Vor 105 Tagen hat Chelsea seinen Ex-Trainer verpflichtet und ihm mit einem Sechsjahresvertrag ausgestattet. 26 Millionen Euro verdient Liam Rosenior bis 2032 – nach etwas mehr als drei Monaten Arbeit.

Wenn man die bloßen Fakten benennt, wird klar, dass an der Stamford Bridge etwas ganz schön aus dem Ruder gelaufen ist.

Also machen wir weiter damit: Ganze 56 Spieler nahmen die Blues seit Todd Boehly den Klub im Jahr 2022 kaufte unter Vertrag. Das sind fünf ganze Fußballmanschaften in gerade einmal vier Jahren. Darüber hinaus fallen 95 Abgänge in Boehlys Amtszeit – wobei diese Zahl einer Einordnung bedarf, denn manche Spieler verließen Chelsea gleich mehrfach, nämlich per Leihe. Insgesamt 57 solcher Leihgeschäfte wickelte der Klub seit Sommer 2022 ab. Trotzdem: Stand heute würden 44 Spieler für den Profikader der nächsten Saison unter Vertrag stehen, also zwei ganze Spieltagskader.

All das zeigt, dass es unter Todd Boehly beim FC Chelsea keine durchdachte Kaderplanung, kein langfristiges sportliches Konzept gibt. Unterstellt man dem Eigentümer, der im US-Sport als Miteigentümer der Los Angeles Dodgers, Los Angeles Lakers und Los Angeles Sparks durchaus erfolgreich ist, irgendeinen Plan, dann werden Spieler von Boehly und seinen Leuten als Wertanlagen begriffen, die Rendite bringen wollen. Sportlicher Erfolg ist da eher ein Nebenprodukt. Es kann aber auch sein, dass die Führung des FC Chelsea, der aktuell übrigens drei Sportdirektoren, ein technischer Direktor sowie zwei Chefscouts angehören, schlichtweg nicht weiß, was sie tut und einfach hoffnungsfroh drauf los einkauft, denn wenn man nur genug ausgibt, wird schon irgendetwas funktionieren.

Sollte man zumindest meinen. Aber die Saisonbilanz der Blues hat gerade einen 114 Jahre alten Negativrekord eingestellt: Am Dienstagabend verlor der FC Chelsea mit 0:3 bei Brigthon & Hove Albion, zuvor unterlagen die Londoner Manchester United (0:1), Manchester City (0:3), Everton (0:3) und Newcastle United (0:1). Fünf Premier-League-Spiele ohne eigenen Treffer, das hatte es zuletzt an der Stamford Bridge, die immerhin schon seit 1887 Heimspielstätte des Klubs ist, im Herbst 1912 gegeben. Chelsea stürzte nach der Pleite auf den siebten Platz ab, der Rückstand auf die Champions-League-Ränge beträgt sieben Zähler und Liverpool, das aktuell auf dem letzten Champions-League-Platz steht, hat dabei auch noch ein Spiel weniger. Zum Vergleich: Als Rosenior seinen Posten antrat, belegte Chelsea Rang acht mit einem Rückstand von zwei Zählern zur Champions League.

Dabei begann Roseniors Amtszeit beim FC Chelsea durchaus vielversprechend. Von seinen ersten 15 Partien konnte er elf gewinnen und verlor nur zwei gegen den FC Arsenal. Bei seinen letzten acht Spielen verlor er siebenmal und gewann nur im FA Cup gegen Drittligist Port Vale. Nach Thomas Tuchel, Graham Potter, Frank Lampard, der übrigens gerade Coventry City auf beeindruckende Weise zurück in die Premier League geführt hat, worüber FanLeben.de hier berichtete, Mauricio Pochettino und Enzo Maresca ist Rosenior übrigens auch bereits der sechste Trainer, den Todd Boehly seit 2022 entlassen hat. Bis Saisonende springt mit Calum McFarlane jetzt erstmal ein Interimstrainer ein. Und „während der Verein daran arbeitet, Stabilität in die Position des Cheftrainers zu bringen, werden wir einen Prozess der Selbstreflexion durchlaufen, um die richtige langfristige Besetzung zu finden“ lies der Klub darüber hinaus wissen. Klappt bestimmt.

Todd Boehly steht sinnbildlich für das, wovor Fußballfans in einer Liga, in der die Klubs nicht ihren Fans, sondern Investoren gehören, Angst haben. Angst haben müssen. Nämlich für den Ausverkauf einer sportlichen Identität. Dafür, alles den eigenen Gewinnabsichten unterzuordnen. Und das auch noch mäßig erfolgreich.

