Dass mit Nicole Kumpis bei Eintracht Braunschweig und Barbara Haupenthal beim 1. FC Saarbrücken zwei Frauen an der Spitze von Profifußballvereinen stehen, ist in Deutschland noch immer ein Ausnahmefall. Der interessante Teil der Geschichte liegt aber nicht allein in dieser Seltenheit. Spannender ist, wie es dazu kam. Denn die beiden Wahlen waren keine symbolischen Personalentscheidungen, sondern Antworten auf sehr konkrete Krisen- und Umbruchsituationen in ihren Vereinen.

Braunschweig: Der Wechsel kam aus einer offenen Führungskrise

Bei Eintracht Braunschweig begann alles mit einem Paukenschlag. Auf der ordentlichen Mitgliederversammlung im November 2021 scheiterte der damalige Präsident Christoph Bratmann bei seiner Wiederwahl. Unmittelbar danach zogen auch die übrigen Kandidatinnen und Kandidaten seines Teams ihre Kandidaturen zurück. Damit war der Verein plötzlich ohne neu legitimierte Führung und musste auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung zusteuern. Der Klub selbst beschrieb diese Situation später ausdrücklich so: Bratmann sei nicht wiedergewählt worden, anschließend hätten sich die weiteren Präsidiumskandidaten entschieden, an diesem Abend ebenfalls nicht mehr anzutreten.

Aus diesem Machtvakuum heraus entstand die Kandidatur von Nicole Kumpis. Sie wurde zunächst auf einer Vorstandssitzung zur ersten Vizepräsidentin gewählt und trat dann als neue Präsidentschaftskandidatin an. In der offiziellen Mitteilung des Vereins wurde sie als Vertreterin eines neuen Teams vorgestellt, das mit Begriffen wie Respekt, Wertschätzung, Offenheit, transparente Kommunikation und Leidenschaft für einen anderen Stil werben wollte. Der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Jens-Uwe Freitag sprach damals von einem „starken und verbindenden Zukunftssignal“ für den Traditionsverein.

Dass ihre Wahl mehr war als nur die Kür einer Einzelperson, zeigte schon der Modus. Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung im März 2022 hatten die Mitglieder erstmals in der Vereinsgeschichte die Wahl zwischen zwei vollständigen Teams. Kumpis trat mit dem „Team Roter Löwe“ an, ihr Gegenmodell war das „Team Ditzinger“. Der Verein selbst nannte diese Abstimmung ausdrücklich einen historischen Einschnitt. Nach der Wahl sprach Kumpis davon, dass beide Teams in den Wochen zuvor durch die Abteilungen gegangen seien und viele Gespräche mit Mitgliedern geführt hätten; genau diese Gespräche seien eine große Bereicherung für das Vereinsleben gewesen.

In Braunschweig war ihre Wahl also vor allem das Ergebnis von drei Faktoren: erstens des Scheiterns der bisherigen Führung, zweitens des offensichtlichen Wunsches nach einem anderen Umgangston im Verein und drittens einer Kandidatin, die genau darauf ihr Angebot aufbaute. Dass Kumpis 2022 als erste Präsidentin in der Vereinsgeschichte gewählt wurde, war deshalb zwar historisch, aber nicht der eigentliche Kern der Wahl. Der Kern war: Nach einer konfliktreichen Phase wollten viele Mitglieder eine Figur, die eher moderiert, verbindet und kommuniziert, statt die bestehenden Lager einfach fortzuschreiben.

Diese Lesart wurde durch ihre Wiederwahl bestätigt. Im Januar 2024 wurde Kumpis von den Mitgliedern im Amt bestätigt; laut Vereinsmitteilung dankte sie ausdrücklich für das erneute Vertrauen und kündigte an, die bereits angestoßenen „Projekte und Prozesse im Verein und der Kapitalgesellschaft“ fortzuführen. Parallel dazu setzte sie in der Vereinskommunikation weiter auf Austauschformate. Im Sommer 2024 lud das Präsidium Mitglieder ausdrücklich zu einer Informationsveranstaltung ein, bei der Fragen vorab eingereicht oder vor Ort gestellt werden konnten; Ziel sei es, über aktuelle Themen zu informieren und Fragen zum BTSV und zum Profifußball zu beantworten. Bei der Mitgliederversammlung im Herbst 2024 hob Kumpis erneut hervor, dass der Verein an seiner Kommunikation arbeiten und sich „enger aufstellen“ müsse.

