Eigentlich sah gestern Abend alles schon nach der Meisterschaft aus. Nach einem spannenden Spielverlauf stand es kurz vor Schluss im 317. tschechischen Derby zwischen Slavia und Sparta Prag nämlich 3:2 für Slavia – den Tabellenführer. Konkret hatte Slavia dabei durch Oscar (31. Minute), Stepan Chaloupek (52.) und David Zima (53.) zwei Rückstände durch Jan Kuchta (22.) und Asger Sörensen (47.) wettgemacht und das Spiel so gedreht. Also alles auf Kurs – bis in die Nachspielzeit. „Drei, vier Minuten trennten uns von den Meisterfeierlichkeiten, ich glaube, die Spieler hätten das geschafft“, war deswegen auch Slavia-Präsident Jaroslav Tvrdik nach der Partie überzeugt. „Stattdessen ist es wohl die größte Schande, die ich in elf Jahren im Verein erlebt habe.“
Was war passiert? Nachdem in der 59. Spielminute bereits Slavias Thomas Chorny vom Platz gefolgen war, sah in der 93. Minute auch noch sein Teamkollege David Doudera die Rote Karte. Zahlreiche Anhänger*innen Slavias rannten daraufhin mit Bengalos in der Hand auf den Platz. Pyrotechnik wurde sogar vom Rasen auf die Plätze der Sparta-Fans geworfen. Auch mehrere Spieler von Sparta Prag sollen von den Slavia-Fans angegriffen worden sein. Sparta wiederum drängte deswegen auf einen Spielabbruch. Wohl zurecht, wie auch Tvrdik einräumen musste: „Als ich mit unseren Spielern sprach, sagten sie, wenn uns bei ihnen etwas Ähnliches passiert wäre, hätten wir uns genauso verhalten. Wir können keine mildernden Umstände für uns geltend machen. Wir können uns nur entschuldigen.“
Wie es nach dem Spielabbruch nun weitergeht, ist noch unklar. Wahrscheinlich aber ist, dass Sparta den Sieg nun am Grünen Tisch zugesprochen bekommen wird. Die Meisterschaft Slavias würde damit aufgeschoben. „Es ist zu erwarten, dass das Spiel zu unseren Ungunsten gewertet wird“, sagt auch Slavia-Präsident Tvrdik. Der Ligaverband teilte in einer Stellungnahme in der Tat bereits mit, dass das Verhalten der Slavia Fans, einen völlig inakzeptablen Vorfall darstellt. „Körperliche Angriffe auf Spieler, Mitglieder der Trainerstäbe oder andere am Spiel beteiligte Personen stellen eine Überschreitung einer Grenze dar, von der wir überzeugt waren, dass sie im tschechischen Profifußball nicht vorkommen kann“, hieß es. Ein solches Verhalten werde unter keinen Umständen toleriert und schade dem gesamten tschechischen Fußball. „Weder eine emotional aufgeladene Atmosphäre noch sportliche Rivalität können jemals als Entschuldigung für ein solches Verhalten dienen.“ Gegen Slavia spricht auch, dass sie Gastgeber des Spiels – und damit für die Sicherheit im Stadion verantwortlich – waren.
Zusammen prägen Slavia und Sparta Prag übrigens seit über hundert Jahren die sportliche Kultur des Landes, dominieren große Teile der nationalen Meisterschaftsgeschichte und besitzen die emotional mit Abstand wichtigsten Fanszenen Tschechiens – weswegen die Prager Derbys in der Tat immer auch polarisieren.
