch so prägte die Nähe zur Familie Rothschild den Verein: Bis in die 1930er Jahre war rund ein Drittel der Vereinsmitglieder jüdisch.
Im Garten des Barons begann der gegründete Verein, der Vienna Football-Club, auch mit dem Fußballspiel. Und das fast zeitgleich mit dem zwei Jahre zuvor gegründeten Vienna Cricket-Club, der sich kurz drauf in Vienna Cricket- und Football-Club umbenannte. Er wurde jedoch ebenfalls erst im Jahr 1894 offiziell angemeldet – und zwar einen Tag später als der Vienna Football-Club, der sich seitdem „First Vienna Football-Club“ nennen darf, der erste Fußballverein, der sich übrigens bis heute „Football-Club“ und nicht „Fußballverein“ nennt. Im Garten des Baron Rothschilds fand dann übrigens auch das erste inoffizielle Fußballspiel in Wien statt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit traten vier Engländer gegen vier Österreicher an und zerpflückten die Rasenpracht des Barons, der seine Gartenanlagen liebte. Der Bankier und Finanzier Nathaniel Mayer von Rothschild verbot den Kickern daraufhin das Fußballspielen auf seinen Anlagen, finanzierte ihnen jedoch die Anmietung der Kuglerwiese und kam auch für den Trainings- und Spielbetrieb der Mannschaft auf.
In den ersten Jahren gehörte die Vienna fortlaufend zu den besten Mannschaften Österreichs. Und prägte dabei das Spiel immer weiter: Der First Vienna FC 1894 spielte bisher 68 Saisonen in der höchsten österreichischen Spielklasse und war in der Auftaktsaison 1911/12 Gründungsmitglied der ersten offiziellen Meisterschaft. Sidenote: Bis 1913 gab es zum Abschluss der Saison immer ein Relegationsspiel zwischen dem Tabellenletzten der ersten Liga und dem Meister der zweiten Liga Österreichs. Die Vienna setzte anschließend die Abschaffung der Relegation und den direkten Auf- beziehungsweise Abstieg durch – und stieg 1914 prompt als erste Mannschaft direkt ab. Die Funktionäre der Döblinger umgehende Protest gegen ihren eigenen (!) Antrag ein, was der Fußballverband aber nicht annahm. ie Vienna zog sich daraufhin aus dem Verband zurück und gründete mit dem Fußballbund in Niederösterreich (FBiNÖ) einen Konkurrenzverband in Niederösterreich und zusammen mit Vereinen aus Böhmen und Prag den Football-Union-of-Austrian Nations (FUAN) einen Gegenverband zum ÖFV, die sich nach zwei Jahren wieder auflösten. 1916 kehrten die Döblinger in den ÖFV zurück und stiegen in der 2. Klasse wieder in das Meisterschaftsgeschehen ein. 1919 kehrten sie sportlich auch in die erste Liga zurück. 1924 wurd man erstmals Vizemeister, 1925 und 1926 jeweils Vizepokalsieger. Es folgte die sportlich erfolgreichste Ära der Vereinsgeschichte: 1929 konnte die Vienna dann den ersten Pokalsieg feiern. 1930 wurde der Titel prompt verteidigt. 1931 wurde die Vienna dann erstmals auch österreichischer Fußballmeister. Damit qualifizierte das Team sich für den Mitrocup, den ersten internationalen Wettbewerb für Vereinsmannschaften, den sie – unter anderem nach einem Sieg gegen den AS Rom – prompt gewann. 1936 wurde man erneut Meister, 1937 wieder Pokalsieger. In der Zeit des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich gewann der First Vienna FC von 1942 bis 1944 dreimal in Folge die Meisterschaft der Ostmark. Mit dem Gewinn dieses Titels war der Verein berechtigt an der Endrunde um die deutsche Meisterschaft teilzunehmen. Der Vienna gelang es 1942 bis in das Endspiel vorzudringen, verlor dort jedoch gegen Schalke 04. Mit Siegen über den Wiener AC, den Floridsdorfer AC, Breslau 02 und den 1. FC Nürnberg qualifizierte sich die Vienna 1943 zudem für das Finale des deutschen Pokalsbewerbs, das am 31. Oktober 1943 in Stuttgart stattfand. Mit einem 3:2-Sieg nach Verlängerung gegen LSV Hamburg konnte die Vienna den von den Nazis in Tschammerpokal umbenannten Titel gewinnen.
