In Mexiko haben Sicherheitskräfte am 22. Februar 2026 den berüchtigten Drogenboss Nemesio „El Mencho“ Oseguera Cervantes, Anführer des mächtigen Jalisco New Generation Cartel (CJNG), bei einem Großeinsatz im Bundesstaat Jalisco getötet. Er zählte zu den meistgesuchten Drogenhändlern der Welt und war unter anderem wegen des großflächigen Fentanyl- und Kokainhandels Richtung USA gesucht. Die Tötung löste in weiten Teilen Mexikos gewaltsame Reaktionen aus: Unterstützer seines Kartells errichteten Straßensperren, setzten Fahrzeuge und Geschäfte in Brand und griffen Sicherheitskräfte an, was zu zahlreichen Toten, Verletzten und erheblicher Zerstörung führte. Sicherheitsbehörden setzten zusätzliche Truppen ein und warnten vor weiterer Instabilität, da der Machtvakuum im CJNG nun zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Gruppen führen könnte.
Gerade mit Blick auf die Weltmeisterschaft und die geplanten WM-Spiele wird darum nun über die Sicherheitslage in Mexiko diskutiert. DFB-Sportdirektor Rudi Völler schloss allerdings einen Boykott des Turniers aus, „das bringt nichts“. FanLeben.de hat bereits mehrfach über Probleme rund um die WM berichtet, zum Beispiel hier und hier. Heute nehmen wir die aktuelle internationale Nachrichtenlage darum stattdessen zum Anlass, um auf die Rolle von Drogenkartellen im Fußball zu schauen. Konkret geht es um Pablo Escobar und seinen Lieblingsverein – wir reisen nach Kolumbien. Los geht’s!
Als Atlético Nacional 1989 die Copa Libertadores gewann, feierte Medellín einen historischen Triumph. Es war der erste Sieg eines kolumbianischen Vereins im wichtigsten Klubwettbewerb Südamerikas. Doch der Erfolg fiel in eine Epoche, in der Kolumbien von einer Welle beispielloser Gewalt erschüttert wurde – maßgeblich orchestriert von Pablo Escobar, dem Anführer des Medellín-Kartells.
Escobar war der Kopf eines globalen Kokainnetzwerks, das in den 1980er Jahren Milliarden umsetzte. Sein Kartell war verantwortlich für tausende Morde: Richter, Staatsanwälte, Journalisten, Polizisten, Politiker und Zivilist*innen wurden Opfer gezielter Attentate. Autobomben explodierten in Innenstädten, ein Passagierflugzeug wurde 1989 in die Luft gesprengt, Präsidentschaftskandidaten wurden ermordet. Der Terror war strategisch kalkuliert – er sollte den Staat erpressen und die Auslieferung in die USA verhindern.
Doch die Gewalt Escobars war nicht nur politisch, der Drogen-Baron hatte auch privat weder Schmerzgrenze und Unrechtsbewusstsein, keinen Respekt vor dem menschlichen Leben. So soll Escobar den Architekten seiner Villa hingerichtet haben, weil es beim Bau des Anwesens Probleme gab. Einen Bauarbeiter, dem Escobar einen Diebstahl vorwarf, soll er an Händen und Füßen gefesselt und zur Belustigung seiner Gefolgsleute in seinem Pool ertränkt haben.
Nichtsdestoweniger war Escbobar in Medellín, der zweigrößten Stadt Kolumbiens, bei der Bevölkerung beliebt. Er ließ Wohnhäuser bauen, finanzierte Fußballplätze in Armenvierteln und unterstützte lokale Projekte. Diese Wohltaten waren jedoch strategisch: Sie dienten dem Aufbau von Loyalität und Schutz in der Bevölkerung. Gleichzeitig kontrollierte Escboar zahlreiche Medien und war geschickt darin, sich zu vermarkten. Und zu seiner Vermarktung gehörte auch sein Engagement im Fußball.