Daran lässt sich auch erkennen, wie Kumpis den Verein prägt. Ihre Präsidentschaft ist weniger mit einer einzelnen spektakulären Strukturreform verbunden als mit einem Führungsstil: stärkerer Dialog mit den Mitgliedern, sichtbare Nähe zu den Abteilungen und der Versuch, den e.V. und die Kapitalgesellschaft nicht als getrennte Welten erscheinen zu lassen. In Interviews hat sie darüber hinaus gesellschaftliche Verantwortung, Nachhaltigkeit und mehr Frauen in Führungsrollen im Fußball thematisiert. Das passt zu dem Bild, das der Verein selbst von ihrer Amtsführung zeichnet: nicht als Präsidentin des lauten Machtworts, sondern als Präsidentin des Austauschs, der Prozesse und des Zusammenführens.

Saarbrücken: Die Wahl war Teil eines Systemwechsels

Beim 1. FC Saarbrücken war die Vorgeschichte anders gelagert. Dort ging es nicht primär um eine offene Führungskrise wie in Braunschweig, sondern um eine tiefere Diskussion über die Struktur des Vereins. Der entscheidende Vorlauf fand im Herbst 2025 statt: Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung wurde eine Satzungsänderung beschlossen. Der Verein wies später selbst darauf hin, dass sich dadurch die gesamte Gremienarchitektur änderte und dass Bewerbungen für Aufsichtsrat, Präsidium, Ehrenrat und Kassenprüfer auf dieser neuen Grundlage eingereicht werden konnten.

Die politische Bedeutung dieser Reform lässt sich an der gemeinsamen Erklärung des Vereins und der Initiative „Zukunft Blau-Schwarz“ ablesen. Dort ist von einer Satzungsänderung die Rede, die von den Mitgliedern „mit großer Mehrheit“ beschlossen worden sei und nun als Chance und Verantwortung verstanden werden müsse. Verein und Initiative betonten gemeinsam, die ordentliche Mitgliederversammlung vom 8. Januar 2026 solle ein starkes, kompetentes und integratives Gremium hervorbringen; zugleich hieß es, Lagerbildung und Machtkämpfe müssten der Vergangenheit angehören, die Antwort könne nur Dialog und Zusammenhalt sein. Schon in dieser Formulierung lag offen, worum es in Saarbrücken ging: nicht bloß um neue Namen, sondern um einen anderen Modus von Vereinsführung.

Vor diesem Hintergrund trat Barbara Haupenthal an. Die offizielle Wahlliste des Vereins zeigt, dass sie gegen Jörg Alt für das Präsidentenamt kandidierte. Dass ihre Kandidatur nicht aus dem Nichts kam, erklärte Haupenthal später selbst in einem ausführlichen Interview: Sie habe „aufgrund der Fan-Initiative zur Satzungsänderung“ kandidiert. Je näher die Mitgliederversammlung gerückt sei, desto klarer sei ihr geworden, dass sie den Mitgliedern, die sich „etwas Neues für unseren Verein wünschen“, ein entsprechendes Angebot machen wolle: mit ihrer blau-schwarzen Vergangenheit, ihrer sportrechtlichen Expertise und ihrem Netzwerk.

Das Profil war dabei ungewöhnlich passgenau. Haupenthal ist ehemalige Spielerin des Vereins, Fachanwältin für Sportrecht und damit eine Figur, die emotionale Bindung und fachliche Professionalität verbinden kann. In dem Interview formulierte sie ihre Kandidatur nicht als symbolische Frauenkandidatur, sondern als konkretes Angebot an die Mitglieder. Bemerkenswert ist auch ihre Beobachtung, dass ihre Bewerbung als Frau im Vereinsumfeld „nie diskutiert“ worden sei; das mache sie stolz. Auch daraus lässt sich ablesen, dass ihre Wahl im Kern weniger als Gender-Ereignis verhandelt wurde als als Ausdruck eines Richtungswechsels.

