Der größte Gegner der olympischen und paralympischen Idee ist das IOC. Eine Gruppe selbstgefälliger, bequemer und wohl leider auch korrupter Funktionär*innen, die offenbar gar nicht mehr begreift, welchen Schatz sie hütet und welchen positiven Impact sie auf die Welt haben könnten.

Und dennoch lohnt es sich, an die olympische Idee zu glauben: Menschen aus allen Ländern der Welt kommen zusammen und begeistern Menschen überall auf der Welt mit sportlichen Wettkämpfen genauso wie mit ihrem Sportsgeist, den großen olympischen Gesten und Geschichten, die oft noch bedeutsamer sind als eine Medaille. Sie zeigen: Wir bewegen gemeinsam etwas. Und das – bei aller sportlicher Rivalität – ohne Argwohn oder gar Gewalt. Diese Idee zu verwirklichen gelingt nicht immer, aber immer wieder ist sie bei olympischen und paralympischen Spielen sicht- und greifbar.

Ich mag die olympischen und paralympischen Spiele deswegen gerne. Schaue viele Wettkämpfe an, fiebere mit, google zu Athlet*innen und ihren Herkunftsländern, lerne etwas.

Ich mag die olympischen und paralympischen Spiele gerne. Und deswegen schaue ich besonders kritisch auf die Spiele, kritisiere das IOC immer, wenn ich es notwendig finde.

Der Ukrainer Wladislaw Heraskewytsch ist im Streit um seinen Helm vom olympischen Skeleton-Wettbewerb ausgeschlossen worden. Der Kopfschutz zeigt Bilder von 24 ukranischen Athlet*innen, die bei russischen Angriffen ums Leben gekommen sind. Das Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hatte untersagt, den Helm bei den Winterspielen in Mailand und Cortina im Wettkampf zu tragen. Heraskewytsch aber konnte nicht auf seinen Helm verzichten.

Gleichzeitig sollen vier der dreizehn eigentlich unter neutraler Flagge zugelassenen russischen Sportler*innen, die bei den Winterspielen im Frühjahr an den Start gehen durften, relativ offen das Regime Putin und dessen Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützt haben. Namentlich handelt es sich um den Eiskunstläufer Pjotr Gumennik, die Langläufer Saweli Korostelew und Darja Neprjajewa sowie die Eisschnellläuferin Xenia Korschowa. Was wirft man ihnen vor? Gumennik soll unter anderem an Events in besetzten Gebieten teilgenommen haben und für Familien russischer Soldaten aufgetreten sein. Korostelew soll auf Social Media putin- und militärfreundliche Inhalte gelikt haben, bei Korschowa sollen es sogar ganz konkret kriegsbefürwortende Posts gewesen sein. Neprjajewa soll 2022 zudem an einem Trainingslager auf der annektierten Krim teilgenommen haben. Morinari Watanabe, der als Präsident des Weltturnverbandes für die Auswahl der Sportler verantwortlich gewesen ist, soll seinerseits selbst persönliche Beziehungen zu russischen Eliten unterhalten.

Und was sagte das IOC dazu? Ziemlich wenig, da es sich weigert, konkrete Fälle zu kommentieren – was absurd anmutet, da die Starterlaubnis unter neutraler Flagge doch eine Einzelfallentscheidung ist. Das IOC teilte jedoch mit, das zuständige Panel habe „die Athleten gemäß der Entscheidung des Exekutivkomitees und den von ihm festgelegten Grundsätzen überprüft“. Das Panel besteht dabei aus den IOC-Mitgliedern Nicole Hoevertsz, Pau Gasol und Morinari Watanabe und hatte das letzte Wort bei der Zulassung für die anstehenden Spiele. Das Problem: Der Bericht bringt auch Watanabe selbst in Verbindung mit dem russischen Turn-Olympiasieger und Kriegsbefürworter Nikita Nagorny, den er laut Videoaufnahmen bei einem Treffen im März 2025 in Moskau umarmt haben soll. Neutralität sieht anders aus.

Auch die Gleichberechtigung aller Sportler*innen konnte das IOC bis ins Jahr 2026 hinein immer noch nicht verwirklichen. Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo hatte deswegen die 20-jährige Nordische Kombiniererin Nathalie Armbruster mit einem emotionalen Instagram-Post ihre Kritik am IOC erneuert. Armbruster war wütend, weil ihr Sport der einzige ist, bei dem nur Männer und keine Frauen antreten durften. Sie schrieb: „Niemandem sollte die Möglichkeit verwehrt werden, seine Träume zu leben – nur weil man eine Frau ist. Und doch stehen wir an diesem Punkt: die Frauen der Nordischen Kombination 2026 am Rand und schauen zu, wie die Männer bei den Olympischen Spielen antreten, während wir nicht teilnehmen dürfen.“ Dazu veröffentlicht sie ein Video, das sie als junges Mädchen in einem Interview zeigt. Darin spricht sie von ihrem Traum, mit ihrem Sport zu Olympia zu kommen. Das verteidigte sich mit dem geringen Zuschauerinteresse an der Nordischen Kombination.

