Die Olympischen Spiele in Italien haben viele Erkenntnisse geliefert. Eine wiederkehrende Erkenntnis aus deutscher Sicht: Ohne den Eiskanal sähe es düster aus. Die Deutschen Rolder, Bob- und Skeletonpilot*innen gewannen in Cortina d’Ampezzo 19 von 26 Medaillen, also rund 73 Prozent, davon sechs der acht goldenen.
Aber damit könnte bald Schluss sein! Plant das IOC das Ende von Rodeln, Bobfahren und Skeleton bei den Olympischen Spielen?
Das behauptet zumindest der Investigativ-Journalist Duncan Mackay…
Die Vorschläge über eine Neuordnung des Olympischen Programms, schreibt Mackay in seinen „Zeus Files“, sähen unter anderem ein Ende der Sportarten im Eiskanal vor: „Rausfliegen könnten die Schlittensportarten – Bob, Rodeln und Skeleton.“ Die Gründe dafür sind die hohen Kosten, die Schäden für die Umwelt und die geringe Nachhaltigkeit der entsprechenden Anlagen. Der Bau einer Bahn ist immerhin teuer, sie muss ohne alternative Nutzungsmöglichkeit in die Landschaft gestellt werden und auch der Unterhalt kostet und frisst Energieressourcen für die Vereisung.
All das zeigten auch die aktuellen Spiele in Italien: Der Neubau der Eisbahn in Cortina d’Ampezzo hat statt der zunächst angekündigten 42 Millionen Euro am Ende 118 Millionen Euro gekostet, der Unterhalt kostet laut italienischem Rechnungshof 1 Million Euro jährlich und wird durch die Einnahmen nicht gedeckt werden. Die Zukunft der Bahn? Deswegen unklar. Und bei weitem kein Einzelfall: Viele Olympia-Bauten verrotten weltweit, weil sie nach den Wettbewerben nicht weitergenutzt werden. Unter anderem wurde die Bobbahn von Turin 2006 wegen der zu hohen laufenden Kosten stillgelegt. Deswegen musste jetzt eine neue Bahn gebaut werden. Nachhaltig ist das sicher nicht.
Der Deutsche Bob- und Schlittenverband sieht das erwartbar anders: „Wir sind optimistisch und entspannt, dass wir Lösungen anbieten können“, sagt zum Beispiel BSD-Vorstand Thomas Schwab. Die Debatte habe ihn allerdings noch nicht erreicht. Argumente für eine Streichung zu widerlegen, sei „eine Aufgabe der internationalen Verbände“.
Beim IOC klingt man da schon anders. „Wir müssen ehrlich damit sein, was funktioniert und noch wichtiger, was nicht funktioniert“, hatte zum Beispiel IOC-Präsidentin Kirsty Coventry am Vorabend der Spiele in Italien gesagt – und die nahenden Erschütterungen im Programm bereits angedeutet. Sportarten, Disziplinen und Veranstaltungen müssten „mit neuen Augen“ betrachtet werden, sagte die 42-Jährige: „Wir werden vor schwierigen Entscheidungen und Gesprächen stehen – das gehört zum Wandel dazu.“ Ein weiteres Argument ist dabei tatsächlich auch der immense technische Vorsprung der deutschen Sportler*innen im Bobsport. Coventry sagte bei der Abschluss-Pressekonferenz: Entscheidend sei, „wie global ist eine Sportart? Wie fair ist der Wettbewerb? Ist diese Sportart für alle zugänglich?“ Gerade der letzte Punkt sei wichtig. Denn vier der weltweit 16 international genutzten Eiskanäle stehen in Deutschland.
Zumindest in Punkto Kosten und Nachhaltigkeit hat der BSD dabei einen Lösungsvorschlag: Denkbar sei, so Präsident Schwabl, dass Module im Baukastensystem nach Winterspielen abgebaut und an einem anderen Ort erneut aufgebaut werden könnten, um für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen. An weiteren Innovationen werde gearbeitet.
Die modulare Bauweise wird dabei bei Olympia auch über die Eisbahnen hinaus eifrig diskutiert. Die Olympia-Bewerbung der Region Köln-Rhein-Ruhr für die Sommerspiele ab 2036 fußt zum Beispiel auf der Idee, im Kölner Norden ein temporäres Olympiastadion zu errichten, das nach den Spielen zu einem Wohnquatier umgestaltet werden soll. Um Ideen ist man nicht verlegen – zur Wahrheit gehört aber auch, dass Kostenpläne bei solchen Großprojekten regelmäßig gerissen werden.
Olympia verändert sich. Im Rahmen eines „Fit For The Future“ genannten Prozesses des IOCs befassen sich seit September vergangenen Jahres vier Arbeitsgruppen mit der Zukunft der Olympischen Spiele. Insider Mackay zufolge gebe es bereits eine breite Akzeptanz, dass die Winterspiele von Mailand und Cortina die letzten gewesen sind, bei denen ausschließlich auf Schnee und Eis um Medaillen gekämpft wurde – auch wenn aus den sieben Verbänden, die das Programm derzeit aufstellen, noch Gegenwind komme. Rodeln, Bobfahren und Skeleton könnten dann unter anderem durch Hand- und Volleyball ersetzt werden, heißt es in dem Bericht. Dadurch sollen zum einen die aufgeblähten Sommerspiele, die in Los Angeles 2028 mit Rekordzahlen von 353 Medaillenentscheidungen in 36 Sportarten aufwarten, wieder verschlankt und zum anderen die fast ausschließlich in Nordeuropa, Nordamerika und Ostasien rezipierten Winterspiele für weitere Teile der Welt geöffnet werden.
Und die Argumente dafür sind ja auch nicht schlecht. Aber insgesamt erscheint die Debatte eben doch noch unausgewogen. Olympia darf nicht zu teuer werden, keine zu große Umweltbelastung sein, denn ehrlicherweise widerspricht ja schon das dem Geist der Spiele. Gleichzeitig ist es auch die Aufgabe von Olympia Randsportarten und ihren Sportler*innen eine Bühne zu geben. Den Spagat dazwischen zu finden: schwierig. Neue Bauweisen, mehr Flexibilität im Programm und zunehmende internationale Kooperationen könnten da die bessere Lösung sein. Das Hin- und Hergeschiebe von Sportarten und das Aufgeben von Wettbewerben die schlechtere.
