Ein Spiel ohne Auswärtsfans? Niemals schön.
Erst Recht heute, wenn die BVB-fans das Spiel in Bergamo boykottieren müssen, nachdem zahlreiche Mitglieder der organisierten Fanszene von der Bundespolizei an der Ausreise aus Deutschland gehindert wurden – erste Eil-Gerichtsentscheidungen zeigen, dass dieses Vorgehen der Bundespolizei nicht rechtmäßig war. Und trotzdem bleibt der Fakt, dass sich Fußballfans unsicherer fühlen müssen, nicht wegen Auseinandersetzungen zwischen Fanlagern, sondern wegen einer offenbar auf Eskalation ausgerichteten Polizei-Strategie. Dass die unmittelbar beginnt, nachdem Fanproteste verschärfte Sicherheitsbedingungen in den Stadien eigentlich abgewendet hatten, hat zumindest einen ziemlich bitteren Beigeschmack.
Aber darum soll es hier eigentlich nicht gehen. Nur kann man einen Spielbericht zu einem solchen Spiel nicht beginnen, ohne auf diese schlimmen Rahmenbedingungen einzugehen. In den Vorberichten zum heutigen Spiel findet ihr eine einordnende Kommentierung und eine Chronologie der Ereignisse.
Wir reden jetzt über das Spiel.
Und die Ausgangslage war aus BVB-Sicht ja wirklich gut: 2:0 haben unsere Borussen das Hinspiel letzte Woche gewonnen, es war ein insgesamt souveräner und sicherer Auftritt. Wir gehen also mit viel Hoffnung ins Rückspiel.
Mit viel Hoffnung – und zwei Rückkehrern: Nico Schlotterbeck und Emre Can, die beide das Hinspiel verletzungsbedingt verpasst haben, waren gestern wieder mit dabei. Can als Kapitän sogar in der Startformation. Neben Anton und Bensebaini in der Innenveteidigung. Als Flügel bot Nico Kovac Daniel Svensson und Julian Ryerson, der ja einen Mega-Lauf in Sachen Torvorlagen hat, auf. Im Mittelfeld spielten zudem Felix Nmecha und Jobe Bellingham. Und als Dreier-Offensive starteten Julian Brandt, Maximilian Beier und Serhou Guirassy. Schonungen für das Gipfeltreffen mit den Bayern am Samstag? Fehlanzeige. Zu wichtig ist die Champions League als wohl einzige verbliebene Titelchance in dieser Saison – man wird ja noch träumen dürfen, so zumindest der allgemeine Vibe vor dem Spiel. Mit Elias Benkara, Samuel Inacio und Luca Reggiani saßen drei BVB-Talente zudem wieder auf der Bank.
Bekannte Gesichter also – aber bekannt ist ja auch, dass der BVB in dieser Saison immer wieder unterschiedliche Gesichter zeigt. Letzte Woche, wie erwähnt, Souveränität und Spielfreude. Heute hingegen gab es zumindest in der ersten Halbzeit eher Verunsicherung oder Nervosität zu sehen. Zwar übernahm der BVB zu Beginn rasch Verantwortung für das Spiel, allerdings ohne Druck aufbauen zu können. Die erste große Torchance gehörte darum in der vierten Minute den Gastgebern, die mit einem scharfen Schuss von der linken Strafraumgrenze Gregor Kobel prüften. Der aber konnte noch zur Ecke klären.
Anders sah es eine Minute später aus. Atalanta griff wieder über die linke Seite an, Ryerson konnte eine Flanke nicht verhindern. Die Hereingabe läuft dann an Svensson und Bensebaini vorbei, die beide nicht klären konnten, so dass Gianluca Scamacca frei vor Kobel von der Fünf-Meter-Raum-Linie einschieben konnte. Bensebaini kam dabei sogar an den Ball, legte ihn aber eher Scamacca auf, anstatt ihn zu klären. Ein unglückliches Missverständnis zwischen den beiden BVB-Verteidigern, denn geht Bense nicht an den Ball, kann Svensson eventuell besser klären. Sinnbildlich für dieses BVB-Gesicht in dieser Saison.
In der Folge kam Bergamo immer aktiver ins Spiel. Eine Flanke in der 17. Minute landete im Dortmunder Fünf-Meter-Raum, wo sie von Ryerson zur Ecke abgeblockt werden kann. Bergamo lief zusehend heiß, der BVB hatte nach wie Probleme, aus seinem Ballbesitz auch tatsächlich Spielkontrolle zu machen und Torchancen zu kreieren.