Aber – mal davon ab, dass man wahrscheinlich ohnehin wenig gegen so ein Investoren-Modell haben kann, wenn man in den letzten 25 Jahren Fan des FC Chelsea geworden ist – welche Möglichkeiten haben Anhänger*innen in England, um ihren Klub vor unpassenden Investoren oder deren falschen Entscheidungen zu schützen?

Beginnen wir mit einer anderen Frage: Warum gehören Fußballklubs in England eigentlich Investoren? Die Antwort liegt gut 140 Jahre zurück: Und zwar stand England am Ende des 19. Jahrhunderts mitten in einem sozialen und ökonomischen Wandel. In den Industriestädten des Nordens – Manchester, Preston, Sheffield, Bolton – war der Fußball längst kein bloßer Zeitvertreib mehr. Es strömten damals schon zehntausende Arbeiter*innen an den Wochenenden auf die improvisierten Tribünen, um ihre lokalen Helden spielen zu sehen. Mit der wachsenden Popularität wuchs auch der Druck: Talente wanderten dorthin, wo sie bezahlt wurden.Doch noch war auch in England das Profitum noch nicht legalisiert. Stattdessen war Schwarzgeld an der Tagesordnung. 1885 zog der englische Fußballverband die Konsequenzen: Er legalisierte die Bezahlung von Spielern und öffnete damit die Tür zum Profifußball.

Für die Vereine bedeutete dieser Schritt eine Zäsur. Wer Spieler verpflichten, ein Stadion unterhalten und den wachsenden Zuschauerstrom bewältigen wollte, brauchte eine solide finanzielle und rechtliche Grundlage. Die traditionelle Vereinsform, die auf Freiwilligkeit, Mitgliedsbeiträgen und Ehrenamt beruhte, konnte diese Anforderungen kaum noch erfüllen. Ein Fehlkauf oder ein sportlicher Abstieg konnte die gesamte Existenz des Vereins als solchen gefährden – aber auch die privaten Finanzen jener Männer, die den Verein trugen. Denn das englische Vereinsrecht unterscheidet sich in dieser Zeit von dem, was wir in Deutschland kennen: Im Fall einer Insolvenz hafteten alle Vereinsmitglieder mit ihrem Privatvermögen für den entstandenen Schaden. Ein immenses Risiko.

Die Antwort fand sich im britischen Gesellschaftsrecht. Die Gründung einer „Limited Company“, dem britischen Pandon zur Gesellschaft mit beschränkter Haftungermöglichte es, den Club in eine juristische Person zu überführen. Damit war nicht mehr der einzelne Funktionär haftbar, sondern das Unternehmen selbst. Diese Haftungsbeschränkung schuf Sicherheit für die Beteiligten, eröffnete aber natürlich auch neue Wege der Kapitalbeschaffung. Anteile konnten verkauft, Investor*innen gewonnen und größere Summen für Stadionbauten oder Spielertransfers mobilisiert werden. Die Anteile gingen meist an Unternehmer, Ladenbesitzer, Fabrikanten, bekannte und vor allem einflussreiche Gesichter der Stadtgesellschaft eben. Frühe Sportmäzene, wenn man so will. 

Das ging lange gut. Doch in den 1980er Jahren begannen sich die ökonomischen Grundlagen des Spiels zu verschieben. Neue Medienmärkte und das wachsende Interesse von Sponsoren veränderten die Landschaft. Spätestens mit der Gründung der Premier League 1992 wurde der englische Fußball zu einem Wirtschaftsfaktor. Mit dem Geld kam das Interesse. Zunächst waren es britische Unternehmer*innen und Bauherren, die ihre Mittel in Fußballvereine lenkten. Doch mit der Professionalisierung des Finanzwesens und der Globalisierung der Kapitalmärkte änderte sich auch das Profil der Eigentümer*innen: In den 1980er und 1990er Jahren entdeckte der englische Fußball die Börse. Clubs wie Tottenham Hotspur (1983), Manchester United (1991), Chelsea (1996) oder Sunderland (1996) gingen an den London Stock Exchange. Erstmals konnten so auch Privatanleger und Fonds Anteile erwerben.

