Eine neue Serie auf FanLeben.de: Wir stellen Vereine aus aller Welt vor. Zufällig, aber mit spannenden Hintergrundwissen. Die Serie begann bei Atletico Lusaka in Sambia, es folgte der Club Atlético Pantoja aus der Dominkanischen Republik und geht heute im nördlichsten Norwegen weiter.
Wenn in Tromsø ein Heimspiel angepfiffen wird, ist vieles anders als im europäischen Fußballalltag. Manchmal liegt Schnee auf den Tribünen. Manchmal beginnt das Spiel unter einem violetten Abendhimmel um drei Uhr nachmittags. Dafür kann es im Sommer passieren, dass die Sonne selbst um Mitternacht nicht untergeht.
Tromsø liegt rund 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Die Stadt gilt als „Tor zur Arktis“, umgeben von Fjorden, Bergen und dem Nordmeer. Im Sommer wird es hier nicht wärmer als 15 Grad, im Winter hat es hier nahezu immer Minusgrade. Hier spielt Tromsø IL – einer der nördlichsten professionellen Fußballvereine der Welt und der nördlichste dauerhaft etablierte Klub in einer nationalen Topliga.
Schon die Reise zu einem Auswärtsspiel zeigt, was es bedeutet, Fan dieses Vereins zu sein. Norwegen ist langgezogen, die Distanzen im Norden sind enorm. Für viele Fans bedeuten Fahrten nach Oslo, Bergen oder Trondheim stundenlange Flüge oder mehrtägige Reisen mit Auto und Fähre. Fußballsupport wird hier schnell zu einer logistischen Expedition.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist die Bindung zwischen Verein und Anhängern außergewöhnlich stark.
Die offizielle Fangruppe „Isberget“ („Der Eisberg“) wurde vor der Saison 1996 gegründet. Ihre Mitglieder leben längst nicht nur in Tromsø selbst. Besonders bekannt ist die Untergruppe „Isberget Sør“, die Auswärtsfahrten im Süden Norwegens organisiert.
Die Fanszene ist geprägt von nordnorwegische Gelassenheit, enge Gemeinschaft und ein starkes Regionalgefühl die Atmosphäre. Doch gerade bei Spielen gegen FK Bodø/Glimt verändert sich die Stimmung. Das Derby zwischen Tromsø und Bodø/Glimt ist mehr als nur Sport – es ist ein Duell zweier Städte, zweier Identitäten und eines ganzen Landesteils, der sich historisch oft vom Süden Norwegens übersehen fühlte. Gleichwohl verfügt Tromsø eben auch über eine aktive Ultraszene, die gößer und sichtbarer ist als in vielen anderen, auch bekannteren Stadien Norwegens. Es gibt regelmäßig Chores, etablierte Gesänge und polisitsche Botschaften – „Isberget“ definiert sich dabei als traditionsbewusst, anti-rassistisch und familienfreundlich.
Doch vor allem die Außenseiterrolle gehört tief zur Geschichte des Vereins.
Tromsø IL wurde am 15. September 1920 gegründet. Der Verein entstand aus dem Umfeld des Turnvereins Tromsø Turnforening. In den frühen Jahrzehnten waren Vereine aus Nordnorwegen vom nationalen Meisterschaftssystem ausgeschlossen und erst ab den 1960er-Jahren schrittweise vollständig integriert. Für Klubs wie Tromsø bedeutete das jahrzehntelang sportliche Isolation.
Deshalb gewann der sogenannte Nordnorwegische Pokal enorme Bedeutung. Tromsø IL gewann diesen Wettbewerb 1931, 1949 und 1956 – Erfolge, die im Norden fast denselben Stellenwert hatten wie nationale Titel. Erst 1972 wurden Vereine aus Nordnorwegen vollständig in das norwegische Ligasystem integriert.
Bis heute ist dieses Gefühl geblieben, sich als Außenseiter, vielleicht als immer noch ungewollter Außenseiter behaupten zu müssen.
Wer an einem Spieltag zur heutigen Romssa Arena läuft – bis 2023 als Alfheim Stadion bekannt –, spürt schnell, wie eng Verein und Stadt miteinander verbunden sind. Das Stadion liegt zwischen Wohnhäusern und verschneiten Straßen. Viele Zuschauer*innen kommen direkt von der Arbeit oder der Universität. Viele ältere Fans erinnern sich noch an die 1980er-Jahre, als sich Tromsø schnell dauerhaft in Norwegens höchster Liga etablierte.
Besonders eindrucksvoll sind späte Herbstspiele nahe der Polarnacht oder Partien während der Mitternachtssonne. In weiten Teilen Europas wird Fußball mit Flutlicht und Abenddämmerung verbunden. In Tromsø dagegen verschwimmen die Jahreszeiten mit dem Spiel selbst. Während im Winter nur wenige Stunden Tageslicht bleiben, wird selbst ein spätes Abendspiel im Juni noch von hellem Sonnenlicht begleitet. Bilder solcher Spiele sorgen immer wieder international für Aufmerksamkeit in sozialen Medien.
Der Fußball wird dadurch fast zu etwas Elementarem: nicht nur Unterhaltung, sondern ein Gegenpol zur Isolation des arktischen Winters.
Vielleicht erklärt genau das die besondere Treue vieler Tromsø-Fans. Der Verein ist hier nicht bloß ein Wochenendhobby. Er ist ein Symbol dafür, dass selbst weit oberhalb des Polarkreises professioneller Fußball möglich ist – trotz Dunkelheit, Kälte und geografischer Abgeschiedenheit bringt er Identität und Gemeinschaft, schafft Sichtbarkeit für eine ganze Region und ihre beeindruckende Vielfalt.
Trotz? Eher gerade deswegen.
