Immer wieder beschäftigen auch medizinische Fragen uns Fans. Auf FanLeben.de werfen wir deswegen in unregelmäßigen Abständen in unserer Reihe „Medizincheck“ einen Blick hinter die Diagnosen. In Teil eins ging es um die vielfältigen Aspekte eines Kreuzbandrisses. Heute geht es um das Verhältnis der Italiener*innen zu Herzproblemen.
Eigentlich verlief die Karriere von Edoard Bove nicht ungewöhnlich: 2021, im Alter von 19 Jahren, bekam er einen Profivertrag, 2024 lieh in sein Jugendclub, die AS Rom, an die AC Florenz aus, Spielpraxis sammeln. Schon über 70 Profispiele hatte Bove absolviert, als sich am 1. Dezember 2024 seine Welt für immer verändern sollte: Im Spitzenspiel zwischen der AC Florenz und Inter Mailand brauch der damalige Teamkollege von DFB-Spieler Robin Gosens, nämlich ohne Fremdeinwirkung zusammen. Der Italiener fiel in der 17. Minute plötzlich reglos zu Boden, als er sich gerade die Schuhe zu binden schien. Der 22 Jahre alte Flügelspieler bekam offenbar keine Luft mehr und wurde ohnmächtig. Bove wurde schließlich unter bangen Blicken aller Anwesenden im Stadion von den Sanitätern vom Feld abtransportiert und ins Krankenhaus gebracht. Wie die AC Florenz und das Universitätsklinikum Careggi bekannt gaben, wurde Bove auf dem Spielfeld wiederbelebt, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte.
Sofort nach Boves Kollaps brach Panik unter den anwesenden Akteuren aus. Mit- und Gegenspieler eilten sofort zu Bove und signalisierten den Betreuern und Schiedsrichtern, dass Hilfe benötigt wird. Eine entscheidende Rolle spielte Mittelfeldakteur Danilo Cataldi, der Bove in die stabile Seitenlage brachte und sicherstellte, dass seinem Teamkollegen nicht die Zunge in den Rachen rutschte – was lebensgefährlich gewesen wäre. Die Spieler beider Mannschaften bildeten teilweise mit Tränen in den Augen einen Kreis um Bove, um ihn vor neugierigen Blicken und den Kameras zu schützen. Auch Gosens war sichtlich geschockt und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Das Eingreifen der Einsatzkräfte nach dem Kollaps verlief dabei allerdings etwas zögerlich: Sie kamen mit ihrem Einsatzwagen nicht durch das dichte Gedränge im Stadion, aber immerhin noch rechtzeitig. Nach minutenlanger Unterbrechung gab der italienische Verband bekannt, dass die Begegnung abgebrochen wird.
Edoard Bove wurde im Krankenhaus gründlich durchgecheckt. Die Leihe zur AC Florenz wurde daraufhin beendet und Bove kehrte zur Roma zurück. Aber nur vorübergehend, denn die Untersuchungen ergaben die Notwendigkeit, dass Bove ein Defibrillator eingesetzt werden muss. Doch mit eingesetztem Defibrillator darf man in Italien – anders als in anderen Ländern – nicht professionell Fußball spielen. Warum ist das so?
In Italien entscheidet nicht allein die individuelle Leistungsfähigkeit nach einer Behandlung darüber, ob ein*e Fußballer*in spielen darf, sondern ein strikt reguliertes medizinisches System. Wer dort mit einem implantierten Defibrillator lebt, darf in der Regel nicht am Spielbetrieb teilnehmen. Der Grund liegt in einer Kombination aus gesetzlichen Vorgaben und einem besonders vorsichtigen medizinischen Ansatz. Die Grundlage dafür reicht weit zurück. Bereits ein Dekret des italienischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 1982 schreibt vor, dass Sportler regelmäßig medizinisch überprüft werden und nur dann eine Spielgenehmigung erhalten, wenn sie als vollständig sporttauglich gelten. Diese sogenannte „Sporttauglichkeit“ ist dabei keine Empfehlung, sondern rechtlich bindend und an bestimmte allgemeine Kriterien. Wird eine relevante Herzproblematik festgestellt, greift ein klares Prinzip: Kein Risiko im Wettkampfsport, auch wenn die behandelnden Ärzt*innen das individuelle Risiko als gering einschätzen.