Gleichzeitig war die Zeit im Nazi-Faschismus auch beim First Vienna Football-Club die dunkelste der Vereinsgeschichte. Die jüdischen Mitglieder wurden aus dem Verein ausgeschlossen, nicht-jüdische Spieler beteiligten sich zudem an der „Arisierung“ der Besitztümer ihrer formaligen Vereinskollegen. Strukturell war die Vienna sicherlich kein Nazi-Verein und hatte keine besonders hervorgehobene Stellung im Regime inne, was allein schon aufgrund der jüdischen Wurzeln des Vereins unvorstellbar gewesen wäre, ein Widerstandsklub war man aber ganz sicher auch nicht. Positiv hervorzuheben ist, dass nach dem Ende des zweiten Weltkriegs viele jüdische Mitglieder schnell in ihren Verein zurückkehren konnten und die Fans der Vienna diese Epoche der Vereinsgeschichte umfassend und schonungslos aufgearbeitet haben.
Sportlich verlor die Vienna nach dem Krieg jedoch langam den Anschluss an die österreichische Fußballspitze. 1955 konnte jedoch noch zum sechsten Mal die Meisterschaft gewonnen werden. 1968 stieg man dann zum ersten Mal nach 1919 aus der höchsten österreichischen Spielklasse ab – dieses Mal ohne einen neuen Fußballverband zu gründen. Immerhin stieg man dafür in der Folgesaison direkt wieder auf. Doch das Glück war nicht von Dauer: Bis 1986 (!) wechselten die Döblinger fast Jahr für Jahr die Spielklasse zwischen erster und zweiter Liga. 1986 konnte mit Hilfe eines Sponsors dann der rgentinischen Weltmeister Mario Kempes verpflichtet werden. Das reichte zum Klassenerhalt. In den Jahren darauf kamen weitere viele bekannte Spieler nach Döbling und die Vienna wuchs langsam wieder zu einer sehr guten Mannschaft: Im Winter 1987 kamen Kurt Russ vom Kapfenberger SV und Andreas Herzog leihweise von Rapid zum Verein. Ihnen folgten Peter Stöger Peter Webora, Andreas Heraf, Hannes Reinmayr, Ivica Vastić und Gerald Glatzmayer trugen in den Jahren von 1987 bis 1992 den blau-gelben Dress. Mit ihnen konnte sich die Vienna Ende der 80er Jahre immerhin zweimal für den UEFA Cup qualifizieren. 1997 erreichte man zum bislang letzten Mal das österreichische Pokalfinale.
Trotzdem ging es seit 1994 weiter abwärts. 2001 stieg die Vienna zum ersten Mal in die dritte Liga ab. Erst 2009 kehrte man – mit Trainer Peter Stöger – in die zweite Liga zurück. 2017 musste der Verein Insolvenz anmelden. Die Folge war der Zwangsabstieg in die fünfte Liga. Erst 2022 kehrte man in die zweite Liga zurück, in der man bis heute spielt.
