Der Racing Club de Montevideo ist uruguayischer Halbjahresmeister. Der Hauptstadtklub gewann am Sonntagnachmittag gegen Cerro Largo mit 1:0. Durch die Niederlage von Verfolger und Traditionsklub Penarol ist Racing in der Apertura nicht mehr einzuholen. Für Racing ist es der erste Titel der Klubgeschichte und das, obwohl man erst seit 2023 wieder erstklassig spielt.

Wie es dazu kam? Ganz einfach: Ebenfalls seit 2023 gibt es beim Klub aus Montevideo einen neuen Mehrheitsgesellschafter – „Red&Gold Football“, ein Joint Venture zwischen dem FC Bayern München und dem Los Angeles Football Club.

Der Rekordmeister reagierte damit auf einen sich verändernden Transfermarkt. Junge Spieler werden früher entdeckt, schneller gebunden und dadurch immer teurer. Wer auf diesem Markt konkurrenzfähig bleiben will, muss Talente also möglichst früh selbst identifizieren und entwickeln, so die Argumenation der Bayern. Und genau hier setzte das Joint Venture an: „Red&Gold Football“ soll als Plattform dienen, um weltweit vielversprechende Spieler aufzuspüren, sie gezielt auszubilden und ihnen einen strukturierten Weg in den Profifußball zu eröffnen – im Idealfall bis hin zum eigenen Kader. Die Wahl von Los Angeles FC als Partner ist dabei kein Zufall. Der US-Markt gilt seit Jahren als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte im Fußball, sportlich wie wirtschaftlich. Für Bayern eröffnet die Zusammenarbeit einen direkten Zugang zu einer wachsenden Talentbasis, die bislang oft schwerer zu erschließen war. Gleichzeitig bringt LAFC als moderner, ambitionierter Klub mit klarer sportlicher Ausrichtung die nötige Struktur mit, um ein solches Projekt auf Augenhöhe umzusetzen.

Doch das Unternehmen ist keine reine Scountingplattform, sondern längst Mutter einer global-agierenden Multi-Clob-Ownershipstruktur. Neben dem Racing Club de Montevideo gehören als Kooperationspartner auch der S.D. Aucas, Jeju SK sowie die Gambinos Group zum Netzwerk. Der S.D. Aucas wurde 1945 gegründet und zählt zu den traditionsreichen Klubs des ecuadorianischen Fußballs. Der Verein ist ein etablierter Teilnehmer der Serie A, gewann 2022 die ecuadorianische Meisterschaft und ist regelmäßig in der Copa Libertadores sowie der Copa Sudamericana vertreten. Aucas trägt seine Heimspiele im Estadio Aucas in Quito aus, das Platz für 18.799 Zuschauer bietet, und ist für seine leistungsstarke Nachwuchsakademie bekannt. Der Jeju SK FC ist Gründungsmitglied der K-League und spielt derzeit auch in der ersten Liga des südkoreanischen Fußballs (K-League 1). Seine Heimspiele trägt Jeju im World Cup Stadium auf der Vulkaninsel südlich des koreanischen Festlandes aus. An beiden Vereinen hält „Red&Gold Football“ anders als am Racing Club de Montevideo allerdings keine direkten Anteile. Anders sieht es bei der Gambinos Group aus. Die Gambinos Group ist dabei ein Zusammenschluss von drei Akademien: Gambinos Stars Africa (Gambia), Senegal Elite Stars (Senegal) und Phoenix Sports Association (Kamerun). Die Akademien wurden von Helmut Hack, dem ehemaligen Präsidenten der SpVgg Greuther Fürth und Vorstandsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), gegründet. Hier ist „Red&Gold Football“ wie in Uruguay Mehrheitsgesellschafter.

Das mehrere Vereine zum selben Netzwerk gehören, ist im modernen Fußball keine Seltenheit mehr. Bekanntestes Beispiel ist wohl die City Football Group zu der neben Manchester City auch der FC Girona, ES Troyes AC, Lommel SK, der FC Palermo, der New York City FC, der EC Bahia, der Melbourne City FC, die Yokohama F. Marinos, Montevideo City Torque, der Shenzhen Peng City FC und der Mumbai City FC gehören. Aufsehen erregt immer wieder auch die Gruppe „BlueCo“ rund um den FC Chelsea und den RC Strasbourg, zwischen denen ja sowohl Spieler als auch Trainer immer wieder hin und her geschoben werden. Weniger bekannt ist das MCO des slowakischen Geschäftsmannes Oszkar Vilagi zu dem der DAC Dunajska Streda und der ungarische Erstligist Györi ETO FC gehören. Der DAC musste deswegen diese Saison sogar auf seine Teilnahme an der UEFA Conference League verzichten, da sich auch Vilagis ungarische Mannschaft für den Wettbewerb qualifiziert hatte. Das ist in diesem Jahr auch dem irischen Pokalsieger Drogheda United zum Verhängnis geworden, der seinen Platz in der Conference League verlor, weil er wie der dänische Conference League-Teilnehmer Silkeborg IF, von der Trivela Group kontrolliert wird. Ähnlich lief es zwischen Olympique Lyon und Crystal Palace, die beide John Textor gehörten.

