Von Karl Jahn Boie

Nach der Länderspielpause wurde ich gebeten, einen Gastbeitrag für Schwatzgelb über den Transferpoker von Nico Schlotterbeck zu schreiben. Darin schrieb ich unter anderem: „Wahrscheinlich gibt es eine ziemlich einfache Wahrheit. Und die lautet: Nico Schlotterbeck will die Vertragsgespräche mit Borussia Dortmund bis über die Weltmeisterschaft hinaus ziehen, um nach dem Turnier noch die Wahl zu haben, ob er beim BVB bleibt oder nicht. Aus Spielersicht ist dieses Vorgehen attraktiv: Überrascht die deutsche Nationalmannschaft bei dem Turnier, fängt sich insbesondere die Defensive, woran Schlotterbeck ja qua Position nicht unbeteiligt wäre, könnten doch noch mal große Vereine auf den Innenverteidiger zu kommen, ansonsten würde es mit einem Wechsel zu einem Topclub in diesem Sommer aus verschiedenen Gründen eher schwer.“ Mein Fazit darum: „Deswegen wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um das Vertragsangebot an Nico Schlotterbeck zurückzuziehen.“

Diese Haltung möchte ich heute korrigieren.

Denn kurz darauf verlängerte Nico Schlotterbeck seinen Vertrag bei Borussia Dortmund bis 2031. Mit seinem neuen Vertrag wird Schlotterbeck zwar zum bestbezahlten Borussen – soll aber nun doch etwas weniger verdienen als die zuletzt diskutierten 14 Millionen Euro im Jahr. Bauchschmerzen machten bei der Vertragsverlängerung aber ohnehin eher die von Schlotterbeck durchgesetzte Ausstiegsklausel, die ja auch schon in diesem Sommer aktiviert werden kann. Viele BVB-Fans haben Nico Schlotterbeck deswegen beim Bundesliga-Heimspiel gegen Bayer Leverkusen am Samstag ausgepfiffen. Auch ich war im Moment der Verkündigung der Vertragsverlängerung erst einmal skeptisch.

Doch im Moment werden immer mehr Vertragsdetails aus dem Schlotterbeck-Deal bekannt – und ändern das Bild. Die „Sport Bild“ berichtet zum Beispiel, dass die Ausstiegsklausel lediglich für drei Klubs gilt. Dazu gehören dem Magazin zufolge Real Madrid und der FC Liverpool, die schon vor der Verlängerung als mögliche neue Klubs für Schlotterbeck gehandelt wurden. Als weiterer Interessent wurde lange auch der FC Bayern diskutiert, zuletzt hieß es jedoch, dass die Münchner die Klausel nicht ziehen können. Der dritte Verein bleibt somit vorerst offen. In meinem Text für Schwatzgelb habe ich indirekt gegen eine Ausstiegsklausel für diesen Sommer argumentiert. Das klang so: „Dabei glaube ich noch nicht einmal, dass Nico Schlotterbeck auf einen ablösefreien Wechsel im nächsten Jahr spekuliert. Ich nehme ihm ab, dass er für den bestmöglichen Verein spielen und so viele Titel gewinnen möchte wie nur möglich. Nur diese Saison beweist nun einmal eindeutig, dass Schlotterbecks Spiel unter seiner unklaren Zukunft leidet. Seine Chance auf einen Topklub erhöht er sicher nicht, wenn das Gepokere noch ein Jahr lang weiter geht. Der neue Vertrag mit Ausstiegsklausel würde es Schlotterbeck ermöglichen, sich auf sein Spiel zu konzentrieren, wieder konstant zu werden und dann vielleicht im nächsten Jahr zu Real, Barca oder Liverpool zu wechseln.“ Eine Ausstiegsklausel, die den FC Bayern ausschließt, ist aus BVB-Sicht der deutlich bessere Kompromiss als eine generelle Ausstiegsklausel im kommenden Jahr.

Als weiteres Detail der Klausel nennt das Magazin auch den Zeitraum der Gültigkeit. Die Option kann wohl nur im Juli und hier auch nicht über den gesamten Monat aktiviert werden. Konkret wird berichtet, dass die Frist laufe rund um das Endspiel der Weltmeisterschaft (19. Juli) abläuft. Dadurch gäbe es für einen möglichen frühzeitigen Abgang Schlotterbecks nur ein Zeitfenster von wenigen Wochen ab Transferstart Anfang Juli und anschließend wiederum noch viel Zeit für die BVB-Verantwortlichen, die hohe Ablöse bis zum Transferschluss Ende August zu reinvestieren. Das ist für die Nationalmannschaft nicht ideal, für Borussia Dortmund aber aushaltbar.

Dass die Klausel so ausgestaltet ist, bestätigt dabei – zumindest indirekt – auch Vereinspräsident Hans Joachim Watzke: „Ich sage: Es ist ein guter Kompromiss“, erklärte Watzke, denn „für uns geht es immer darum, als Borussia Dortmund erst mal die Transferwerte zu sichern und dann natürlich auch irgendwann ein bisschen Planungssicherheit zu haben.“ Ausstiegsklauseln im Fußball seien im Fußball ohnehin nicht mehr vermeidbar: „Da müssen wir uns nichts vormachen. Das macht Bayern München genauso wie Paris oder wer auch immer. Das gibt es heute kaum noch anders.“ Er deutete zudem an, dass die Klausel nicht bis zum Ende des Transferfensters gezogen werden kann. „Das Ende der Transferfrist ist der 31. August. Gehen Sie mal davon aus, dass wir unsere Transferplanungen in diesem Sommer früher abgewickelt haben wollen.“

Dass Schlotterbeck überhaupt auf eine Ausstiegsklausel bestanden hat, ist dabei verständlich. Der BVB steht in diesem Sommer vor einem gewaltigen Umbruch: Kapitän Emre Can fällt den Rest des Jahres aus, wird im Sommer 2027 wechseln, Julian Brandt, Niklas Süle und Salih Özcan verlassen den Verein im Sommer sicher, um Karim Adeyemi, Serhou Gurassy und andere gibt es immer wieder Gerüchte. Gestaltet die Borussia den Umbruch erfolgreich – und die Verpflichtung von Nils-Ole Book als Sportdirektor macht hier Mut – kann sie als großer Gewinner aus dem Transfersommer hervorgehen. Gelingt es nicht, wird die Aussicht auf Titel auf Jahre noch geringer, als sie zuletzt ohnehin schon war. Als bester deutscher Innenverteidiger, der wegen seiner Linksfüßigkeit auch international nahezu überall auf dem Radar steht, will Schlotterbeck den Umbruch abwarten. Fair enough.

Gleichzeitig ist die Ausstiegsklausel so hoch, dass Schlotterbeck sich mit beständigen Top-Leistungen dafür empfehlen müsste, dass Real Madrid, der FC Liverpool oder der dritte, nicht genannte Klub sie ziehen möchte. Denn auch wenn Real oder die Reds Bedarf auf Schlotterbecks Position haben, sie brauchen, gerade nach für sie enttäuschend verlaufenden Saison, Spieler, die sie sofort verbessern – und niemanden, der zuletzt unter seinen Möglichkeiten performt hat.

Darum ist der neue Vertrag aus meiner Sicht ein wirklich guter Kompromiss. Ich hätte nicht geglaubt, dass er gefunden wird. Aber heute freue ich mich, dass es geklappt.

Oder – um es mit Nico Kovac zu sagen: „Der Junge hat sich zum BVB bekannt. Wenn es mal ein bisschen länger dauert, heißt das ja nicht, dass es schlecht sein muss.“

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