Yukhym Konoplya steht vor einem Wechsel zu Borussia Mönchengladbach. Der Vertrag des ukrainischen Rechtsverteidigers bei Shakhtar Donezk läuft aus – allerdings erst im September, weswegen sich Gladbach und der ukrainische Top-Klub darauf verständigt haben, dass Konoplya zwar ablösefrei wechseln darf, Shakhtar aber mit 50% bei einem möglichen Weiterverkauf beteiligt würde. Für die Borussia ist das ein wichtiger Transfer: Mit Joe Scally, der wiederum schon länger mit einem Wechsel nach England liebäugelt und dessen Vertrag im nächsten Sommer ausläuft, steht nur ein Rechtsverteidiger im Profi-Kader. Mit dem ukrainischen Nationalspieler Konoplya bekommt man also schnell und mit wenig Risiko mehr Tiefe in den Kader und das eben auch ohne den Etat für die Mannschaftsentwicklung früh arg zu belasten. Für FanLeben.de ist der Transfer aber auch ein Anlass, um mal in die Ukraine zu schauen, auf Shakhtar Donezk und die Entwicklung, die der Verein in den letzten Jahren genommen hat. Los gehts.
Shakhtar Donezk war bis zum Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine vor vier Jahren der Stolz des Donbass, Prestigeprojekt des reichsten Mannes der Ukraine und Symbol einer russischsprachigen Industrieregion, die sich gleichzeitig als modern, globalisiert und europäisch verstand. Heute spielt Shakhtar seit über einem Jahrzehnt faktisch im Exil. Die Geschichte des Vereins erzählt deshalb längst nicht mehr nur von Fußball, sondern auch von oligarchischer Macht, regionalen Identitäten, Krieg und dem Wandel der Ukraine seit 2014. Aber der Reihe nach.
Shakhtar entstand 1936 im sowjetischen Donbass, einer Region, die jahrzehntelang von Bergbau, Schwerindustrie und Stahlproduktion geprägt war. Der Spitzname „Die Bergleute“ verweist bis heute auf diese Herkunft. Sportlich stand der Verein lange im Schatten von Dynamo Kyiv, dem traditionellen Machtzentrum des ukrainischen Fußballs. Erst mit dem Aufstieg des Oligarchen Rinat Akhmetov begann Mitte der 1990er Jahre der Wandel zum europäischen Spitzenverein. Akhmetov übernahm schrittweise die Kontrolle über den Klub in einer Zeit, in der die postsowjetische Ukraine von Privatisierungskämpfen, mafiösen Strukturen und dem Aufstieg regionaler Wirtschaftseliten geprägt war. Der Donbass entwickelte sich damals zu einem der wichtigsten Wirtschafts- und damit Machtzentren der Ukraine. Und Akhmetov wurde zur zentralen Figur des sogenannten „Donezker Clans“, eines Netzwerks aus Industrie, Politik, Medien und regionaler Patronage.
Shakhtar war dabei weit mehr als ein Fußballverein. Der Klub wurde zum Symbol wirtschaftlicher und politischer Macht im Osten der Ukraine. Unter Akhmetov professionalisierte sich Shakhtar dabei radikal. Der Verein investierte in moderne Infrastruktur, internationale Scouts und eine eindeutige Talentpolitik. Besonders prägend wurde die Verpflichtung junger brasilianischer Spieler, die im Donbass weiterentwickelt und später mit großem Gewinn nach Westeuropa verkauft wurden. Spieler wie Fernandinho, Willian, Douglas Costa oder Luiz Adriano machten Shakhtar international sichtbar. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war der UEFA-Cup-Sieg 2009 gegen Werder Bremen. Mit der Donbas Arena entstand zudem eines der modernsten Stadien Europas. Der Verein wirkte plötzlich wie ein Symbol dafür, dass der Donbass modern, reich und international anschlussfähig sein wollte.
Politisch war Akhmetovs Rolle jedoch deutlich komplizierter, als es diese Entwicklungen vermuten lassen. Unter anderem war er russischsprachig, tief im Donbass verwurzelt und eng mit der Seperatisten-nahen „Partei der Regionen“ des damaligen Präsident Viktor Janukowitsch verbunden. Dennoch war er nie ideologischer Putinist beziehungsweise überzeugter Separatist. Sein eigentliches Interesse galt wirtschaftlicher Stabilität und kontrollierbaren politischen Verhältnissen. Sein Imperium basierte auf funktionierenden Eigentumsrechten, internationalem Handel und einer berechenbaren ukrainischen Staatlichkeit. Hinzu kam, dass Putins Russland unabhängige regionale Machtzentren grundsätzlich ablehnend betrachtet. Das russische System toleriert Oligarchen nur, solange sie politisch loyal und vollständig abhängig bleiben. Akhmetov war dafür zu mächtig und zu eigenständig. Sein Verhältnis zu Moskau war deshalb eher pragmatisch als ideologisch.
Seine Abgrenzung zum organisierten Seperatismus hatte also vor allem auch wirtschaftliche Interessen: Ein unkontrollierter Krieg oder ein isolierter Separatistenstaat hätten schließlich sein Geschäftsmodell zerstört. Genau deshalb unterstützte Akhmetov 2014 weder die prorussischen Separatisten noch offen den Kreml. Gleichwohl engagierte sich Akhmetov auch als Medienunternehmer und finanzierte auch pro-russische Fernsehsender im Donbass, prägte damit ideologisch ein Ukraine-skeptisches Bild in der Gesellschaft.
Erst mit dem Krieg im Donbass begann für Shakhtar und seinen Eigentümer der eigentliche Bruch. Der Verein musste Donezk 2014 verlassen und verlor faktisch seine Heimat. Seitdem spielte Shakhtar in Lwiw, Charkiw und Kyiv, internationale Spiele fanden häufig in Polen statt. Die Donbas Arena wurde beschädigt und konnte seit 2014 nicht mehr regulär genutzt werden. Zeitweise diente sie als humanitäres Zentrum. Der Verein verwandelte sich dadurch in einen Spitzenklub ohne Stadt und ohne echtes Zuhause. Diese Entwurzelung veränderte auch die Identität des Vereins. Früher stand Shakhtar vor allem für den Donbass und die russischsprachige Ostukraine. Seit 2014 entwickelte sich der Klub zunehmend zu einem Symbol ukrainischer Resilienz. Besonders seit der russischen Vollinvasion 2022 hat sich diese Entwicklung nochmals radikal beschleunigt.
Der Angriff Russlands traf dabei aber auch Akhmetovs gesamtes Wirtschaftsmodell. Industrieanlagen wurden zerstört, Stahlwerke gingen verloren und Teile seines wirtschaftlichen Machtzentrums brachen weg.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte aber auch vor dem Krieg bereits damit begonnen, die Macht der Oligarchen systematisch zu begrenzen. Das sogenannte Anti-Oligarchen-Gesetz von 2021 sollte den politischen Einfluss großer Unternehmer einschränken. Wer nach dem neuen Gesetz als Oligarch eingestuft wurde, musste mit politischen Einschränkungen, erheblichem Reputationsverlust und schlechteren wirtschaftlichen Möglichkeiten – wie ein Anschluss von Privatisierungen und strengeren Regeln für ausländische Investitionen – rechnen. Das wollte Akhmetov wenig überraschend für sich verhindern. Der einfachste Weg dafür, war der Ausstieg aus dem Mediengeschäft, da Medienbeteiligungen ein zentraler Einstufungsgrund als Oligarch waren. Und Akhmetovs „Media Group Ukraine“ umfasste ja wie bereits erwähnt Fernsehsender, Nachrichtenseiten und Sportsender. 2022 gab Akhmetov darum große Teile dieses Medienimperiums auf und die Rundfunklizenzen an den Staat zurück. Offiziell begründete er diesen Schritt damit, nicht als Oligarch registriert werden zu wollen. Tatsächlich markierte dieser Vorgang symbolisch den Niedergang der alten ukrainischen Oligarchenordnung, die das Land jahrzehntelang geprägt hatte.
Auch Shakhtar selbst musste sich nach 2022 erneut neu erfinden. Viele ausländische Spieler verließen aufgrund von FIFA-Sonderregelungen den Verein, Einnahmen brachen weg und Spiele mussten unter Luftalarm stattfinden. Dennoch blieb Shakhtar sportlich konkurrenzfähig. Der Verein gewann weiterhin Titel, qualifizierte sich regelmäßig für internationale Wettbewerbe und versucht bis heute, seine Rolle als global sichtbares Symbol ukrainischer Widerstandsfähigkeit zu nutzen. Internationale Spiele trug Shakhtar zweitweise im Volksparkstadion in Hamburg aus, heute meist in Polen.
Und Akhmetov wandelte sich zu einem Unterstützer der Selensky-Regierung. Der Unternehmer stellte seine Einrichtungen dem ukrainischen Militär zur Verfügung, spendete an Hilfsorganisationen für Soldaten und positionierte sich öffentlich mehr als eindeutig für die territoriale Integrität der Ukraine. Seine Entwicklung zeigt: Vieles ist komplexer, brüchiger als es im ersten Moment den Eindruck macht. Und doch gerade deswegen ist es wichtig, diese Geschichte und ihre Verpflechtungen zu erzählen.
Heute ist Shakhtar Donezk ein Verein zwischen mehreren Welten. Der Klub entstand aus sowjetischer Industrie, wurde durch oligarchischen Kapitalismus zur europäischen Spitzenmannschaft und verlor durch Krieg und geopolitische Umbrüche seine Heimat. Gerade dadurch wurde Shakhtar aber paradoxerweise stärker zu einem Symbol der modernen Ukraine. Kaum ein anderer Verein zeigt so deutlich, wie eng Fußball, Macht, Krieg und Identität in Osteuropa miteinander verbunden sind.