Ab der Jahrtausendwende wandelte sich der englische Fußball erneut, diesmal durch Globalisierung des Kapitals. 2003 kaufte der russische Ologarch Roman Abramowitsch kaufte den FC Chelsea, im Juli 2005 erwarb dann der US-amerikanischen Unternehmer Malcolm Glazer Manchester United. Es folgten arabische Staatsfonds, amerikanische Private-Equity-Häuser, Milliadäre aus aller Welt. Die Clubs wurden zum Investitionsobjekt. Rendite, Prestige, Sportwashing wie bei ManCity oder Newcastle United sowie geopolitischer Einfluss verbinden sich auf neue Weise. Zum letzten Mal wurde 2004 eine Mannschaft englischer Meister, die mehrheitlich im Besitz von Engländer*innen war: Das war damals Arsenal London, die allerdings ebenfalls einem amerikanischen Unternehmen gehören.

Der FC Chelsea hat von dieser Entwicklung profitiert. Darum auch die Spitze eben. Seine größten Titel: Fünf der sechs englischen Meisterschaften, fünf der acht FA-Cup-Siege, die beiden Triumphe in der Champions Leage und bei der FIFA Klub Weltmeisterschaft fielen in die Zeit nachdem erst Abramovic und dann Boehly den Klub besaßen. Vorher hatten die Blues lediglich 1955 eine Meisterschaft, 1970, 1997 und 2000 den FA Cup sowie 1971 und 1998 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen.

Aber anderen Vereinen ging es ja ganz anders. Der FC Portsmouth zum Beispiel schmierte richtig ab, nachdem er ab 2009 mehrfach die Eigentümer wechselte und unter anderem an Sulaiman Al Fahim und Ali Al-Faraj verkauft wurde. Die neuen Klubbesitzer bezahlten offene Rechnungen nicht, der FC Portsmouth mit Punktabzug aus der Premier League absteigen, fiel sogar bis in die dritte Liga zurück, war insolvent. In diesem Moment nutzten die Portsmouth-Fans die sich daraus ergebene Gelegenheit und übernahmen den Verein komplett.

Anschließend hatte der Pompey Supporters’ Trust den Verein über mehrere Jahre stabilisiert. Doch die strukturellen Herausforderungen blieben erheblich, allen voran der Zustand des Stadions Fratton Park und der begrenzte finanzielle Spielraum für eine nachhaltige sportliche Entwicklung. Intern wuchs die Überzeugung, dass größere Investitionen notwendig waren, um den Klub langfristig konkurrenzfähig zu halten.

Als 2017 mit dem US-Investor Michael Eisner und seiner The Tornante Company ein konkreter Käufer auftrat, begann ein formal klar strukturierter Verkaufsprozess mit anschließender Abstimmung der Anteilseigner. Der Supporters’ Trust ging dabei natürlich nicht unvorbereitet in die Verhandlungen. Gestützt auf Mitgliederbefragungen und interne Leitlinien definierte er zentrale Ziele: eine fortgesetzte Beteiligung der Fans, Mitsprache im Klubvorstand sowie verbindliche Schutzrechte für die Identität des Vereins, insbesondere Name, Farben, Wappen und Standort. Genau an diesen Punkten zeigte sich jedoch die klassische Konfliktlinie zwischen Faninteressen und Investorenlogik. Tornante war bereit, Kapital zu investieren und langfristig zu planen, wollte aber die operative Kontrolle nicht teilen. Fanvertreter im eigentlichen Klubvorstand lehnte der Investor ebenso ab wie eine dauerhafte Minderheitsbeteiligung des Trusts. Die Verhandlungen bewegten sich daher zunehmend in Richtung eines Kompromissmodells.

Und das sah so aus: Das Ergebnis dieses Aushandlungsprozesses war ein hybrides Konstrukt, das bis heute als eines der interessantesten Fanbeteiligungsmodelle im englischen Fußball gilt. Im Zentrum steht ein sogenannter „Heritage Share“, eine spezielle Aktie mit einer Laufzeit von 50 Jahren, die den Fans ein Vetorecht bei grundlegenden Fragen einräumt. Dazu gehören insbesondere Änderungen am Klubnamen, an den Hauptfarben sowie eine Verlagerung des Stadions über einen definierten geografischen Rahmen hinaus. In diesen Fällen können Fanvertreter Entscheidungen blockieren. Und der Investor muss nachgeben. Flankiert wird dieses Instrument durch das sogenannte Heritage & Advisory Board, ein Gremium, in dem Vertreter der Fans, der früheren Anteilseigner und des neuen Eigentümers regelmäßig zusammenkommen. Dieses Board besitzt keine direkte Entscheidungsgewalt im Tagesgeschäft, dient aber als institutionalisierter Kanal für Mitsprache, Informationsaustausch und strategische Diskussionen. Ergänzt wird es durch weitere Dialogformate, die den Austausch zwischen Klubführung und Anhängerschaft verstetigen.