Im Gegenteil war es in der 24. Minute wieder Bergamo, das gefährlich zum Abschluss kam. Einen strammen Schuss von Nicola Zalewski von der linken Strafraumgrenze konnte Gregor Kobel stark noch am linken Pfosten vorbei zur Ecke klären.
Bergamo machte es den Borussen weiter schwer, verteidigte kompakt und aggressiv. Den ersten echten Torabschluss hatte der BVB deswegen auch erst in der 27. Minute: Nach einer Flanke von Svensson kam Guirassy mit dem Kopf an den Ball, nickte das Leder aber am Bergamoer (schreibt man das so?!) Tor vorbei. Noch gefährlich war es in der 30. Minute: Steckpass von Beier in den Strafraum, der findet Brandt, der schließt ab und prüft Atalantas Torwart Marco Carnesecchi. Das hätte der Ausgleich tatsächlich gerne sein können. In dieser Phase war der BVB besser im Spiel, hatte eine eigene Druckphase.
Nichtsdestoweniger ging es die gesamte erste Halbzeit über immer wieder hin und her. Das zeigt auch eine Dreifachchance in der 35. Minute: Erst konnte Jobe Bellingham im Dortmunder Strafraum mit einer sauberen Grätsche den zweiten Treffer für Bergamo verhindern, dann konterte der BVB schnell und fand im Strafraum der Gastgeber erneut Guirassy, doch auch sein Schuss wurde gerade noch rechtzeitig geblockt. Und zu guter Letzt befreite sich Atalanta direkt wieder und kam von der linken Strafraumgrenze der Borussia zum Abschluss, der aber knapp am Tor vorbei ging. Immerhin: Die Borussen schafften es in dieser Zeit gut, Bergamo vom eigenen Tor fernzuhalten.
Doch dabei blieb es nicht, stattdessen folgte der nächste Dortmunder-Tiefschlag in der 45. Minute: Erst konnte Kobel nach einer Flanke von der linken Seite einen Abschluss von Bergamo Verteidigen. Doch der Ball landete dann an der Strafraumgrenze bei Davide Zappacosta, der mit einer Direktabnahme sein Glück versuchte. Und dann war es wieder Bensebaini, der den Schuss abfälscht, so dass er unhaltbar an Kobel vorbei ins Dortmunder Tor ging. 2:0 – das Hinspielergebnis egalisiert. Unmittelbar danach ging es in die Pause.
Kurzum: In den ersten 45 Minuten waren die italienischen Gastgeber die galligere, strukturierter Mannschaft. Atalanta schien nach dem aus ihrer Sicht enttäuschenden Hinspiel begriffen zu haben, worum es heute ging. Während der BVB vom aktiven Spiel Bergamos überrascht wirkte und in der Folge Probleme damit hatte, Räume zu öffnen, wie im Hinspiel die Kontrolle über das Spiel zu übernehmen und – wie sich die Kovac-Elf das vorgenommen haben dürfte – das Hinspielergebnis zu verwalten. Gleichzeitig schien Atalanta Bergamo die komplett richtigen Lehren aus dem Hinspiel gezogen zu haben und sich nahezu perfekt auf die Dortmunder Spieler und ihre Spielidee eingestellt zu haben.
Apropos Gesichter: Kovac und sein Gegenüber, Raffaele Palladino, verzichteten in der Pause auf Wechsel. Und auch sonst änderte sich mit Beginn der zweiten Hälfte erst einmal wenig, Bergamo drückte sofort wieder, der BVB hatte weiterhin Probleme, sein Spiel aufzuziehen. Wenn bei den Borussen etwas ging, dann meistens über Maxi Beier, der sehr präsent war, Tempo einbrachte und gute Pässe spielte. So auch in der 49. Minute, als er auf der linken Seite Räume öffnete, auf Brandt ablegte, der dann Guirassy im Strafraum bediente. Guirassys Abschluss war eine echte Herausforderung für den Tormann der Gastgeber, doch mit Mühe gelang es ihm, den Ball zur Ecke am Tor vorbei zu klären. Das hätte zumindest der Anschlusstreffer sein müssen.