Bis heute gibt es zwar keine belastbaren Belege, dass Escobar oder sein Bruder Roberto offiziell als Eigentümer oder Präsidenten von Atlético Nacional eingetragen waren. Der Verein wurde also nicht formal „gekauft“. Und dennoch: Escobar finanzierte und kontrollierte den Verein seiner Stadt über Jahre, ermöglichte seinen sportlichen Aufstieg – und alle wussten es.
Und so lief das ab: In den frühen 1980er Jahren begann Geld aus dem Umfeld des Medellín-Kartells in den Klub zu fließen. Die Summen ermöglichten es Nacional, Gehälter zu zahlen, die im kolumbianischen Fußball bis dato zuvor kaum vorstellbar waren. Spieler konnten gehalten werden, obwohl europäische Vereine lockten. Talente wurden durch Investitionen in die Klubinfrastruktur gezielt aufgebaut, professionelle Strukturen so gestärkt. Entscheidungen über Transfers und strategische Ausrichtung profitierten direkt von den neuen finanziellen Spielräumen – Spielräumen, die ohne das Kartell nicht existiert hätten.
Dass dieses Geld aus einem Netzwerk stammte, das mit Drogenhandel Millionen Menschen in die Abhängig trieb, das gleichzeitig Richter ermorden ließ und Autobomben zündete, war in Medellín und im kolumbianischen Fußball insgesamt dabei kein Geheimnis.
Sportlich zahlte sich der Kapitalzufluss aus. Unter Trainer Francisco Maturana entwickelte sich eine Generation herausragender kolumbianischer Spieler – darunter René Higuita, Leonel Álvarez und Andrés Escobar (nicht verwandt mit Pablo Escobar). Die Mannschaft setzte bewusst auf einheimische Akteure und kombinierte technische Qualität mit taktischer Disziplin.
Der Gewinn der Copa Libertadores 1989 markierte den Höhepunkt dieser Entwicklung. Paradox: Für viele Kolumbianer war der Titel ein Moment des nationalen Stolzes in einer Zeit, in der das Land international vor allem mit Drogen und Gewalt assoziiert wurde.
Doch der Triumph war moralisch belastet. Die 1980er Jahre waren im kolumbianischen Fußball von Drohungen, Korruptionsvorwürfen und Einschüchterung geprägt. Denn nicht nur Escobar engagierte sich im Fußball. Mehrere Klubs standen unter dem Einfluss rivalisierender Kartelle. Zu jeder Netflix-Staffel „Narcos“ könnte noch einen Fußball-Ableger produziert werden. Besonders prominent ist neben Atlético Nacional zum Beispiel der Fall von América de Cali, das eng mit dem Cali-Kartell um die Rodríguez-Orejuela-Brüder verbunden war und zwischen 1982 und 1986 fünf Meistertitel in Serie gewann sowie dreimal das Finale der Copa Libertadores erreichte. Fest steht: Auch wenn nicht jeder sportliche Erfolg direkt manipuliert war, entstand ein Klima, in dem Gewalt und Sport nebeneinander existierten. Der Fußball wurde Teil einer Parallelrealität, in der kriminelle Machtstrukturen gesellschaftliche Anerkennung suchten.
Wie gesagt: Escobar und die anderen Kartellführer stießen in ihren Heimatorten nicht nur auf Ablehnung – im Gegenteil. Doch die kolumbianische Gesellschaft war in dieser Frage auch nicht gespalten, es gab eine klare Haltung der Mehrheitsgesellschaft. Die Kolumbianer*innen lehnten die inszenierte Verklärung der Dorgen-Bosse entschieden ab. Für sie waren Escobar und die anderen vor allem Terroristen, deren Kartelle das Land ins Blut stürzte. In dieser Perspektive war auch die Verbindung zu Atlético Nacional kein romantisches Kapitel, sondern ein Beispiel dafür, wie tief kriminelle Strukturen in die Gesellschaft eindrangen.
Und auch international wurde der Erfolg Nacionales häufig mit Skepsis betrachtet. Kolumbiens Fußball galt als von „Narco-Geld“ durchsetzt. Der sportliche Fortschritt stand im Ruf, zumindest teilweise auf illegalen Ressourcen zu beruhen.
