Der FC St. Pauli ist kein gewöhnlicher Verein im deutschen Fußball. Immer wieder versucht der Kiezverein aus dem linken Hamburger Stadtteil auch über den Sport hinaus gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Auch auf FanLeben.de haben wir darüber immer wieder berichtet: Hier zum Beispiel darüber, wie St. Pauli den ersten schwulen Profi-Trainer in Deutschland unterstützt, hier darüber, warum der FC St. Pauli seine Stadionhymne geändert hat, hier ging es um einen Schmipf-Workshop gegen Ableismus, hier um die „inklusive Kurve“, hier um veganes Essen am Millerntor, hier ging es um St. Paulis Kampf gegen Viagogo und hier gleich insgesamt um die Entwicklung des FC St. Pauli zum Kultklub mit dem Totenkopf. Heute aber geht es um einen blinden Fleck am Millerntor: Den Frauenfußball.
Die Frauen des FC St. Pauli spielen seit Jahren drittklassig. Und das mit fallender Tendenz: „Seit Jahren fehlt uns etwas die Konstanz in den Leistungen. Mal ist die Hinserie gut und die Rückrunde schlecht oder umgekehrt“, berichtet Francis Wernecke, Leiterin der Abteilung Frauen- und Mädchenfußball beim FC St. Pauli. „Ich hoffe, dass wir unser Potenzial abrufen können und die Punkte schnell holen.“ Das ist bitter nötig. Denn spielten die Kiezkickerinnen in den letzten Jahren noch um den Aufstieg in die zweite Liga, liegt die Mannschaft aktuell in der Nordstaffel der Regionalliga auf einem Abstiegsplatz. Wieso spielt die Frauenmannschaft des progressivsten deutschen Fußballvereins nicht höherklassig? Wieso tut sie sich so schwer?
16 von 18 Bundesliga-Vereinen der Männer investieren aktuell in ihre Frauenfußballmannschaften. Der FC St. Pauli gehört neben dem 1. FC Heidenheim zu den Ausnahmen. Doch steigt St. Pauli dieses Jahr ab oder wird die Mannschaft nächstes Jahr nicht mindestens Neunter in der Regionalliga, würde dies das Verpassen der neuen dritten Liga bedeuten, die 2027 auch im Frauenfußball eingeführt wird. Die Zeit drängt also. „Der FC St. Pauli möchte selbstverständlich den Fußball für Frauen und Mädchen fördern“, heißt es in einer Stellungnahme der Hamburger auf Anfrage des Tagesspiegels, der ebenfalls über dieses Thema berichtet. Man unterstütze die Abteilung bereits, grundlegende Rahmenbedingungen würden die Situation allerdings entscheidend erschweren, heißt es. Konkret bezieht sich der Verein dabei ausgerechnet auf seine Struktur als eingetragener Verein mit mehr als 20 Sport treibenden Amateurabteilungen. Die Frauen- und Mädchenabteilung ist eine davon. Die Profimannschaft der Männer bildet dagegen einen eigenen Bereich innerhalb des e. V. Querfinanzierungen seien da erschwert. „Das Gute daran ist die Freiheit in unseren Entscheidungen, wie wir den Weg für Frauen im Fußball bei St. Pauli gehen wollen“, verteidigt Abteilungsleiterin Wernecke.
Immerhin: Wernecke kann ihr Amt seit dem 1. April hauptberuflich ausüben. Gleiches gilt bislang nicht für Trainerinnen und Trainer sowie die Athletik- und Physioabteilung. „Die besonderen Herausforderungen beim FC St. Pauli stellen uns vor die Aufgabe, im Fußball der Frauen, genauso wie in allen anderen Bereichen, andere Wege zu gehen. Eine reine Querfinanzierung durch den Fußball der Herren ist bei uns nicht möglich“, sagt Vizepräsidentin Luise Gottberg. Zu gering seien auch dort die finanziellen Mittel. Auch prominente Sponsoren wie Levis oder Smart schmücken sich zwar gerne mit dem Image des Vereins, investieren aber nicht genug, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen. Darunter leidet auch die Infrastruktur: „Seit letztem Sommer spielen wir auch auf einem Ascheplatz, um die Feldstraße zu entlasten und weil einige Rasenplätze in der Stadt kein Flutlicht haben“, sagt Wernecke. „Das ist natürlich nicht das, was man den Mädels und Frauen präsentieren möchte, aber es gibt Pläne, daraus möglichst bald einen Kunstrasenplatz zu machen.“ Auch bei den Bauplänen für das Trainingszentrum an der Kollaustraße, wo auch die Männer zu Hause sind und dessen Ausbau sich schon seit Jahren hinzieht, wurden die Frauen nicht mitbedacht. Im Sommer sollen dem Verein zufolge nach Modernisierungsarbeiten weitere Flächen nutzbar sein und sich die Situation „spürbar verbessern“.
Darunter leidet natürlich auch die Nachwuchsförderung: Zwar hat der Verein erstmals doppelte U13- und U15-Teams, doch für eine doppelte U17 fehlen schlicht die Plätze. „Das haut einfach nicht hin“, sagt Wernecke – weder bei den Trainingsflächen noch bei den Spielzeiten. „Aber bei den Mädchen in dem Alter stellt sich natürlich die Frage, ob sie noch den Schritt in den professionellen Fußball gehen können. Sie können nicht warten, bis wir in zwei Jahren vielleicht so weit sind. Wir wissen natürlich, dass sich um uns herum alles weiterentwickelt. Da müssen wir aufpassen, dass wir nicht abgehängt werden.“
Der FC St. Pauli hat für sein Stadion und die dazugehörige Infrastruktur eine Genossenschaft gegründet. Auch der FC Union Berlin schafft es genauso wie der FSV Mainz 05 den Frauenfußball aus eigener Kraft als eingetragener Verein nachhaltig weiterzuentwickeln. Wieso gerade der FC St. Pauli es nicht hinbekommt, Synergien zu heben, bleibt ein Rätsel. Und wird vielleicht ja bald mal Thema in der demokratischen Selbstorganisation des Vereins.