Doch nur eine Minute später kam auch Bergamo wieder frei vor Kobel zum Abschluss, nachdem die Zuordnung in der Dortmunder Innenverteidigung nicht gestimmt hatte. Hier war wieder Kobel, der ebenfalls richtig stark spielte, zur Stelle. So auch in der 51. Minute, als Bergamo über die rechte Seite in den Strafraum zog und Kobel aus gut 10 Meter prüfte; der Dortmunder Schlussmann konnte aber wieder abwehren.
In der 53. ist es dann wieder Beier, der sich im Laufduell gegen mehrere Verteidiger von Atalanta durchsetzen kann und aus spitzen Winkel in den Strafraum zieht. Da überlegt er aber einen Moment zu lange und kann sich nicht zwischen Pass auf den mitgelaufenen Brandt und eigenem Abschluss entscheiden. Der Ball geht darum am Tor vorbei. Schade, denn hier war mehr drin. Und wenn der BVB eine dieser Chancen nutzt, dann wird es sofort ein anderes Spiel.
So aber kam es, wie es kommen musste: In der 57. Minute gab es ein erneutes Missverständnis in der mittlerweile komplett verunsicherten Dortmunder Hintermannschaft. Nach einer Flanke von links fühlt sich im Strafraum niemand für Mario Pasalic zuständig, der aus fünf Metern frei einköpfen kann. 3:0. Hinspielergebnis gedreht.
Und da hatte dann auch Kovac genug gesehen und brachte Carney Cukuwumeka für Julian Brandt und Fabio Silva für den offenbar müde-gelaufenen Maximilian Beier. Der BVB-Trainer entschied sich damit jedoch für positionsgetreue Wechsel, anstatt nochmal taktisch neue Impulse ins Spiel zu bringen. In der Folge veränderte sich am Spielverlauf erstmal erwartbar wenig. Bergamo machte es in dieser Phase aber auch verdammt gut, setzte nach jedem Ballverlust direkt nach, presste früh und aggressiv und gab dem BVB so keine Möglichkeit mehr, in einen geordneten Aufbau zu kommen. Atalanta machte es als Kollektiv einfach richtig stark, während der BVB gestern kaum aufeinander eingespielt wirkte.
Erst in der 70. Minute stellte Kovac dann sein taktisches System um. Zog Can neben Nmecha auf die Doppelsechs vor die Abwehr und löste die übliche Dreierkette so auf. Cukuwumeka spielte fortan als Zehner. Und Adeyemi, der für Bellingham eingewechselt wurde, bildete mit Silva eine Flügelzange. Gleichzeitig brachte Kovac auch noch Yan Couto für Ryerson. Die Idee: Mehr Tempo, mehr Anspielstationen im umkämpfen Mittelfeld und so neue Möglichkeiten, den Druck von Atalanta auszuhebeln. Gleich in der 72. Minute greift die Umstellung und der BVB erspielte sich so mit einer längeren Kombination eine weitere Torchance: Silva wurde an der Strafraumgrenze freigespielt, versuchte dann an den ebenfalls einlaufenden Guirassy weiterzuleiten, doch ein Verteidiger von Bergamo kam ganz knapp vor dem Dortmunder Stürmer an den Ball. In der 74. Minute nach einer erneuten längeren Ballstafette, eingeleitet von Nmecha, kommt der BVB gleich mehrfach im Strafraum von Atalanta zum Abschluss, aber sowohl Guirassy als auch Silva können so eben noch geblockt werden. Es gibt Ecke.
Die folgende Ecke konnte dann zwar rasch geklärt werden, doch der BVB eroberte den Ball prompt zurück. Adeyemi ist es, der für die Borussen daraufhin mit dem Spielgerät am Fuß in den Strafraum zog und da direkt abschloss – und zwar passgenau in die lange Ecke. 3:1. Auf einmal war der BVB wieder im Spiel und immerhin auf Kurs Verlängerung.
Der BVB war jetzt viel, viel besser im Spiel, konnte sich zeitweise regelrecht in der Hälfte der Hausherren festsetzen, auch wenn die erspielten Chancen, zum Beispiel über Silva (77. Minute), der wie Adeyemi nach seiner Einwechselung ein echter Aktivposten im Dortmunder Spiel war, selten wirklich zwingend wurden. So zum Beispiel auch in der 81. Minute, als Adeyemi den Ball auch unter großem Druck gut festmachen konnte, in den Strafraum zog und versuchte, wieder auf Guirassy querzulegen, der jedoch nicht mit dem Fuß an den Ball kam; sonst wäre das – ziemlich sicher – das 3:2 gewesen.