1991 endete das Escobar-Kapitel im kolumbianischen Fußball langsam. Er stellte sich den Behörden und wurde in das von ihm selbst errichtete Gefängnis „La Catedral“ überführt, in dem ihm jedoch seine eigenen Leibwächter bewachten, er weiter sein Kartell führen und sogar Auftragsmorde befehlen konnte – ein Symbol für die Schwäche des Staates gegenüber dem Kartellchef. Doch machtpolitisch verlor Escobar in dieser Zeit vor allem auch in der kolumbianischen Unterwelt an Einfluss, andere Kartelle verdrängten ihn zunehmend. Den Staat wollte seine Schwäche nutzen und ihn in ein staatliches Gefängnis verlegen. Daraufhin floh er im Jahr 1992 aus seinem Privat-Knast. Doch am 2. Dezember 1993 wurde Escobar in Medellín von Sicherheitskräften erschossen.
Mit dem Zerfall des Medellín-Kartells versiegten auch jene informellen Geldquellen, die dem Verein zuvor enorme finanzielle Spielräume verschafft hatten. Atlético Nacional musste sich wirtschaftlich neu strukturieren und professionalisieren. Der Klub blieb sportlich bedeutend, doch die Phase nahezu unbegrenzter Mittel war beendet. In den folgenden Jahrzehnten baute Nacional ein moderneres, institutionell stabileres Fundament auf. Spätere Erfolge – darunter ein weiterer Libertadores-Titel 2016 – entstanden in einem völlig anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext.
Wie sehr sich die Haltung des Klubs verändert hat, zeigt dabei auch diese Geschichte, ebenfalls aus dem Jahr 2016: Nachdem am 28. November 2016 bei einem Flugzeugunglück 71 Menschen, darunter 22 Spieler des brasilianischen Fußballvereins und Erstligisten Chapecoense auf dem Weg zum Hinspiel des Finales der Copa Sudamericana gegen eben Atlético Nacional, zu Tode kamen, wurde dieses Spiel am 29. November 2016 vom südamerikanischen Fußballverband abgesagt. Atlético Nacional kündigte unmittelbar nach dem Unglück an, auf den Titel zu verzichten und forderte stattdessen, Chapecoense zum Titelträger der Copa Sudamericana zu küren. Atlético Nacional erhielt hierfür völlig zurecht den Fair-Play-Preis der CONMENBOL.
Auch der Einfluss der Brüder Gilberto Rodríguez Orejuela und Miguel Rodríguez Orejuela auf América de Cali endete schrittweise Mitte der 1990er Jahre mit dem Zusammenbruch des Cali-Kartells. 1995 wurden sie verhaftet, ihr Finanznetzwerk wurde zerschlagen und Vermögenswerte eingefroren. 1999 setzte das US-Finanzministerium América de Cali dann sogar wegen nachgewiesener Verbindungen zum Cali-Kartell auf dieSpecially Designated Nationals List. Dadurch wurden internationale Finanzgeschäfte massiv erschwert, Sponsoren sprangen ab, und der Klub geriet in eine tiefe wirtschaftliche Krise. Der faktische Einfluss der Orejuela-Brüder war damit spätestens nach ihren Verhaftungen beendet; formal und finanziell wurde América erst in den folgenden Jahren mühsam von den Altlasten dieser Ära befreit.
Heute gibt es in der Folge keine belegten Fälle, in denen kolumbianische Drogenkartelle in klarer Form denselben dominanten Einfluss auf Profifußball ausüben wie in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Die großen Kartelle jener Zeit – Medellín und Cali – sind zerfallen, ihre führenden Köpfe tot oder inhaftiert, und die Profivereine operieren heute weitgehend unter professionellen, regulierten Strukturen.
Diese Geschichte ist darum ein Beispiel für die Anfälligkeit wirtschaftlicher Strukturen für Korruption und die Anfälligkeit von Menschen für das Versprechen von Reichtum – auch zu einem unmenschlichen Preis. Doch diese Geschichte zeigt auch, dass sich die Gerechtigkeit durchsetzen und sie auch für den Sport zurückgewonnen werden kann.
Das macht Mut.
