Fragt man Menschen auf der Straße, was ihnen als erstes zu Lukas Podolski einfällt, dann werden viele ziemlich sicher das Antworten: 1. FC Köln. Der Jugendverein Podolskis, von dem aus er zu den Bayern wechselte und zurückkehre, von dem aus er später erst zu Arsenal London, dann zu Inter Mailand, Galatasaray Istanbul, Antalyaspor und Vissel Kobe aufbrach. Der Verein, dem Podolski, so sagte er immer wieder, sein Herz gehört, dem, in welcher Funktion auch immer, zu helfen, er immer wieder angeboten hat, aber meist ziemlich robust abgewiesen wurde, der ihm aber im letzten Jahr immerhin schon sein sportliches Abschiedsspiel schenkte – während Poldi selbst aber ja noch als Fußballprofi auf dem Platz steht. In Polen.
Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Seit 2021 läuft Lukas Podolski, ja in Polen geboren, für Górnik Zabrze auf, erste polnische Liga. Fünfzehn Spiele hat er allein in dieser Saison schon absolviert, mit fast 41 Jahren. Spannend aber ist vor allem das: Wenn Lukas Podolski in Zukunft über „seinen“ Fußballklub sprechen wird, dann wird er eben nicht mehr den Effzeh meinen, sondern Gornik Zabrze. Denn bei Gornik ist Podolski im vergangenen Jahr auch als Investor, also Eigentümer, eingestiegen. Wie der polnische Erstligist und der Fußballer damals mitteilten, hatte Poldi über seine Firma LP Holding GmbH insgesamt 104.611 Namensaktien der Górnik Zabrze SA gekauft. Damit hält Podolski aktuell 8,3% des Aktienkapitals und ist nach der Stadt Zabrze zweitgrößter Aktionär des Klubs.
Beim Verein war man darüber regelrecht begeistert: „Der Einstieg von Lukas Podolski in die Aktionärsstruktur ist der erste formale Schritt zur Übernahme des Vereins und unterstreicht sein langjähriges und aufrichtiges Engagement für die Entwicklung von Górnik„, heißt es im offiziellen Klubstatement. Und auch der Weltmeister von 2014 freut sich, endlich auch abseits des Rasens einen wichtigen Platz im Fußball gefunden zu haben: „Górnik Zabrze ist mein Verein, meine Heimat und meine Fußballfamilie. Ich freue mich riesig, den nächsten Schritt zu gehen und mich offiziell an der Zukunft von Gornik zu beteiligen. Ich glaube an dieses Projekt und die Menschen dahinter. Ich möchte, dass sich der Verein auf einem soliden Fundament weiterentwickelt – sportlich, organisatorisch und wirtschaftlich.„
Jetzt – nur wenige Monate später – baut Podolski sein Engagement weiter aus. Der Weltmeister kündigt an: „Jetzt kaufe ich den Rest.“ Wie Poldi das anstellen will, ist allerdings noch offen. Einen Zeitpunkt der Übernahme und einen Kaufpreis gibt es noch nicht. In den kommenden Tagen aber soll der Stadtrat entscheiden, ob auch die kommunalen Anteile an den Weltmeister von 2014 übertragen werden.
Doch was bedeutet das eigentlich für Poldis sportliche Karriere? Vielleicht hat die gerade den passenden Abschluss gefunden: Denn in dieser Saison hat er mit Zabrze zum ersten Mal den polnischen Pokal gewonnen. „Der Plan ist, meine Karriere zu beenden“, sagte er nach seinem vielleicht letzten Spiel, nur um dann selber einzuschränken: „Aber vielleicht gibt es ja doch noch eine Überraschung? Ich lasse mir diese Tür offen. Die europäischen Pokalwettbewerbe sind immer interessant.“
Aber sowohl für Podolski als auch für seinen neuen Klub eigentlich nichts neues. Denn viele ältere Fans von Górnik Zabrze, übrigens 1948 gegründet, wo neben Fußball übrigens auch professionell Handball gespielt, erinnern sich noch an die erfolgreichste Zeit des Klubs, die bis in die späten 80er Jahre reichte und in der Partien im Europapokal wie gegen Austria Wien oder der AS Rom vor über 100.000 Zuschauer*innen ausgetragen wurden. Zwischen 1957 und 1988 wurde Zabrze auch stolze 14 Mal polnischer Meister (1957, 1959, 1961, 1963, 1964, 1965, 1966, 1967, 1971, 1972, 1985, 1986, 1987 und 1988), einmal fünfmal und einmal viermal in Serie, sechs Mal konnte zudem der polnische Pokal gewonnen werden (1965, 1968, 1969, 1970, 1971, 1972), auch hier: Unter anderem fünf Titel in Serie. Ab Mitte der 90er Jahre zogen sich jedoch immer mehr Sponsoren zurück, der Klub fiel zurück bis in den Abstiegskampf.
