Wie bei der Heim-Europameisterschaft vor zwei Jahren scheiterte die deutsche Nationalmannschaft gestern im Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko auch wegen einer (mehr als) umstrittenden Schiedsrichterentscheidung. Jonathan Tah hatte in der Verlängerung per Kopfball nach einer Ecke von Nathaniel Brown eigentlich ein reguläres Tor erzielt, Schiedsrichter Jalal Jayed gab den Treffer aber wegen eines vermeintlichen Foulspiels an Torhüter Orlando Gill nicht. Doch dieser Satz zeigt auch, wie unzufriedenstellend der deutsche Auftritt gestern war: Denn dass eine Schiedsrichter-Entscheidung in der Verlängerung überhaupt spielentscheidend werden konnte, passt – bei allem Respekt vor Paraguay – so gar nicht zu den Ansprüchen der deutschen Nationalmannschaft. Im Ergebnis ist die Schiedsrichterdiskussion ohnehin müßig und fest steht, dass das DFB-Team zum dritten Mal in Serie viel zu früh bei einer Weltmeisterschaft gescheitert ist.
Im Zentrum der Kritik: Natürlich Bundestrainer Julian Nagelsmann. Kaum ein Plan des Ex-Hoffenheim, -Leipzig und -Bayern Trainer ging während des Turniers auf. Die Rückholaktion des ehemaligen Welttorhüters Manuel Neuer verpufft wirkungslos, in den vier Spielen setzte es (das Elfmeterschießen gestern Abend ausgenommen) fünf Gegentore, an denen Neuer, mit Ausnahme des zweiten Gegentreffers gegen Ecuador, zwar nie schuld war, aber eben auch nie seine vermeintliche „Aura“ (Zitat Julian Nagelsmann) ausspielen konnte. Als noch schlechter stellte sich aber der taktische Plan heraus, den Nagelsmann mit seinem Kapitän Joshua Kimmich verfolgte. Kimmich, der im Verein grundsätzlich im zentralen Mittelfeld agiert, wurde von Nagelsmann – mangels Alternativen – als Rechtsverteidiger aufgeboten. Jedoch sollte Kimmich die Rolle so interpretieren, dass er bei eigenem Ballbesitz, quasi als dritter Innenverteidiger, ins Zentrum einrückt. Dadurch ergaben sich in gegnerischen Umschaltmomente immer wieder Probleme in seinem Stellungsspiel. Vor allem aber beraubte der Bundestrainer Kimmich damit seiner offensiven Stärke: Kaum ein anderer deutscher Spieler kann selbst aus dem Lauf, also bei hohen Tempo, so präzise Flanken schlagen, wie der deutsche Kapitän. Die Rolle des invasiven Rechtsverteidigers hätte sogar dann mehr Sinn ergeben, wenn Kimmich bei deutschen Ballbesitz ins Mittelfeld eingerückt wäre. Hier hätte er nach Ballverlusten kürzere Wege in die entscheidenden Zweikämpfe gehabt und hätte im Ballbesitz mit seinen ebenfalls starken Chipbällen über die gegnerische Abwehr sicherlich wichtige Torchancen kreieren können. So aber blieb der Leader unter seinen Möglichkeiten – schlechtere Ausgangsvoraussetzungen gibt es kaum.
Hinzu kommt, dass Nagelsmanns Nominierungen eine unausgewogene Kaderzusammenstellung erzeugte. Auf einen gelernten Rechtsverteidiger verzichtete der Bundestrainer in seinem Aufgebot ganz, Nathaniel Brown, eigentlich als Linksverteidiger gesetzt, wäre der einzige gelernte Außenverteidiger gewesen, mit dem Nagelsmann seinen Kimmich-Plan hätte auflösen können. Dann hätte David Raum auf links Spielen müssen – und wäre dort ohne Back-up gewesen. Nagelsmann betonte immer wieder die Qualitäten von Leroy Sané als temporeicher Flügelspieler, der zudem stark im Eins gegen Eins sei. Mal davon ab, dass Sané dies bei dieser WM kaum zeigen konnte, wieso nahm der Bundestrainer nicht einen zweiten Spieler dieses Typs mit, sondern verzichtete beispielsweise auf Karim Adeyemi und Said El Mala? Dafür hatte Nagelsmann insgesamt neu Spieler im Aufgebot, die in ihren Vereinen als zentrale Mittelfeldspieler, defensiv wie offensiv, eingesetzt werden. Mit seiner Kaderzusammenstellung hat sich Nagelsmann auch einer gewissen taktischen Variabilität selbst beraubt. Mit Deniz Undav, Nick Woltemade, Maximilian Beier und – mit Abstrichen – auch Kai Havertz hatte der Bundestrainer gleich vier Mittelstürmer dabei, die in einer Doppelspitze am besten funktionieren. Aber ohne starke Flügel- und Schienenspieler funktioniert so ein System nicht – was sich gestern ja auch auf für Deutschland bitterste Art und Weise gezeigt hat.

