mmer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheimim zweiten Teil folgte Bursasporim dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesdayim sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderersim achten beschäftigten wir uns mit Manchester Unitedim neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoenseim zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrzeim elften ging es darum, wie Fans den ältesten Fußballvereins Bulgariens zurückkauftenim zwölften ging es um die Rückkehr von Coventry in die Premier Leage, im 13. verabschiedeten wir uns von einem der bedeutensten Vereine des Frauenfußballs und im 14. um Leichester City. Heute schauen wir kurz vor dem Champions-League-Finale mal wieder gen Osten. Los geht’s!

Es gibt nur zwei Vereine aus dem ehemaligen Ostblock, die jemals den Europapokal der Landesmeister gewonnen haben – den Vorgänger der heutigen Champions League: Roter Stern Belgrad und Steua Bukarest, beziehungsweise das historische CSA Steaua București. Diese Präzisierung wird gleich noch wichtig. Aber erstmal: Beide Klubs entstanden als Prestigeprojekte sowjetischer Staaten, beide dominierten ihre nationalen Ligen über Jahrzehnte, und beide entwickelten sich weit über den Fußball hinaus zu politischen und kulturellen Symbolen ihrer Länder. Doch während Roter Stern Belgrad heute als ungebrochener nationaler Mythos Serbiens erscheint, ist Steaua Bukarest in einen bizarren Kampf um Identität, Eigentum und Geschichte zerfallen. Aber der Reihe nach.

Steaua gewann 1986 als erster osteuropäischer Verein überhaupt den Europapokal der Landesmeister. Im Finale von Sevilla besiegten die Rumänen den FC Barcelona im Elfmeterschießen; Torwart Helmuth Duckadam hielt dabei alle vier Elfmeter der Katalanen und wurde zur Legende. Schon kurz darauf musste er seine sportliche Karriere gesundheitsbedingt beenden, wirkte dafür aber noch über viele Jahre als Repräsentant des Klubs. Drei Jahre später erreichte Steaua erneut das Finale und gehörte damit endgültig zur europäischen Elite der späten 1980er Jahre. Der Klub war damals der Fußballverein der rumänischen Armee und eng mit dem Ceaușescu-Regime verbunden, insbesondere mit Valentin Ceaușescu, dem Sohn des Diktators. In Rumänien entwickelte sich Steaua dabei zum dominierenden Verein des Landes und gewann Meisterschaften beinahe im Akkord.

Doch die Geschichte des Vereins wurde nach dem Ende des Kommunismus zunehmend chaotisch. Wie viele osteuropäische Staatsvereine musste auch Steaua privatisiert werden. Ende der 1990er Jahre wurde die Fußballabteilung aus dem Armeesportklub ausgelagert; aus dieser Struktur entstand später der Verein, der heute als FC Steaua Bukarest bekannt ist und unter die Kontrolle des Unternehmers und Politikers Gigi Becali steht. Jahrzehntelang galt sein Klub allgemein als direkter Nachfolger des historischen Steaua. Doch die rumänische Armee, die ihrerseits eine neue Fußball-Sparte im Vorgänger-Klub aufbaute, argumentierte später erfolgreich vor Gericht, dass Becalis Verein nie rechtmäßig die Rechte an Name und Wappen übernommen habe.

Die Folgen waren einzigartig im europäischen Fußball: Der Erstligist musste 2017 seinen Namen von „Steaua București“ in „FCSB“ ändern und verlor offiziell das historische Vereinslogo. Denn zuvor gründete das Verteidigungsministerium wie gesagt eben ein neues Fußballteam als weiteren Nachfolgeklub Steauas unter dem alten Namen CSA Steaua București, das in den unteren Ligen neu begann. Seither existieren also zwei „Steauas“: das populäre, erstklassige und privat geführte FCSB unter Becali – und das militärische CSA Steaua, das zwar Name und historische Symbole besitzt, heute aber nur zweitklassig spielt. Und die sportlichen Erfolge? Rumänische Gerichte sprachen dem Armeeklub CSA Steaua in mehreren Verfahren Rechte an Name, Logo und Teilen der historischen Vereinshistorie zu. Die Frage, welcher Klub als rechtmäßiger sportlicher Nachfolger des Europapokalsiegers von 1986 gilt, bleibt jedoch bis heute umstritten.