Grundsätzlich gilt dabei: Qualifizieren sich zwei Klubs aus dem selben Konsortium für den gleichen europäischen Wettbewerb, entscheidet nicht der Investor, welche Mannschaft er „entsendet“, sondern es darf grundsätzlich das Team starten, welches die letzte Saison auf den besseren Tabellenplatz abgeschlossen hat. Die Crux: Multi-Club-Ownerships gefährden so immer die Integrität des sportlichen Wettbewerbs, sogar die sportliche Integrität nationaler Ligen und Pokalwettbewerbe. Nehmen wir zum Beispiel an, dass ein Investor einen Klub in England und einen in Belgien kontrolliert, dabei benutzt er – wie in solchen Konstrukten üblich – das belgische Team als Farmteam für die englische Mannschaft. Wenn beide Mannschaften sich nun für den selben UEFA-Wettbewerb qualifizieren könnten, aber die belgische Mannschaft einen besseren Tabellenplatz hat als die englische, könnte er anstreben, dass sein belgisches Team die letzten Spiele bewusst abschenkt, um noch hinter die Konkurrenz zurückzufallen und so dem englischen Klub die gewünschte Teilnahme am internationalen Wettbewerb zu ermöglichen. Das öffnet doch eindeutig die Tür für Spielmanipulationen und weitere Horrorgeschichten. Darüber hinaus ist die UEFA beim Schutz ihrer Wettbewerbe nicht immer konsequent: Im vergangenen Jahr hatten Manchester City und der FC Girona mithilfe einer Blind-Trust-Aktion noch jeweils eine Starterlaubnis für die Champions League erhalten. Außerdem dürfen RB Leipzig und RB Salzburg regelmäßig im selben internationalen Wettbewerb antreten, seitdem Red Bull seine Anteile an der Salzburger Kapitalgesellschaft zurückgegeben hat, aber weiter den Stammverein durch eine Neumitglieder-Blockade kontrolliert. Auch das ist eine Horrorgeschichte: Die Uefa-Regeln werden also ungleich angewandt, kleine Klubs bekommen sie zu spüren, während der Verband den Konflikt mit den finanzstarken Branchen-Bossen offenbar scheut. Mit Integrität hat das nichts zu tun.

Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass „Red&Gold Football“ – abseits seiner drei afrikanischen Fußballschulen – pro Kontinent nur einen Klub aufbietet. Aber auch das greift zu kurz. Denn es deklassiert einen ehemaligen Traditionsverein mit eigener Identität und Verwurzelung in seiner Stadt, zu einem Spielball einflussreicher Investoren aus dem Ausland. Das ist Fußballkolonialismus. Zurecht kritisieren die Ultras des FC Bayern die Holding deswegen regelmäßig.

Das Fußballvereine (Entwicklungs-)Partnerschaften eingehen, ist dabei aber natürlich völlig legitim. Gerade europäische Spitzenteams haben Fans auf der ganzen Welt, dass sie diese mit globalen Engagement ansprechen wollen, ist verständlich. Und wenn so vom Know-how und der Finanzkraft der europäischen Klubs der Fußball weltweit profitieren kann: bitteschön. Dabei sollte aber einerseits immer gewahrt bleiben, dass Vereine sich zusammenschließen, die nicht in den selben internationalen Wettbewerben antreten können, im Idealfall, weil sie auf unterschiedlichen Kontinenten aktiv sind, und dass die geschäftliche Eigenständigkeit beider Partner erhalten bleibt, es also eben keine Multi-Club-Ownership gibt.

Der Fußball muss sich entscheiden: Tatsächliche sportliche Integrität – oder Multi-Club-Ownership. Beides geht nicht.

Worauf die Wahl fallen sollte, ist eindeutig. Doch wie kann man dahin kommen? Die UEFA muss ihre Regeln tatsächlich durchsetzen. Immer, nicht nur dann, wenn sie die Widerspruch (finanziell) erträglich findet. Und sie muss die Regeln weiterentwickeln, so dass sie, anders als jetzt, eben keinen Einfluss mehr auf nationale Ligen haben können. Eine Möglichkeit: Solange Investoren Multi-Club-Ownerships haben dürfen, die sich international für den selben Wettbewerb qualifizieren könnten, sollten sie vor jeder Spielzeit ankündigen müssen, welche Mannschaft ihre Priorität dafür ist. Auch das sorgt nicht für 100% sportliche Integrität, weil dadurch nicht immer alle legetimen Teilnehmer bei Champions, Europa und Conference League dabei wären, siehe das Beispiel mit dem englischen und dem belgischen Team weiter oben, würde aber die Integrität der nationalen Ligen sicher stellen und auch die Integrität der internationalen Wettbewerbe ab dem ersten Anstoß.

Besser aber wäre ein generelles Verbot von Multi-Club-Ownerships. Hier könnten DFB und DFL voran gehen und internationale Investoren, die in mehr als einen Klub investiert sind, zum Anschlusskriterium für eine Lizensierung im hiesigen Ligabetrieb machen. Natürlich entweder mit Bestandsschutz oder besser Bailout-Krediten für die Vereine, die schon in einem solchen Konstrukt sind. Gelingt das könnte dieses Modell von der UEFA adaptiert werden.

Übrigens: Über die langanhaltende Rivalität um die Meisterschaft in Uruguay, die bislang meist zwischen zwei Lokalrivalen des Racing Club ausgemacht wurde, hat FanLeben.de hier bereits berichtet.

Für den Racing Club de Montevideo geht es nach der Halbjahresmeisterschaft jetzt um den Titelgewinn in Uruguay. Denn die Saison in Uruguay wird in zwei Hälften ausgespielt: Die Apertura (Hinrunde) und die Clausura (Rückrunde). Anschließend spielen die Sieger der beiden Runden ein Finale um die Meisterschaft aus. Sollte aber der Racing Club de Montevideo auch die Clausura gewinnen, wären sie natürlich direkt Meister. Und man müsste auch dem FC Bayern dazu gratulieren.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin