Das Leben ist oft ungerecht. Christian Wück zum Beispiel hat es deutlich leichter als Julian Nagelsmann. Denn dem Bundestrainer der Frauen-Nationalmannschaft reden weitaus weniger Fan-Bundestrainer rein als dem Trainer der Männer-Mannschaft. Das mag an der ohnehin meist freundlicheren und empowernderen Kultur im Frauen-Fußball liegen, aber, wenn man ehrlich ist, vor allem auch daran, dass die meisten Männer außerhalb großer Turniere kaum Frauen-Fußball gucken. Und um Christian Wück dafür zu kritisieren, dass Vanessa Fudalla trotz ihrer 22 Scorerpunkte, 14 Tore und acht Vorlagen, in 25 Bundesliga-Spielen noch immer auf ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft wartet, müsste man ja zunächst mal ihren Namen kennen. Christian Wück kann seine Entscheidungen, auch die kontroversen, in Ruhe treffen. Und das nutzt er: Auf Fudalla, immerhin die zweitbeste deutsche Torschützin der Bundesliga, zum Beispiel verzichtet er trotz ihrer Top-Quote, weil er ihr den Sprung aus der Bundesliga in die internationale Spitze (noch) nicht zutraut. Gab zwei, drei Berichte dazu in der Fachpresse, aber bei den letzten Länderspielen war die Stimmung trotzdem durchgängig wohlwollend und auch im Stadion skandierte niemand Fundallas Namen.

Da hat es Julian Nagelsmann deutlich schwerer. Zu den Nominierungen des Männer-Bundestrainers gibt es viele Meinungen – und die allermeisten werden in öffentlich vorgetragen. In allen Medien gibt es Beiträge und Kommentare. Und wenn Nagelsmann beim Länderspiel in Stuttgart auf Deniz Undav verzichtet, singen die VfB-Fans bis zu dessen Einwechselung nur noch Undavs Namen. Das muss Julian Nagelsmann gewusst haben, bevor er Bundestrainer wurde. Und es dürfte ihn durchaus auch an diesem Job gereizt haben, Nagelsmann liebt das Spiel mit den Medien, inszeniert sich selbst, wie kein deutscher Fußball-Trainer vor ihm.

Dabei scheint Nagelsmann sich durchaus auch in der Rolle des Provokateurs zu gefallen. Sicher, für all seine Kader-Entscheidungen gibt es gute (oder zumindest gut klingende) Begründungen. Leroy Sane zum Beispiel zeichnet sich wie kaum ein anderer aktiver deutscher Fußballer durch seine Tempo-Dribblings aus. Eine Fähigkeit, die man bei einer Weltmeisterschaft durchaus wertvoll sein kann. Andererseits ist Sane vor der Saison in die im europäischen Vergleich etwas schwächere türkische Liga gewechselt und pendelt bei Galatasaray Istanbul nur zwischen Startelf und Bank. Dafür verzichtet der Bundestrainer auf Spieler wie Kevin Schade, der eine starke Premier-League-Sason spielt, Maximilian Beier, der beim BVB positiv heraussticht, und Lennart Karl, der sich als 18-jähriger im Profi-Kader des FC Bayern behauptet hat. Auch Yann Aurel Bisseck, der letzte Saison Inter Mailand ins Champions-League-Finale führte und in diesem Jahr wieder Rückhalt der Meister-Mannschaft ist, spielt bei Nagelsmann keine Rolle. Dafür ist Antonio Rüdiger im Kader gesetzt, erfahrener Weltstar, sicher, aber aus einem extrem schwachen Jahr bei Real Madrid kommend.

All seine Entscheidungen begründet der Bundestrainer mit seinem Rollen-Modell. Die Idee: Weltmeister wird nicht die Ansammlung der 26 besten Einzelspieler, sondern die in Summe stärkste Mannschaft. Dazu gehört für Nagelsmann, auch Spieler mitzunehmen, die für wenige Einsatzzeiten vorgesehen sind und genau damit gut umgehen können. Immer wieder sagt er, dass manche Profis zwar tolle Stamm- aber keine passenden Rotationsspieler sein. Dabei klingt Nagelsmann wie ein Fußball-Intellektueller. Doch wie schnell dieses System brüchig wird, zeigte sich beim letzten Lehrgang: Ursprünglich fehlte da Angelo Stiller vom VfB Stuttgart in Nagelsmanns Aufgebot. Begründung: Als Stammspieler für dessen Position sei Aleksandar Pavlovic vorgesehen und Stiller kein passender Back-up. Dann aber fiel Pavlovic aus, Stiller wurde nachnominiert und stand in beiden Länderspielen in der Startelf. Hätte Nagelsmann – wie während der WM – auf die Pavlovic-Verletzung nicht mit einer Nachnominierung reagieren können, hätte er also eine schwächere Mannschaft als möglich aufgestellt? Bisschen viel Risiko.

Doch die größte Kontroverse sucht Julian Nagelsmann jetzt gerade auf der Torhüter-Position. Alles deutet auf ein Comeback von Manuel Neuer; Oliver Baumann, der während der gesamten WM-Qualifikation das Tor hütete und von Nagelsmann mehrfach zur Nummer eins erkoren wurde, müsste damit zurückstecken. Dabei spielte Baumann, der übrigens über 500 Bundesliga-Spiele absolviert hat und auch als Elfmeter-Killer wertvoll für ein Turnier sein kann, die Quali fehlerfrei. Die Neuer-Rückkehr wird dabei mit dem Leistungsprinzip begründet, der beste Torwart soll spielen. Aber wie weit her ist es wirklich mit dem Leistungsprinzip, wenn der Stamm-Torwart, der eine fehlerfreie WM-Qualifikation spielte, nur Wochen vor dem Turnier plötzlich ausgebotet wird? Wäre es nicht gerade ein Bekenntnis zum Leistungsprinzip, wenn Baumanns Top-Leistungen in den letzten Länderspielen auch mit Einsätzen bei der Weltmeisterschaft belohnt würden?

Außerdem: Was macht die Neuer-Rückkehr eigentlich mit Nagelsmanns Glaubwürdigkeit? Vor den Test-Länderspielen im März hat der Bundestrainer mit allen Spielern „Rollengespräche“ geführt, ihnen also erklärt, was er von ihnen bei der WM erwartet und mit ihnen abgesprochen, ob diese Rolle für die entsprechenden Spieler passt. Oliver Baumann hat er dabei die Nummer eins gegeben – das haben Baumann und Nagelsmann beide betont. Wenn der Bundestrainer jetzt Manuel Neuer zurückholt, muss sich doch jeder Spieler fragen, ob seine Absprachen mit Nagelsmann noch gelten. Das schafft – in der Logik des Bundestrainers – in der gesamten Mannschaft Unruhe. Und das völlig grundlos: Immerhin war Neuer selbst 2024 zurückgetreten und hatte eine Rückkehr zuletzt immer wieder ausgeschlossen.

Julian Nagelsmann ist als Bundestrainer angetreten, um den deutschen Fußball auf eine neue Stufe zu heben – so wie Jürgen Klinsmann 2004. Mittlerweile scheint er aber zu verkopft vorzugehen, zu sehr beweisen zu wollen, dass er das Spiel durchschaut hat. Die Nationalmannschafts-Fans schauen dabei immer mehr frustriert zu. Dabei wäre Euphorie vor dem Turnier so wichtig.

Es ist aber auch schwer, Bundestrainer der Männer-Nationalmannschaft zu sein. Wobei Christian Wück bei den Frauen seine Rolle auch nicht so drastisch interpretiert, wie Julian Nagelsmann.

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Von admin