Hinzu kommt, dass das IOC die Spiele immer wieder in autoritäre Staaten vergibt, deren Herrscher Menschenrechte missachten. Und dass die olympischen und paralympischen Spiele oft mit immensen Umweltbelastungen einhergehen. Klimaneutraler Sport – von den Verantwortlichen bislang noch auf die lange Bank geschoben.

Warum das gerade wichtig ist? Bis Morgen läuft im Ruhrgebiet, wo ich lebe, ein sogenannter Ratsbürgerentscheid, also eine kleine Volksabstimmung, zur Frage, ob sich die Region als Ausrichterin für die olympischen und paralympischen Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 bewerben soll. Einen solchen Bürgerentscheid gab es zuvor bereits in München – wo die Mehrheit zustimmte. Trotz allem.

Innerhalb Deutschlands werden München dabei ohnehin bessere Chancen auf die Bewerbung eingeräumt. Zur Erklärung: Der Deutsche Olympische Sportbund wird aus den vier Bewerber-Regionen – neben München und Rhein-Ruhr auch Hamburg und Berlin – eine auswählen, die sich dann offiziell um die Austragung der olympischen Spiele bewerben soll. Neben München gilt in Deutschland Berlin als Favorit.

Der Grund: Wie in München steht auch in Berlin die benötigte Infrastruktur, angefangen mit einem Olympia-tauglichen Leichtathletikstadion, bereits zur Verfügung. Zudem gibt es in Berlin Handball- und Basketball-Stadien sowie Schwimm-Hallen, die höchsten Standards locker genügen. Ebenso wie erprobte Marathon- und Outdoor-Schwimm-Strecken. Das ist sowohl in Hamburg als auch in der Region Rhein-Ruhr anders.

In Hamburg hingegen fehlt aktuell zum Beispiel das Leichtathletikstadion, es soll neu gebaut werden – für Olympia, aber auch unabhängig von den Spielen. Hintergrund ist, dass das Volksparkstadion, in dem der Hamburger SV seine Heimspiele austrägt, in die Jahre gekommen ist. Ein neues Stadion soll her. Dieses soll dann, zumindest provisorisch, mit Laufbahn und Co. Ausgestattet werden und als Olympiastadion fungieren, bevor die Leichtathletikanlage gegeben falls zurück gebaut werden werden und das Stadion so zum reinen Fußballstadion werden könnte. Hamburg wirbt bei seiner Olympia-Kandidatur vor allem mit Spielen der kurzen Wege und mit Nachhaltigkeit. Ähnlich wie Paris will die Hansestadt auf vorübergehende Sportarenen setzen, die Sportstätten bestehen schon oder werden temporär gebaut. 82 Prozent der Austragungsorte liegen in einem Umkreis von sieben Kilometern. Der Großteil der insgesamt 38 Disziplinen findet im Olympic Park City und im Olympic Park Altona statt, dort entsteht auch das Olympische Dorf. Es soll als Science City Altona sowie Wohnraum nachgenutzt werden.

Besonders am Hamburger-Vorschlag ist zudem das: Athlet*innen sollen nach ihren Wettkämpfen bei Hamburger Familien wohnen und die Spiele als Gäste weiter miterleben. So soll ein „zweites Olympia-Erlebnis“ entstehen. „Wir investieren mit unserem Konzept in ein unvergessliches olympisches Festival, das Athlet*innen und Gäste aus der ganzen Welt in einer faszinierenden Stadt zusammenführt und unmittelbar auf die Ziele der Olympischen Bewegung einzahlt“, so Hamburgs Sportsenator Andy Grote (SPD). 

Und hier? Die Region Rhein-Ruhr wiederum wirbt mit vielen bereits bestehenden Sportstätten und darüber hinaus mit der bereits gelungenen Austragung von diversen Großevents wie zuletzt den World University Games im Sommer 2025. Zu den Austragungsorten zählen weltweit Renommierte wie das Gelände des CHIO in Aachen, die Lanxess Arena in Köln oder die Multisportarenen in Düsseldorf und Gelsenkirchen, wo bis zu 60.000 Menschen Platz finden. Das Thema Nachhaltigkeit bei der Bewerbung NRWs darum auch eine große Rolle. Laut Landessportbund NRW sind rund „95 Prozent der Wettkampforte“ bereits vorhanden. Bei Neubauten wurde Nachhaltigkeit mitgedacht. Ähnlich wie in Hamburg müssten auch hier ein neues Olympiastadion für die Leichtathletik-Wettkämpfe müsste entstehen, da das Wattenscheider Lorheidestadion mit knapp über 15.000 Plätzen nicht groß genug für Olympia wäre. Das besondere am neuen Rhein-Ruhr-Stadion wäre aber das: Es soll nach den Spielen nicht als Sportstadion, sondern als Wohn- und Gewerbepark weitergenutzt werden und mitten im Olympischen Dorf entstehen. „Zusammen mit dem Dorf würde damit ein ganz neues Stadtquartier entstehen mit viel Wohnraum, der in den Großstädten sowieso dringend benötigt wird“, heißt es auf der Webseite der Olympiabewerbung Rhein-Ruhr.

An allen Standorten geht man zudem davon aus, die Spiele kostenneutral veranstalten zu können.

Aber zurück zum Ratsbürgerentscheid? Denn Millionen Menschen sind aufgefordert, sich über diese Frage Gedanken zu machen: Wie stimmt man da jetzt ab, für die Idee der Spiele oder gegen die bittere Realität in der Sportelite?

Bis jetzt ging dieser Text hier ja vor allem in eine Richtung. Doch ich finde die Idee, olympische und paralympische Spiele nach Deutschland zu holen, trotz allem richtig. Denn ihre Kraft können die Spiele nur in einem demokratischen, freiheitlichen Umfeld entfalten. Das ist hier gegeben – auch wenn Demokratie und Freiheit auch bei uns gerade massiv unter Druck stehen. In diesem Punkt gefällt mir übrigens die Hamburger Bewerbung am besten.

Gleichzeitig könnte Deutschland zeigen, dass auch sportliche Großereignisse nachhaltig zu organisieren sind. Entweder mit bereits bestehenden Anlagen wie in München oder Berlin oder indem man, wie in Rhein-Ruhr geplant, die Spiele zur Entwicklung einer gesamten Region nutzt. In der Abwägung fände ich da – obwohl es für mich natürlich einen besonderen Reiz hätte, wenn das Wattenscheider Lohrheidestadion zum Olympiastadion würde – München am logischsten.

Es ist darum trotz allem richtig, dass sich Deutschland über 50 Jahre nach der letzten Olympia-Ausrichtung, wieder um die Ausrichtung der olympischen und paralympischen Spiele bewirbt. Denn nur darüber zu meckern, dass das IOC ständig mit Diktatoren kuschelt, reicht nicht.

Auch wenn ich nicht für Rhein-Ruhr als den deutschen Austragungsort der olympischen und paralympischen Spiele in Deutschland bin, stimme ich deswegen beim Ratsbürgerentscheid mit „Ja“ zur Olympia-Bewerbung der Region. Und wenn es doch Rhein-Ruhr wird, dann schaue ich nachmittags modernen Fünfkampf im Lohrheidestadion und kann abends in meinem eigenen Bett schlafen – auch nicht schlecht.

Ich stimme mit „Ja“ als Signal, dass ich die Spiele gerne in Deutschland sehen möchte. Als Signal, dass ich an die olympische Idee glaube, obwohl sie gerade ganz schön naiv scheint. Aber wenn man aufhört, nach Wegen zu suchen, Völkerverständigung und Internationalismus zu leben, haben die Rassist*innen und Nationalist*innen endgültig gewonnen. Davon bin ich überzeugt.

Das bedeutet aber auch, dass die Arbeit an den Spielen mit einem möglichen Zuschlag erst begänne.

Deutschland muss vom ersten Tag an zeigen, dass es die olympischen und paralympischen Spiele zu einem Fest der Weltoffenheit machen möchte, dass es sie klimaneutral veranstalten will und dass es nicht bereit ist, sich vom IOC den Geist der Spiele ausreden zu lassen. Zu diesem Weg haben sich alle Bewerberregionen bekannt. So gesehen, ist mein „Ja“ vor allem auch ein Arbeitsauftrag.

Und der ist ja auch bitter nötig.

Ein Kommentar von FanLeben.de-Autor Karl Jahn Boie. Boie kommt aus Wattenscheid, arbeitet unter anderem als Kommentator von Eishockeyspielen und ist Herausgeber des Buches „So ist der Fußball – Das FanLeben-Buch„.

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Von admin