Interesannt ist auch die Stadiontradition der Vienna. Angefangen hat es – wie gesagt – im Garten eines Baros. Der aber wollte sich ja nun einmal nicht die Hecken kaputt treten lassen und mietete den Spielern deswegen eine Wiese an. Im September 1896 zog der Verein auf die Kreindlwiese um. Diese lag neben dem Blindeninstitut auf der Hohen Warte und wurde dem Verein vom Ziegeleiinhaber Kreindl in Pacht gegeben. Der Platz zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass das Gelände völlig uneben war und die Spieler ständig bergauf und bergab laufen mussten. Ein neuerlicher Umzug war damit nur eine Frage der Zeit. 1899 verließ man die schiefe Ebene der Kreindlwiese und pachtete das Gelände des heutigen Hohe-Warte-Bades, um darauf den größten Fußballplatz Wiens zu errichten und dem wachsenden Publikumsinteresse Rechnung zu tragen. Die „alte hohe Warte“ entstand. Doch 1919 wurde dem Verein von der Stadt der Pachtvertrag gekündigt und so musste Vienna noch ein letztes Mal umziehen. Man kaufte das Nachbargrundstück und errichtete in gerade einmal zwei Jahren ein neues Stadion – und was für eins: Die Hohe Warte, damals mit knapp 90.000 Plätzen eines der größten Stadien Europas, diente nicht nur der Vienna als moderne Spielstätte, sondern war auch Triumphstätte der Nationalmannschaft in der Ära des Wunderteams. Dabei bestehen die Zuschauerränge der Hohen Warte größtenteils nicht aus künstlich errichteten Betontribünen bestehen, sondern nutzen die natürliche Topografie des Geländes. Während bereits 1921 lediglich die Haupttribüne als überdachte Holzkonstruktion ausgeführt wurde, fanden die meisten Zuschauer*innen auf den begrünten Erdwällen rund um das Spielfeld Platz. Dadurch entstand der Eindruck eines natürlichen Amphitheaters. Diese Bauweise war nicht nur kostengünstig, sondern bot auch ausgezeichnete Sichtverhältnisse und fügte sich harmonisch in die Landschaft ein. Bis heute prägen die grasbewachsenen Hänge den besonderen Charakter des Stadions und machen die Hohe Warte zu einem der bekanntesten Naturstadien Europas. Auch wenn die Kapazität inzwischen nur noch bei rund 7.500 Plätzen liegt.
Besonders spannend ist auch das: In den letzten Jahren wandelte sich das Umfeld des Vereins massiv. Heute hat die einst bürgerliche Vienna eine ziemlich linke Fanszene. Alle Fangruppen eint dabei der Grundsatz des positiven Supports. Statt den Gegner und seine Fans zu schmähen, steht die Unterstützung der eigenen Mannschaft im Vordergrund. Viele Fans engagieren sich gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie, weshalb regelmäßig politische Transparente in den Fansektoren und auf den brachliegenden Teilen der Naturarena zu sehen sind. Die Hausordnung des Stadions richtet sich explizit gegen die Verbreitung rechtsextremer Propagandamaterialen. Eine ähnliche Entwicklung gab es übrigens auch beim Wiener Sport-Club. Früher ebenfalls ein bürgerlicher Verein, zieht auch der Sport-Club heute vor allem linke, autonome und liberale Student*innen an. Auch sie bekennen ich zum positiven Support. Daher ist trotz des großen Zuschauerandranges kein großes Polizeiaufgebot üblich, sogar auf getrennte Eingänge der unterschiedlichen Fangruppen wird bei den Derbys verzichtet. An den Kantinen kommt es häufig zu Verbrüderungen zwischen Anhängern beider Teams. Trotz räumlicher Nähe und zunehmender sportlicher Brisanz der Aufeinandertreffen haben die Fans damit eine Wortneuschöpfung geschaffen: Dörby of Love. Bemerkenswert: Der Verein bekennt sich heute stolz zu seiner progressiven Fanszene.
Der First Vienna Football-Club ist ein spannendes Stück Landes- und Sportgeschichte in Wien und Österreich. FanLeben.de ist heute Abend beim Auftaktspiel zur neuen Saison vor Ort. Auf Instagram.com/FanLeben.de gibt es dann Eindrücke zum Stadion, dem Verein, seinen Fans und dem Spiel.