Schauen wir es uns an:
Slavia wurde 1892 gegründet und verstand sich früh als Verein des gebildeten Bürgertums und der national-tschechischen Intelligenz. Der Klub war eng mit dem akademischen und kulturellen Milieu des Stadtteils Vinohrady verbunden und entwickelte schon vor dem Ersten Weltkrieg eine große symbolische Bedeutung für die tschechische Nationalbewegung innerhalb Österreich-Ungarns. Sportlich war Slavia besonders in der Zwischenkriegszeit eine europäische Größe. Die berühmte Mannschaft um Josef Bican dominierte den tschechoslowakischen Fußball der 1930er und 1940er Jahre; Bican selbst zählt statistisch zu den erfolgreichsten Torjägern der Fußballgeschichte. Nach dem Kommunismus geriet Slavia allerdings mehrfach in finanzielle Krisen und stand zeitweise kurz vor dem sportlichen Kollaps. Erst der Einstieg chinesischer Investoren ab den 2010er Jahren – zunächst CEFC, später der staatsnahe CITIC-Konzern – stabilisierte den Verein dauerhaft. Heute ist Slavia wieder ein regelmäßig international auftretender Klub mit moderner Infrastruktur und professioneller Nachwuchsarbeit. Die prägende Figur im Hintergrund ist Jaroslav Tvrdík, ehemaliger Verteidigungsminister und bestens in Politik und Wirtschaft vernetzt.
Sparta hingegen entstand 1893 und entwickelte sich früh zum populäreren und erfolgreicheren Massenverein. Historisch war Sparta stärker mit der Arbeiter- und unteren Mittelschicht verbunden und kultivierte früh das Image des kämpferischen, pragmatischen Siegerklubs. Bereits in den 1920er Jahren galt Sparta als einer der stärksten Vereine Europas; die legendäre „Eiserne Sparta“ dominierte den mitteleuropäischen Fußball. Insgesamt ist Sparta bis heute der erfolgreichste Klub Tschechiens und der ehemaligen Tschechoslowakei, mit den meisten Meisterschaften und einer langen europäischen Tradition. Auch nach 1989 blieb Sparta lange die nationale Nummer eins und profitierte wirtschaftlich von der Unterstützung des Milliardärs Daniel Křetínský, einem der mächtigsten Unternehmer Mitteleuropas. Unter ihm wurde der Klub infrastrukturell modernisiert und stärker nach wirtschaftlichen Prinzipien geführt. Sparta wirkt deshalb heute eher wie ein klassischer Spitzenverein im Besitz eines reichen Investors: professionell, wirtschaftsliberal und stark auf internationalen Wettbewerb ausgerichtet. Beide Vereine sind also nicht als Mitgliedervereine organisiert.
Die Unterschiede zwischen beiden Vereinen zeigen sich besonders deutlich in ihren Fanszenen. Die Anhänger Spartas gelten traditionell als rauer, aggressiver und hooligangeprägter. Teile der aktiven Kurve waren über Jahrzehnte für nationalistische, rechtsradikale und rassistische Tendenzen bekannt; immer wieder kam es zu antisemitischen Gesängen gegen Slavia sowie zu UEFA-Strafen wegen diskriminierenden Verhaltens. Gleichzeitig besteht die Sparta-Fanszene keineswegs nur aus extremen Gruppen – der Verein besitzt auch eine große unpolitische und familienorientierte Anhängerschaft. Dennoch haftet Sparta bis heute das Image des „härteren“ und stärker rechts geprägten Klubs an.
Die aktive Szene von Slavia rund um die „Tribuna Sever“ wird dagegen eher mit moderner Ultraskultur, aufwendigen Choreografien und urbanem Milieu verbunden. Politisch ist sie weniger eindeutig rechts konnotiert als die Spartaszene, allerdings ebenfalls nicht klar antifaschistisch oder links. Nationalistische Tendenzen existieren auch dort, sichtbar etwa in der breiten Solidarität vieler Slavia-Fans mit Ondřej Kúdela nach dessen Rassismus-Eklat gegen Glen Kamara 2021. Insgesamt gilt Slavia aber als etwas weniger hooligandominiert und stärker ultrasorientiert. Sportlich läuft es aber meist etwas schlechter als bei Sparta.
Nichtsdestoweniger sieht es für Slavia Prag im diesjährigen Meisterrennen gut aus. Fünf Punkte Vorsprung hat die Mannschaft bei noch zwei zu absolvierenden Spielen. Gehen die drei Punkte aus der Derby wirklich an Sparta wären es immerhin noch zwei Punkte bei zwei Spielen. Sollte die Meisterschaft dieses Jahr also wirklich an Slavia gehen, dann aber hoffentlich mit schöneren und faireren Bildern als denen gestern Abend.