Erwähnenswert ist aber noch ein Abschluss von Lazar Smardzic in der 81. Minute, der frei im Dortmunder Strafraum zum Abschluss kam und nur Zentimeter am Tor vorbeischoss. Glück gehabt. Aber auch der BVB hat weiter Chancen, so zum Beispiel in der 86. Minute, als Guirassy nach einer Flanke im Zweikampf mit Isak Hien zu Fall kommt. Die Entscheidung, da keinen Elfmeter zu geben, war aber leider richtig, da beide gehalten hatten.
Aber dann. In der vierten Minute der Nachspielzeit, nur drei waren übrigens angezeigt, wollte Kobel dann einen zu weiten Ball von Bergamo abfangen, verschätzte sich dabei aber. Bergamo konnte flanken. Und der Ball kam hoch in den Dortmunder Strafraum, wo Bensebaini erst den Ball, dann aber, mit extrem hohen Bein, auch Nikola Krstovic am Kopf tritt, der blutend am Boden bleibt. Der Schiedsrichter überprüfte die Szene per Videobeweis und entschied anschließend auf Strafelfmeter und zeigte darüber hinaus auch dem Pechvogel des Abends, Ramy Bensebaini, noch die gelb-rote Karte. Währenddessen kamen auch Nico Schlotterbeck und der bereits ausgewechselte GiorgioScalvini auf der Bergamo-Bank die rote Karte. Samardzic trat für den Elfmeter an, schoss nach rechts oben, Kobel hatte die Ecke, konnte aber nicht an den Ball kommen. 4:1. Nochmal angestoßen wurde dann auch nicht mehr. Der BVB ist damit aus der Champions League ausgeschieden. Am Ende auch verdient.
Viel zu lange hat BVB-Trainer Kovac das Spiel, das bis zur Systemumstellung komplett gegen den BVB lief, laufen lassen, ohne zu reagieren. Als er – beim Stand von 3:0 gegen den BVB – reagierte, war das Risiko zu hoch. Aber es lag gestern nicht nur am Trainer. Kaum ein Borusse kam an seine Normalform heran, insbesondere die Verteidiger standen – mit Ausnahme von Waldemar Anton – komplett neben sich. Gleiches gilt für Guirassy, der im Abschluss, wie beschrieben, immer wieder unglücklich wirkte und auch beim Festmachen von Bällen Probleme hatte, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Bei allem Respekt vor Atlanta Bergamo, aber individuell verfügt der BVB über eine höhere Klasse und Spieler wie Nmecha, der aktuell ja angeblich mit einem Wechsel zu einem Topteam der Premier League liebäugelt, müssen dann gerade an so Tagen wie heute beweisen, dass sie gerade in schwierigen Phasen ein Spiel an sich reißen und Verantwortung für ihre Mitspieler tragen können. Davon war aber nichts zu sehen – auch bei Kapitän Can übrigens nicht. Reggiani hat letzte Woche beim seinem Startelf-Profi-Debüt deutlich souveräner gespielt als Can. Natürlich kann es sein, dass der Kapitän nach seiner Verletzung noch nicht wieder bei 100% war, aber dann muss sich der Trainer die Frage stellen, warum er nicht einmal auf den jungen Spieler vertraut anstatt einen Routinier außer Form einzusetzen. Und die BVB-Bosse müssen sich fragen, ob das eigentlich BVB-like ist. Darüber hinaus muss hier auch die Frage erlaubt sein, warum Kovac beispielsweise Bensebaini nicht eher von seinem Katastrophen-Tag erlöst hat. Denn klar, schlechte Tage passieren und Bense ist für den BVB in dieser Saison sonst eigentlich immer eine wirklich wichtige Stütze, aber heute lief beim ihm wirklich gar nichts zusammen und da müsste ein Trainer seinen Spieler auch mal schützen.
Das Fazit ist darum mal so richtig bitter: Denn dieses Ausscheiden hat sich Borussia Dortmund allein selbst zuzuschreiben. Und – das beweisen das Hinspiel und die letzten 20 Minuten des Rückspiels – es war vollkommen unnötig. Ausreden gibt es für diesen Horror-Auftritt keine.
Es ist – auch mit Blick auf die Rahmenbedingungen – ein Abend komplett zum Vergessen. Auch wenn er nicht vergessen werden sollte. Von Kovac und seinem Team, weil einfach viel zu viel aufzuarbeiten ist. Und von uns allen, weil unbegründete Repression gegen Fußballfans niemals zur Regel werden darf.