Aber er verlor nicht seine Fans: Beim Abstiegskampf 2006 und 2007 pilgerten bis zu 20.000 Fans ans Ernst-Pohl-Stadion. Górnik Zabrze konnte trotz schlechter Leistung somit zeitweise weiter den höchsten Zuschauerzuspruch in der Region verzeichnen. 2007 stieg auch deswegen ein Versicherungsunternehmen als Mitgesellschafter beim Verein ein, doch auch das half nichts. 2009 stieg man ab, 2010 zwar wieder auf, trotzdem schieden alle externen Investoren in dieser Zeit aus und die Stadt übernahm die Verantwortung für den Klub, war bis zum Einstieg Podolskis im vergangenen Jahr Alleingesellschafterin. Seit 2011 firmiert der Klub zwar als Aktiengesellschaft, aber eben allein von der Stadt Zabrze kontrolliert. Das aber begrenzt natürlich auch weiter die finanziellen Möglichkeit des Klubs, wie Podolski am Rande einer Reise von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst in Kattowitz erläuterte. „Meiner Meinung nach hat die Stadt eine andere Aufgabe: Man muss Spielplätze bauen, man muss was anderes machen, die Infrastruktur ausbauen, aber nicht einen Fußballverein managen. Bevor der Verein in andere Hände kommt, habe ich gesagt, lieber kommt er in gute Hände zu mir“, begründete Podolski dabei auch seine Kaufabsicht. Viele polnische Fußballvereine waren wie Górnik lange städtisch, die meisten aber sind längst privatisiert – da will nun auch Zabrze nachziehen.
Aber zurück zum Sport: Zwischenzeitlich stieg Górnik Zabrze immer wieder ab und auf. Inzwischen aber hat man sich zwar sportlich etwas konsolidiert, ist ein etablierter Erstliga-Klub. Aber die Stadt offenbar trotzdem beschlossen, Górnik Zabrze endgültig zu privatisieren. Eigentlich schade, denn so verschwindet der einzige demokratisch-verwaltete Fußballverein in Polens erster Liga. Übrigens: Auch bei Hajduk Split in Kroatien stieg die Stadt ein, als sich der Klub in einer finanziellen Krise befand. Hier fand man aber eine andere Lösung als die spätere Reprivatisierung. Über sie hat FanLeben.de hier berichtet. Das zeigt: Demokratische Vereinsorganisationen sind möglich. Und können auch sportlich erfolgreich sein.
Nichtsdestoweniger gewinnt Górnik Zabrze mit Lukas Podolski nicht nur einen schillernden Fußballstar, der sich sehr mit dem Klub identifiziert, sondern auch einen erfahrenen Unternehmer als Gesellschafter hinzu. Podolski ist Eigentümer einer Eisdielen und einer expandierenden Dönerladen-Kette, ist zudem an einem Kölner Brauhaus beteiligt und gemeinsam mit Mats Hummels Gründer des Hallenfußballevents Baller League. Außerdem betreibt er ein eigenes Modelabel mit Flagshiffstore in der Kölner Innenstadt und veranstaltet mit Markus Krampe das „Glücksgefühle Musikfestival“, zu dem 2023 über 100.000 Besucher*innen kamen. Nicht zuletzt unterhält er im Carlswerk in Köln-Mülheim die „Straßenkicker Base“ mit einer Zweigstelle seines Dönerimbiss‘, einem weiteren Bekleidungsgeschäft, einer Sportsbar und einer Fußballhalle mit insgesamt sieben Kleinspielfeldern. All das läuft überdies ziemlich erfolgreich. Und lässt sich das Engagement Podolskis beinahe nach einem Kompromiss zwischen Fußball-Romantik und modernen Investoren-Fußball klingen. In dieser Rolle sieht sich auch der Weltmeister selbst, zwar als Klubbesitzer und Geldgeber, aber auch als „einer von den Fans. Einer, der die Sprache und Stimme der Fans hat. Fußball gehört immer wieder den Fans. Ich will den Verein weiter nach vorn bringen“.
Nur mit dem 1. FC Köln arbeitet Lukas Podolski geschäftlich nicht zusammen, dafür jetzt also mit seinem neuen Klub Górnik Zabrze. Man darf gespannt sein, wohin dieser Weg ihn und den Klub führt.