Die Wahl selbst fand unter außergewöhnlichen Umständen statt. Nach einer rund elfstündigen Mitgliederversammlung wurde Haupenthal erst gegen fünf Uhr morgens zur Präsidentin gewählt. Parallel war bereits der neue, siebenköpfige Aufsichtsrat bestimmt worden. Entscheidend ist aber natürlich weniger die Uhrzeit als die neue Machtverteilung: Durch die Satzungsänderung hat das Präsidium künftig vor allem repräsentative Aufgaben, während der Aufsichtsrat mehr Kompetenzen erhält und als erste große Aufgabe drei hauptamtliche Vorstände für Sport, Finanzen sowie Strategie, Marketing und Vertrieb finden soll.

Wie prägt Haupenthal den Verein seitdem? Sie beschreibt ihre Rolle selbst als überwiegend repräsentativ und formuliert sie inhaltlich sehr deutlich: Es sei ihr wichtig, dem Verein „ein Gesicht zu verleihen und wieder mehr Sichtbarkeit und Nähe zu schaffen“. Die Basis sei in den vergangenen Jahren zu weit von der Vereinsführung weggerückt, deshalb müsse wieder ein Schulterschluss erreicht werden. Sie spricht dabei davon, dass explizit nicht alle stets einer Meinung sein müssten, wohl aber davon, dass Entscheidungen besser erklärt werden müssten, damit sich die Menschen im Verein wieder mitgenommen fühlen.

Diese Linie zeigt sich auch in den Themen, die sie setzt. Haupenthal betont die Bindung zur Fanbasis, beschreibt, dass sie bei Heimspielen bewusst im gesamten Stadion unterwegs ist und den Kontakt sucht, und nennt als Ziel mehr Sichtbarkeit und eine positivere öffentliche Wahrnehmung des FCS. Zugleich hebt sie die Zusammenarbeit mit dem neuen Aufsichtsrat und den Vorständen als kommunikativ gut hervor. Ein besonderes Anliegen ist ihr außerdem die Frauenabteilung des Vereins: Gerade weil sie selbst aus dem Frauenfußball kommt, fordert sie dort mehr Aufmerksamkeit und mehr Sichtbarkeit. Dass die FCS-Frauen ihre Heimspiele inzwischen auch im Ludwigspark austragen, bewertet sie als ersten Schritt in diese Richtung.

Auch die ersten konkreten Maßnahmen nach der Wahl passen zu diesem Bild. Der Verein schrieb die neuen Vorstandspositionen öffentlich aus und bezeichnete das ausdrücklich als Schritt in Richtung Transparenz und Zukunftsfähigkeit. Damit wurde der von den Mitgliedern beschlossene Strukturwandel nicht nur formal bestätigt, sondern praktisch umgesetzt. Haupenthal steht damit bislang weniger für eine einzelne spektakuläre Entscheidung als für eine neue Erzählung des Vereins: mehr Nähe, mehr Erklärbarkeit, mehr institutionelle Klarheit.

Zwei Wahlen, eine Antwort

Gerade im Vergleich wird deutlich, wie ähnlich sich diese beiden Geschichten doch sind. In Braunschweig lautete die Frage: Wer kann einen polarisierten Verein nach einer gescheiterten Wiederwahl wieder zusammenführen? Die Antwort der Mitglieder war Nicole Kumpis. In Saarbrücken lautete die Frage: Wie organisiert man einen Traditionsverein nach einer Satzungsreform neu, damit Macht anders verteilt und Führung professioneller aufgestellt wird? Die Antwort der Mitglieder war Barbara Haupenthal. Den beiden Präsidentinnen wird jeweils eine starke integrative Kraft zugeschrieben, sie wollen Mitsprache fördern und Interessen ausgleichen. Sie stehen weniger für Lautstärke und Macht als für Weitsicht und Tradition. Das stärkt die Vereinsdemokratie in Braunschweig und Saarbrücken, macht den deutschen 50+1-Fußball weiter zukunftsfähig.

Aber zur Wahrheit gehört auch: Ohne Männer, die es im Vorfeld verbockt hätten, wären Kumpis und Haupenthal heute wohl nicht im Amt. Es wäre schade drum.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin