„Die Bietigheim Steelers haben die Vorwürfe der sexuellen Belästigung von Beginn an sehr ernst genommen. Nachdem dem Verein gestern die Informationen zum Strafbefehl bekannt geworden sind, hat die Geschäftsführung in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat und den Gesellschaftern entschieden, die sofortige Freistellung auszusprechen.“ Mit diesen Worten begründete der Eishockeyklub aus der DEL2 am Samstag die Trennung von seinem ehemaligen Cheftrainer Alexander Dück – mitten in der Halbfinalserie der diesjährigen Playoffs. Zum Zeitpunkt der Trennung waren fünf Playoffs-Partien in der Halbfinalserie gegen die Kassel Huskies gespielt, Bietigheim lag mit 2:3 zurück. Gestern fand das erste Spiele nach dem Rauswurf von Alexander Dück statt, Spiel sechs der Serie gegen in der Overtime mit 3:4 verloren, womit die Stellers nun ausgeschieden sind.

Und sich damit auf die Aufarbeitung des Gewalt-Skandals rund um ihren Ex-Coach konzentrieren können. Und darum geht es hier konkret: Der 45-jährige ehemalige DEL-Profi Dück soll zwei Physiotherapeutinnen, die für den Traditionsclub tätig waren, mehrfach unangemessene Textnachrichten geschickt haben. Auch zu ungewollten Körperkontakt soll es gekommen sein, Dück soll eine Mitarbeiterin unter anderem gegen deren Willen auf die Stirn geküsst haben.

Die Vorwürfe begleiten den Klub dabei schon länger: Man sei „im November 2024, wenige Stunden vor dem Topspiel gegen Deggendorf, über die Vorwürfe in Kenntnis gesetzt worden“, erinnert sich Gregor Rustige, Geschäftsführer der Steelers. Den beiden Physiotherapeutinnen wurde damals zugesichert, „die Angelegenheit sensibel und vertraulich zu behandeln“. Die Geschäftsführung habe „alle erforderlichen rechtlichen Schritte sofort eingeleitet, um die Vorwürfe gründlich zu untersuchen“.

Seit Anfang vergangenen Jahres laufen darum auch strafrechtliche Ermittlungen gegen Dück. Es „wurden entsprechende Unterlagen am 15.04.2025 von der Polizei vorgelegt“, erklärte die ermittelnde Staatsanwaltschaft Heilbronn seinerzeit. Wie die Behörde weiter mitteilte hätten sich „erste Hinweise auf möglicherweise strafrechtlich relevantes Verhalten auf Polizeiebene am 21.03.2025 ergeben“. Zuvor seien bei der Polizei „Strafanzeigen durch zwei Geschädigte erstattet worden“. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn bestätigte, dass es bei den Ermittlungen „um den Vorwurf der sexuellen Belästigung“ gehe. Nähere Angaben seien „aufgrund der noch andauernden Ermittlungen“ aktuell nicht möglich.

Vorwürfe im November 2024, Ermittlungen seit 2025, Entlassung im April 2026 – die Frage, warum die Steelers noch so lange, fast zwei gesamte Spielzeiten über, an Alexander Dück festhielten stellt sich. Die Steelers erwidern nach Kenntnis der Vorwürfe „unverzüglich eine interne Prüfung“ eingeleitet zu haben. Es wurde zudem „eine Abmahnung gegenüber Alexander Dück ausgesprochen“, betont Rustige. Coach Dück sei mit den Anschuldigungen konfrontiert worden. „Wir haben allen Beteiligten die Gelegenheit gegeben, sich zu den Vorwürfen zu äußern und aktiv an der Aufklärung mitzuwirken“, so der Geschäftsführer der Steelers weiter. Dück habe die Vorwürfe daraufhin bestritten. „Er hat sich dazu bereit erklärt, mit den internen und externen Untersuchungen vollumfänglich zu kooperieren“, so Rustige, der abschließend erklärte: „Der Verein respektiert die geltenden rechtlichen Verfahren“, ein Verweis auf die Unschuldsvermutung im laufenden Ermittlungsverfahren.

Trotzdem erzeugte das ein doppeldeutiges Bild: Woche für Woche stand Alexander Dück hinter der Band, führte seine Mannschaft zum Aufstieg in die DEL2, wurde dafür von den Fans – die bis zum Aufstieg im Mai 2025 nichts von den Vorwürfen wussten – gefeiert. Die Verantwortlichen der Bietigheim Steelers haben damit ihre Anhänger*innen getäuscht und das Image eines Mannes gefördert, gegen den es begründete und schwerwiegende Vorwürfe gab. Begründet – denn sonst hätte man ja niemals eine Abmahnung ausgesprochen. Dazu hätte es natürlich Alternativen gegeben, angefangen bei einer Freistellung für die Dauer der laufenden Ermittlungen.

Auch in der vergangenen Saison ließen sie die Vorwürfe unkommentiert, präsentierten Dück allein als erfolgreichen Trainer. Das ging zulasten der Physiotherapeutinnen sowie aller Menschen, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Denn den Mut zu finden, Anschuldigungen vorzubringen, wird ungleich schwerer, wenn man sieht, wie oft (potenzielle) Täter trotz allem ihre Machtpositionen sichern und ihr Ansehen behalten können.

Warum jetzt die plötzlich die Wende? Am Freitag hatte das Amtsgericht Besigheim auf Erlass der Staatsanwaltschaft Heilbronn einen Strafbefehl gegen Dück erlassen. Es gilt zwar weiterhin die Unschuldsvermutung, doch die Staatsanwaltschaft drückt damit aus, dass die von der Schuld Dücks überzeugt ist. Die Reaktion des Vereins folgte am Samstag in Form der sofortigen Freistellung. Späte Haltung, die beweist, dass Mut auch eher möglich gewesen wäre.

Alexander Dück hat sich hierzu bislang nicht öffentlich geäußert.

Die Freistellung von Dück war überfällig, das Signal, ihn während der Halbfinal-Serie zu entlassen, kam (zu) spät, war aber wichtig. „Ein sicheres und respektvolles Umfeld hat für die Bietigheim Steelers oberste Priorität – für alle, die Teil dieses Vereins sind“, schreiben die Steelers auf ihrer Homepage. Damit dieser Satz wirkmächtig werden kann, müssen Täter konsequent sanktioniert werden. Das beginnt damit, den Opfern zu glauben. Und ihnen ein Arbeiten ohne tägliche Konfrontation mit den Tätern zu ermöglichen. Diese Chance haben die Steelers – trotz ihrer klaren und richtigen Reaktion am Wochenende – verpasst. Hoffen wir, dass ihre späte Haltung andere ermutigt, früher konsequent zu sein.

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Von admin