Der Preis für diese Absicherung war jedoch hoch. Der Supporters’ Trust musste zentrale Forderungen aufgeben: Er hält heute keine maßgebliche Beteiligung mehr, hat keine Sitze im operativen Vorstand und verfügt nur in eng definierten Bereichen über echte Vetorechte. In vielen anderen Fragen – von wirtschaftlichen Entscheidungen bis hin zur sportlichen Ausrichtung – liegt die Kontrolle vollständig beim Eigentümer.

Die Entscheidung für den Verkauf fiel dennoch deutlich aus. In einer Mitgliederabstimmung sprachen sich über 80 Prozent der Fan-Anteilseigner*innen dafür aus, den eingeschlagenen Weg zu gehen.

Jahre später machte das „Golden-Share“-Modell weiter Schule im englischen Fußball. Und das paradoxer Weise genau in dem Moment, als die mächtigsten Investoren gerade eine der gravierendsten Veränderungen der Fußballgeschichte auf den Weg bringen wollten. Denn als im April 2021 mehrere Topklubs – darunter Chelsea FC, Liverpool FC und Tottenham Hotspur – nahezu über Nacht ihren Beitritt zur European Super League verkündeten, war die Reaktion beispiellos. Fans versammelten sich vor Stadien, blockierten Mannschaftsbusse, organisierten Proteste und zwangen ihre eigenen Vereine innerhalb von 48 Stunden zum Rückzug. Auch vor der Stamford Bridge versammelten sich Chelsea-Fans, blockierten die Zufahrten, hielten Transparente in die Höhe.

Parallel dazu setzte die britische Regierung mit dem „Fan-led Review“ unter Leitung von Tracey Crouch eine Reformdebatte in Gang. Eine der zentralen Ideen, die aus diesem Prozess hervorging, war der sogenannte Golden Share, eine spezielle Beteiligung, die Fans ein Vetorecht bei grundlegenden Entscheidungen einräumen sollte. Die Einführung solcher Modelle erfolgte nicht zentral, sondern klubweise und freiwillig. Dabei kristallisierten sich einige Vorreiter heraus: Brentford FC galt als einer der ersten Klubs, die Fanrechte in Form eines Golden Share konkret umsetzten. Chelsea FC führte im Zuge des Eigentümerwechsels 2022 ein klar definiertes Vetorecht für Fans ein, insbesondere gegen die Teilnahme an geschlossenen Wettbewerben. Tottenham Hotspur etablierte ähnliche Schutzmechanismen über Fanstrukturen. Weitere Vereine wie Aston Villa FC oder West Ham United zogen nach, teils mit eigenen Varianten, teils mit weniger klar definierten Regelungen. Ein einheitliches Modell entstand nicht, vielmehr ein Flickenteppich aus Lösungen, die alle auf denselben Impuls zurückgehen. Dennoch ist damit zumindest mal eine stabile Notbremse gegen Investoren-Willkür gefunden worden.

Eine Ausnahme ist dabei noch als positiver Sonderfall besonders zu erwähnen: Der FC Liverpool nämlich entschied sich gegen ein isoliertes Vetoinstrument und setzte stattdessen auf eine stärkere institutionelle Einbindung der Fans über bestehende Strukturen. Doch auch hier war der Einfluss der Ereignisse von 2021 unübersehbar. Die Kommunikation wurde intensiver, die Beteiligung formalisierter, und bei sensiblen Fragen entstand eine faktische Grenze dessen, was ohne Zustimmung der Anhänger überhaupt noch denkbar ist. Damit können die Liverpool-Fans am weitesten ins Tagesgeschäft ihres Klubs eingreifen – also weit über einen „Golden Share“ hinaus wirken.

Und das ist vielleicht die wichtigste Antwort auf die Frage, was Fans gegen Investoren, die Entscheidungen gegen die Klubinteressen treffen, tun können: Sich organisieren und Einfluss fordern. Institutionell-organisierten Einfluss. Denn Fanproteste auf den Tribünen oder gar ein leeres Stadion, Absatzrückgänge im Fanshop oder Shitstorms auf social Media – all das will selbst ein Tedd Bohely nicht, weil es sein Geschäftsmodell kaputt macht.

Andererseits gibt es immer noch auch mehrere 50+1-Ligen in Europa, neben Deutschland vor allem in Schweden und Norwegen. Oder aber Mitglieder-geführte Vereine in Brasilien und Argentinien. Wenn man es gar nicht mehr aushälft, was fremde Besitzer aus dem eigenen Verein machen, dann muss man sich halt umgucken.

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Von admin