Ein Abend, der Werbung war für den Fußball: „Die Kraft der Fußballstadt Freiburg“, so hatte es SC-Trainer Julian Schuster schon einen Tag vor dem Halbfinal-Rückspiel in der Europa League angekündigt. Am Gestern Abend dann schlug sie zu. Erst mit einer beeindruckenden Choreo über das gesamte Stadion, dann mit unbändigen Anfeuerungsrufen auf den Tribünen, später mit unbändigem Jubel, einem Platzsturm, Spielern auf dem Zaun und überglücklichen Gesichtern von Fans und Mannschaft. „Die Mannschaft hat das Gesicht gezeigt, das sie auszeichnet“, fasste Trainer Schuster nach dem Duell gegen Braga zusammen. Da hatte übrigens der neue Tag bereits begonnen.
Aber der Reihe nach. Denn auch sportlich lief es für die „Fußballstadt Freiburg“ gestern schnell richtig gut: Sechs Minuten waren gespielt, als Bragas Mario Dorgeles für eine Notbremse die rote Karte sah. Niklas Beste war steil geschickt worden, schneller als Dorgeles, fädelte dann klug ein und zwang den Verteidiger der Portugiesen damit zu einem folgenschweren Foul. 85 Minuten spielten die Freiburger, die mit einem 1:2-Rückstand aus dem Hinspiel ins Rückspiel gegangen waren, dann nämlich mit einem Mann mehr auf dem Platz. Der Sport-Club nahm die Überzahl dankend an und verlagerte das Spielgeschehen zu großen Teilen in die gegnerische Hälfte. Nach Bestes Flanke klärte Lukas Hornicek im Bragaer Tor kurz vor dem einschussbereiten Treu. Die Gäste nahmen jede Möglichkeit, Zeit zu schinden, dankend an, blieben bei bald jedem Kontakt am Boden liegen und konnten den Rückstand in der 19. Minute doch nicht verhindern. Sie klärten Vincenzo Grifos Flanke nur halbherzig, Lukas Kübler stocherte den Ball über die Linie, der Innenpfosten half auch noch mit.
Braga zog sich zu zehnt tief in die eigene Hälfte zurück und ließen wenig zu. Freiburg hatte zwar 75 Prozent Ballbesitz und dennoch: Nach 40 Minuten gab es außer einem Distanzschuss Manzambis keine weitere Torchance. Der aber fasste sich in der 41. Minute erneut ein Herz, erkannte die Lücke und zog aus 18 Metern ab. Der Schuss schlug unhaltbar hinter Hornicek ein – 2:0. Das war auch der Pausenstand. Nach dem Seitenwechsel folgten in der 47. und 49. Minute zwei weitere Großchancen für den SC, aber Grifos Schuss von der Strafraumkante und auch Ginters Versuch aus 20 Metern verfehlten ihr Ziel um Zentimeter. Auch sonst spielte Freiburg jetzt immer besser, dominanter.
Doch dabei blieb es nicht. Denn trotz aller Überlegenheit blieb Braga bei seinen Ausflügen nach vorne gefährlich. Jean-Baptiste Gorby bekam aus spitzem Winkel freistehend eine Schusschance, die Atubolu mit dem Fuß abwehrte (58.). In der 69. Minute ging ein Schlenzer von Joao Moutinho nur knapp am Tor vorbei. Die Gäste ließen sich nicht hängen, kämpften, nein, arbeiten sich mehr und mehr ins Spiel zurück. Kurz darauf erzielten die Portugiesen sogar den Anschlusstreffer, weil die SC-Defensive den Ball nach einem Freistoß nicht schnell genug klärte. Am langen Pfosten nickte Victor Gomez in der 79. Minute zum 1:3 ein. Der Sport-Club reagierte darauf mit überraschender Passivität, vielleicht etwas Nervosität, zog sich immer weiter zurück und ließ Braga so noch weiter zurück ins Spiel kommen. Die Konsequenzen: Gorby kam nach einer kurz ausgeführten Ecke völlig frei zum Schuss, Atubolu musste parieren. Und der Freiburg-Keeper wurde auch in der 88. Minute nochmal gefordert, lenkte einen Abschluss aus der zweiten Reihe über die Latte. Das 3:2 – und damit wohl die Verlängerung – lag nun irgendwie doch noch in der Luft. Ganze sechs Minuten zog sich die Nachspielzeit bis Schiedsrichter Davide Massa abpfiff und allen klar wurde: Der Sport-Club Freiburg steht im Finale des Europapokals. Der Sport-Club Freiburg steht im Finale des Europapokals.
In Istanbul wartet Aston Villa – für den Klub aus Birmingham ist es bei weitem nicht das erste internationale Endspiel, was den Reiz dieser Reise für die Mannschaft aus dem Breisgau noch bedeutender machen dürfte. Hat der Sport-Club Freiburg, übrigens bis heute als eingetragener Verein und nicht als Kapitalgesellschaft organisiert, doch gezeigt, was man mit langjähriger Arbeit, Bodenständigkeit und Weitsicht so alles ausrichten kann. „Natürlich können wir das Spiel souveräner zu Ende spielen, aber Fakt ist auch: Wir stehen mit diesem wunderbaren Verein im Finale“, fasste Julian Schuster darum auch völlig zurecht vollkommen überwältigt zusammen. Glückwunsch Freiburg!
Der Finaleinzug der Freiburger ist ohne jede Frage historisch. Und er zeigt, was im Fußball eben auch noch möglich ist. Ansonsten lief es für die deutsche Mannschaften im internationalen Wettbewerb in dieser Saison aber ja eher nicht so gut. Und in dieser Woche erst Recht nicht. Nicht nur, dass die Bayern gegen Paris St. Germain – unglücklich – ausgeschieden sind, auch die anderen Mannschaften in den Wettbewerben spielten nicht im Interesse der Bundesliga. Denn: Parallel zum Spiel der Freiburger in der Europa League lief in der Conference League noch das Halbfinal-Rückspiel zwischen Racing Straßburg und Rayo Vallecano – da stand es zwar 1:0 für die Spanier, doch in der Nachspielzeit bekamen die Elsässer einen Handelfmeter zugesprochen. Torhüter Augusto Batalle ahnte aber die richtige Ecke, hielt so den Schuss von Julio Enciso – und sicherte mit dieser Parade nicht nur seinem Team das Weiterkommen, sondern damit auch Spanien den fünften CL-Startplatz. Denn um einen zusätzlichen Startplatz zu bekommen, hätte die deutsche Mannschaft Freiburg weiter kommen müssen als das spanische Team aus dem Madrider Vorort.
Julian Schuster aber dürfte das egal sein. Denn gewinnt der Sport-Club das Europa-League-Finale, spielt Freiburg im nächsten Jahr so oder so in der Champions League. Und daran, dass in Istanbul gegen Aston Villa gewonnen wird, dürfte in Freiburg gerade niemand zweifeln.
