Es ist eine Blamage für den internationalen Sport: Die für dieses Jahr geplanten Leichtathletik-Europameisterschaften im Parasport müssen ausfallen. Weil sich schlichtweg kein Ausrichter finden ließ. Das musste der Weltverband World Para Athletics jetzt bekannt geben. Wie lange gesucht wurde, wieso kein Land bereit war, die Ausrichtung zu übernehmen, an welchen Bedingungen es letztlich scheiterte: All das bleibt jedoch weiter unklar.
„Dass es in diesem Jahr keine EM geben wird, schadet uns massiv, denn wir finden dadurch kaum statt“, sagt Bundestrainerin Marion Peters. „Ich bin frustriert, verärgert und vor allem sehr enttäuscht von unserem internationalen Verband“, macht auch der Paralympics-Sieger und dreimalige Weltmeister Niko Kappel, der vor allem die mangelnde Begründung kritisiert: „Allein der Fakt, dass keine offene Kommunikation stattfindet, schockiert mich zutiefst.“ Außerdem fordert er vom Weltverband eine Entschuldigung.
Dass die EM ausfällt, ist dabei leider kein einmaliger Vorfall. Schon seit 2021 gab es bereits keine EM mehr, vor Corona war der Kontinentalvergleich noch stets im Zweijahresrhythmus ausgetragen worden. Potenzielle Austragungsorte gebe es in Europa genug – in Deutschland stünde zum Beispiel das für die World University Games im letzten Jahr sanierte Wattenscheider Lohrheidestadion zur Verfügung. Deswegen wäre eine Erklärung von World Para Athletics, wem die Austragung angeboten wurde und warum niemand einwilligte, ja auch so spannend.
Fest steht: Vor allem für die Sportler*innen ist die Entwicklung richtig bitter. „Es ist eine Tragödie, dass unsere Athletinnen und Athleten das Jahr ohne großen Höhepunkt gestalten müssen“, erklärt zum Beispiel Lukas Niedenzu, stellvertretender Sportdirektor im Deutschen Behindertensportverband (DBS): „Es fehlt der internationale Leistungsvergleich mit den besten Athleten Europas. Die gesamte Jahresplanung ist damit hinfällig und muss neu ausgerichtet werden.“ Mit Blick auf die Sommerspiele in zwei Jahren in Los Angeles bedeute dies für die Sportler*innen, „weiter intensiv und konzentriert zu trainieren, ohne in dieser Saison ein Ziel vor Augen zu haben. Das ist für die Motivation eine Herausforderung, die wir nun annehmen werden.“ Auch Bundestrainerin Peters sagt: „Die Athletinnen und Athleten haben keine sportliche Bewährungsmöglichkeit, insbesondere den talentierten Nachwuchs wollten wir eigentlich bei der EM auf der großen Bühne heranführen und ihnen auf dem Weg zu den Paralympics den nächsten Schritt ermöglichen.“
Das nächste Großereignis und wichtigster Paralympics-Test ist somit die Weltmeisterschaft vom 18. bis 27. Juni im kommenden Jahr, für die mit der usbekischen Hauptstadt Taschkent ist bereits ein Ausrichter gefunden. Erstmals macht die größte Einzelveranstaltung im Para-Sport dabei übrigens Station in Zentralasien.
Die paralympischen Athlet*innen arbeiten hart und bringen sportliche Höchstleistungen. Allein in den letzten fünf Jahren wurden dutzende neue Weltrekorde aufgestellt. Ihnen eine Europameisterschaft zu versagen, ist nicht nachvollziehbar. Wenn Europas Verbände ernsthaft nicht bereit waren, die Ausrichtung zu übernehmen, weil ihnen zum Beispiel die politische Unterstützung fehlt, dann ist das ein Skandal. Wenn World Para Athletics die Suche nicht ernsthaft betrieben haben sollte auch. Deswegen braucht es Transparenz.
Vor allem aber braucht es eine Rückkehr zur EM-Regelmäßigkeit. Und zwar ohne Wenn und Aber.