Ein implantierter Defibrillator – medizinisch ein ICD – ist dabei ein entscheidender Marker. Er wird eingesetzt, wenn ein erhöhtes Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen besteht. Genau dieses Risiko ist der Knackpunkt: In Italien gilt bereits die Diagnose als Ausschlusskriterium. Spieler mit solchen Herzanomalien dürfen weder im Profi- noch im Amateurbereich antreten. Selbst wenn der Defibrillator Leben retten kann und bei den heutigen medizinischen Standards Spieler*innen mit Defibrillator nahezu oft risikolos Sport treiben können, wird argumentiert, dass seine bloße Notwendigkeit ein zu hohes Restrisiko bedeuten könnte. Und da in der rechtlichen Regelung allgemeingültige Standards gelten, greift hier eben nicht die Einzelfallbewertung. Italien versteht sich mit dieser Regelung sogar als Vorreiter in der Prävention plötzlicher Herztode im Sport. Die Philosophie lautet: Lieber ein Spieler zu viel ausgeschlossen als ein Risiko zu viel eingegangen. Auch deshalb sind medizinische Kontrollen besonders engmaschig und gesetzlich geregelt. Ergänzt wird das durch Maßnahmen wie die Pflicht, Defibrillatoren in allen Sportstätten bereitzuhalten.
Ganz anders sieht die Situation in anderen Ländern aus – etwa in England oder Deutschland. Dort gilt kein pauschales Verbot. Stattdessen wird stärker auf eine individuelle Risikoabwägung gesetzt. Studien und Fallberichte zeigen, dass Spieler mit Defibrillator durchaus wieder auf höchstem Niveau spielen können, wenn sie medizinisch eng begleitet werden und selbst in die Entscheidung eingebunden sind. In Deutschland ist tief neben dem Fall von Edoard Bove vor allem durch Cristian Eriksen bekannt, der nach seinem Zusammenbruch bei der Europameister 2021 Inter Mailand verlassen musste, zwischenzeitlich in der englischen Premier League spielte und inzwischen beim VfL Wolfsburg unter Vertag steht und in dieser Saison trotz Abstiegskampf bereits auf acht Torbeteiligungen in 24 Bundesliga-Spielen kommt.
Der Unterschied ist also grundlegend: Während Italien einem staatlich regulierten Sicherheitsprinzip folgt, setzen Länder wie England oder Deutschland auf ein medizinisch begleitetes Entscheidungsmodell, bei dem Risiko, Selbstbestimmung und individuelle Situation stärker berücksichtigt werden. In Italien entscheidet das System für den Spieler, anderswo entscheidet der Spieler mit. Es geht es also weniger um die Frage, ob Fußball mit Defibrillator möglich ist. Medizinisch ist er das – rechtlich jedoch nicht überall. Italien hat sich bewusst für den maximalen Schutz entschieden. Andere Länder für die kontrollierte Freiheit. Oder anders gesagt: In Italien gilt Sicherheit als Voraussetzung für den Sport – in England und Deutschland ist sie Teil einer individuellen Abwägung.
Auch Boves Karriere ging weiter. Das gesamte Jahr 2025 über arbeitete er an seinem Combeack – getragen auch von der Unterstützung der AS Rom. Die wurde konkgret greifbar als er im Mai letzten Jahres erstmals wieder ein Spiel der Roma besuchen konnte: Die Emotionen kochten hoch, als die Fans Bove mit tosendem Applaus und ergreifenden Spruchbändern empfingen. Die Ränge des Stadio Olimpico verwandelten sich in ein Meer der Solidarität. Spruchbänder mit Aufschriften wie „Edoardo, gib nicht auf, träume weiter“ waren zu sehen, während die Fans in Sprechchören den Namen des gebürtigen Römers skandierten. Bove war zu Tränen gerührt.
Im Januar diesen Jahres dann löste der AS Rom den Vetrag mit Edoard Bove auf, nachdem dieser sich mit dem englischen Zweitligisten FC Watford auf einen Vertrag geeinigt hatte. Wie Weltstar Eriksen zog es also auch Bove nach England. Vor ein paar Wochen ist Bove da dann auch sportlich wieder so richtig zurück- und angekommen: Er erzielte in seinem sechsten Spiel für seinen neuen Verein sein erstes Tor! In der 83. Minute wurde Bove aufgrund der Verletzung von Edo Kayembe (27) eingewechselt. Elf Minuten später erzielte er sein Tor, nachdem ein Schuss von Marc Bolas in der 90.+4 Minute an die Latte geprallt war. Besonders rührend: In dem Stadion waren offenbar auch Roma-Fans vor Ort, hielten ein Banner in die Höhe mit der Aufschrift: „Auch, wenn du Rom verlässt, wirst du nie alleine sein.“
Was für ein Happy End!