Diese Spaltung hat den rumänischen Fußball tief verändert. Die Fanszene zerfiel in rivalisierende Lager: Viele traditionelle Ultras boykottieren den FCSB und unterstützen stattdessen CSA Steaua. Andere betrachten FCSB trotz des verlorenen Namens weiterhin als „das echte Steaua“, weil dort die sportliche Kontinuität ununterbrochen fortlebte. Kaum ein anderer Verein Europas führt heute einen derart existenziellen Kampf um die eigene Identität.

Während Bukarest juristisch und emotional auseinandergebrochen ist, blieb Roter Stern Belgrad ein weitgehend geschlossener Kosmos. Der serbische Rekordmeister gewann 1991 den Europapokal der Landesmeister gegen Olympique Marseille im Elfmeterschießen und anschließend auch den Weltpokal gegen das legendäre Colo-Colo aus Chile. Bis heute ist Roter Stern damit der einzige Verein Südosteuropas, der sowohl Europas wichtigsten Vereinswettbewerb als auch den Weltpokal als Vorläufer der heutigen Klub-WM gewann. Die Mannschaft von 1991 – mit Spielern wie Dejan Savićević, Robert Prosinečki, Siniša Mihajlović und Darko Pančev – gilt bis heute als eine der größten Teams der osteuropäischen Fußballgeschichte.

Doch anders als Steaua ist Roter Stern nicht nur ein Fußballverein geblieben, sondern wurde zu einem Symbol serbischer Nationalidentität. Die Ultras „Delije“ zählen zu den berüchtigtsten Fanszenen Europas: ultranationalistisch, orthodox geprägt, massiv politisiert und historisch eng mit den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien verbunden. Teile der Szene standen in direkter Verbindung zu paramilitärischen Gruppen um den Kriegsverbrecher Željko „Arkan“ Ražnatović. Roter Stern verkörpert deshalb bis heute nicht nur Sport, sondern auch die traumatische Geschichte Serbiens in den 1990er Jahren.

Und so unterscheiden sich beide Vereine trotz ähnlicher Wurzeln heute deutlich in ihrer politischen Wirkung: Roter Stern ist heute de Facto ein staatsnaher Nationalklub Serbiens, eng verflochten mit politischen und wirtschaftlichen Eliten rund um Präsident Aleksandar Vučić. Der serbische Präsident steht seit Jahren in der Kritik: wegen autoritärer Tendenzen, des Umgangs mit unabhängigen Medien und Opposition, enger Beziehungen zu Russland sowie nationalistischer Rhetorik im Umgang mit Kosovo und den Nachbarstaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Die Beziehungen zwischen Serbien und der EU sind daher auch seit Jahren massiv unterkühlt. In diesem politischen Klima erscheint auch Roter Stern vielen Beobachter*innen weniger als bloßer Fußballverein denn als Teil eines nationalen Prestige- und Identitätsprojekts der heutigen Politik Serbiens. Der FCSB dagegen ist fast vollständig auf die Persönlichkeit beziehungsweise das Prestige seines Eigentümers Gigi Becali zugeschnitten – eines exzentrischen Milliardärs, Rechtspopulisten und Dauerprovokateurs, der öffentlich über Trainerentscheidungen und Aufstellungen spricht und den Verein wie ein persönliches Spielzeug führt. Auch Becali ist also menschlich wie politisch hochgeradig fragwürdig, wenn auch in einer gesellschaftlich anderen Dimension.

Trotz aller Unterschiede verbindet beide Vereine etwas Einzigartiges: Sie bleiben die letzten Zeugnisse einer verschwundenen Fußballwelt. Die Europapokalsiege von Steaua 1986 und Roter Stern 1991 markieren rückblickend den Höhepunkt des osteuropäischen Klubfußballs kurz vor dem politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch des Ostblocks. Seitdem hat kein Verein aus dem ehemaligen sowjetischen Osteuropa die Champions League mehr gewonnen – und vermutlich wird es auf absehbare Zeit auch keinem mehr gelingen.

Steaua und Roter Stern kommen aus einer schwierigen politischen Tradition – und sind bis heute nicht nur Fußballklubs, sondern immer noch auch Spielball politischer Interessen. Nicht nur im Management, sondern leider auch auf den Rängen. Das hier war keine Erfolgsgeschichte des Fußballs. Aber eine, die spannend, wichtig und darum erzählenswert ist.

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Von admin