Wenn man an den VfL Wolfsburg denkt, denkt man sicher nicht zuerst an die Fanszene, sondern einen Autobauer, an die unsägliche Ausnahme von der 50+1-Regel und einen Verein, der irgendwie für so gar nichts steht – also außer dafür, dass Fußball auch in Deutschland Kommerz statt Vereinskultur sein kann. Selbst bei Edin Dzeko denkt man ja gerade eher an Schalkes Bundesliga-Aufstieg als an die Wolfsburger Meisterschaft von 2009.
Den Ultras rund um die Autostadt wird man damit aber nicht gerecht. Die Wolfsburg-Kurve hat sich – anders als die Fanszenen von Bayer Leverkusen und RB Leipzig – immer wieder klar für die 50+1-Regel engagiert. Und sich immer wieder auch in den Konflikt mit dem Autohersteller Volkswagen getraut. Der wohl prominenteste Streit: Der Kampf um das Traditionslogo der Wölfe. Vor über 20 Jahren modernisierte der VfL Wolfsburg sein Logo, dem alten W mit Zinnen in den Spitzen, die an die namensgebende Wolfsburg erinnern sollten, wich ein fluides, etwas grelleres W in einer modernen Schriftart. Marke statt Identität – Damit wollten sich die VfL-Fans nicht abfinden. Mit ihren Fahnen schwenkten sie weiterhin das Traditionslogo, in Banner-, Sticker- und sonstigen Aktionen forderten sie konsequent die Rückkehr zur Zinne. Übrigens auch während der Meistersaison 2008/2009.
Jetzt, während der VfL Wolfsburg mitten im Abstiegskampf steckt, haben sie sich durchgesetzt. Gestern, unmittelbar vor dem Topspiel gegen den FC Bayern, kündigte der Klub nämlich die Rückkehr zum Zinnenlogo an. „Der VfL Wolfsburg blickt auf mehr als 80 Jahre Historie. Das Zinnenwappen war von Beginn an ein zentraler Bestandteil. Die Zinnen stiften Identifikation und verkörpern Tradition“, sagt Sebastian Rudolph, Markenvorstand von VW und Vorsitzender des VfL-Aufsichtsrat. „Für die Entscheidung haben wir uns bewusst Zeit genommen und diese gemeinsam getroffen. In einem Verbund, der alle Sportarten vereint und der alle Menschen zusammenbringt. Das Zinnenwappen ist ein prägendes Element unserer Vereinskultur.“ Auch Geschäftsführer Michael Meeske betont: „In Zeiten, in denen nichts mehr einfach klar ist, werden Wahrzeichen immer wichtiger. Unser Wahrzeichen setzt dabei bewusst ein Signal für die Gemeinschaft der Menschen in der Region, die gemeinsame Verantwortung füreinander und ermöglicht eine beeindruckende Verbindung von Vergangenheit und Zukunft. Dazu ist rund um das Wappen ein Gestaltungssystem entstanden, welches die prägenden Stilelemente aus Zeichen, Farben und Schriften verbindet, die enge Beziehung von Werk, Stadt und Verein reflektiert und in der Nutzung moderne und situationsspezifische Anpassungen ermöglicht.“
Die Entscheidung, das Wappen in einer neuen Form noch in der Jubiläumssaison, der VfL Wolfsburg wurde erst 1945 gegründet, zu implementieren, stand dabei am Ende eines monatelangen Prozesses, in den Vertreter der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, des VfL Wolfsburg e.V., des Aufsichtsrates sowie der Fanszene und der Stadt involviert waren. „Die Zusammenarbeit in den vergangenen Monaten war intensiv, aber vor allem sehr vertrauensvoll. Zwischen Verein, Fans und Gremien ist ein neues Miteinander entstanden, das sich jetzt auch im Zinnenwappen widerspiegelt“, berichtet Fanvertreter Marvin Minner, Vorsänger in der VW-Arena. „Wir setzen uns seit über 20 Jahren für die Rückkehr der Zinnen ein. Es ist das prägendste Element unserer Fankultur – jetzt kehrt es dauerhaft im gesamten Verein zurück. Das ist für uns ein historischer und unglaublich emotionaler Moment.“
Viel Pathos also in der Autostadt. Vielleicht zu viel? Die Entscheidung für die Rückkehr zum Traditionslogo kommt in einer Phase, in der die Beziehung von Klub und Fans besonders kriselt. Zudem steht das VW-Management, das auch am Stammwerk in Wolfsburg tausende Stellen abbauen will, gerade gehörig unter Druck. Das Entgegenkommen wirkt in dieser Situation darum eher wie der eilige Versuch, Wogen zu glätten und nicht wie eine echte Überzeugungstat. Dazu passt: Das aktuelle Logo, also das, ohne die Zinnen, wird mindestens noch in der kommenden Saison auf den Trikots zu sehen sein. Vom VfL heißt es dazu, dass die Produktion de Trikots eine Vorlaufzeit von knapp zwei Jahren habe, ein Umdruck der neuen Stücke sei so kurzfristig nicht mehr möglich. Dafür wurde unmittelbar nach der knappen und unglücklichen 0:1-Niederlage gegen die Bayern eine neue Zinnen-Kollektion im Fanshop veröffentlicht.
Und trotzdem: Selbst wenn es keine Überzeugungstat des VW-Klubs gewesen ist, ist es für die Fans des VfL Wolfsburg ein großer Erfolg. Einer, den sie sich mit über 20 Jahren Engagement verdient haben. Das ist eine beeindruckende Leistung. Eine, die es verdient hat, in Erinnerung zu bleiben. Und zukünftig Assoziationen zu wecken.