Überhaupt konnte die Nationalmannschaft im gesamten Tunierverlauf kein einziges Mal zeigen, wieso die von Nagelsmann gewählte Grundformation die passende sein sollte. Beispiel Doppel-Sechs: Pavolovic und Nmecha wirkten im Zusammenspiel wenig robust und gleichzeitig durch ihren jeweiligen Offensivdrang leicht zu überspielen. Mit Leon Goretzka, den Nagelsmann mit Ausnahme des Ecuadorspiels immer einwechselte, Pascal Groß, Angelo Stiller und Assane Ouédraogo hatten auch die Ersatzspieler fürs zentrale Mittelfeld ihre Stärken vor allem im Spiel nach vorne. Andererseits haben Nico Schlotterbeck, Jonathan Tah und Waldemar Anton einige ihrer besten Spiele als Innenverteidiger teilweise in Dreierkettenformationen gezeigt. Auch Malick Thiaw ist als Spielertyp für eine solche Anordnung eigentlich prädestiniert. Nagelsmann hätte zudem Yann Bisseck, immerhin Stamm-Innenverteidiger bei Inter Mailand, mit denen er vergangene Saison sogar im Champions-League-Finale stand, nominieren können, auch er kommt aus einer Dreierkette. In der U21 stünde zudem Stuttgarts-Stamm-Innenverteidiger Finn Jeltsch für die Zukunft bereit. Von drei Innenverteidigern wäre das offensiv-ausgerichtete zentrale Mittelfeld deutlich besser abgesichert gewesen. Nathaniel Brown und Joshua Kimmich oder Jamie Leweling als Schienenspieler hätten jeweils ihre Stärken bestmöglich einbringen können. Und Nagelsmann hätte je nach Gegner abwägen können, ob er mit Jamal Musiala als klassischen Zehner und davor mit einer Doppelspitze agieren möchte oder ob er auf zwei Flügelspieler, zum Beispiel Florian Wirtz und Maximilian Beier, hinter einem zentralen Mittelstürmer setzt. Mit Lennart Karl kommt bald zudem ja eine noch vielversprechende Alternative für diese Position zurück.
Nagelsmann – das muss man ihm zu Gute halten – hat als Bundestrainer stets glaubwürdig agiert und eine klare Linie verfolgt. Sein Handeln war nicht willkürlich, sondern folgte einem konsequenten Plan. Dafür genießt der Bundestrainer auch den Respekt seiner Spieler. Nach dem Ausscheiden gestern Abend wollte zum Beispiel Kapitän Joshua Kimmich keine Kritik am Trainer aufkommen lassen – im Gegenteil: „Wir Spieler, die auf dem Platz standen, haben das verbockt. Das war nicht der Trainer, nicht die Medien, nicht der Schiedsrichter, auch nicht der Gegner.“ Und weiter: „Das waren einzig und allein wir.“ Es dürfe sich keiner rausnehmen, „wir alle tragen die Verantwortung“ für das frühe WM-Aus. Das Problem: Der Plan war eben nicht gut (genug).
Und die Frage, wie es jetzt auf der Trainerbank der Männer-Nationalmannschaft weitergeht, ist damit natürlich unausweislich geworden. Allerdings: Nach dem Ausscheiden in den Vorrunden 2018 und 2022 durften die Bundestrainer Joachim Löw und Hansi Flick jeweils erstmal weiterarbeiten. Auch gestern Abend sprach DFB-Sportdirektor Rudi Völler davon, dass Nagelsmann „wahrscheinlich der richtige Trainer“ für die Mannschaft sei. Und der Bundestrainer selbst betonte ebenso, dass er nicht „weglaufe“, sondern die „Euro 2028 angehen“ wolle. „Wenn der DFB das nicht will, dann muss er mir das sagen.“
2018 und 2022 verzichtete man bei der Nationalmannschaft dabei auch auf dem Platz jeweils auf einen tatsächlichen Umbruch. Vielleicht ist das darum auch die zentrale Konsequenz aus dem Ausscheiden gestern: Gesucht wird ein Trainer, der sich (zu)traut, der Mannschaft ab sofort ein neues Gesicht zu geben. Die mindestens Mal glücklose Generation Kimmich wird das DFB-Team bei der nächsten Weltmeisterschaft in vier Jahren nicht mehr tragen können. Konsequent wäre es, zu versuchen, Spieler wie Leon Goretzka, den im Nationaltrikot oft unglücklich wirkenden Jonathan Tah und auch Joshua Kimmich selbst, möglichst frühzeitig zu ersetzen, wenn es entsprechende Nachfolge-Kandidaten hergeben. Ein Comeback von Oliver Baumann, Alexander Nübel oder gar Marc-Andre ter Stegen im deutschen Tor darf es aus Entwicklungsgründen ebenfalls eigentlich nicht mehr geben. Ü30-Spieler sollten nur noch in Ausnahmefällen, beispielsweise muss der wirklich starke Nadiem Amiri weiter zur Mannschaft gehören, Teil der regelhaften Lehrgänge sein. In der Nations League und bei den EM-Qualifikationsspielen darf ein Bundestrainer ohnehin immer nur 23 Spieler berufen, bei der Europameisterschaft dann wieder 26 – drei erfahrene Routiniers könnten also, wie Nagelsmann es ja mit Toni Kroos 2024 richtig machte, als Tuniersäulen später wieder mit dazu kommen. Wenn Nagelsmann sich diesen harten Umbruch zutraut, hätte er die Chance dazu unter Umständen auch verdient – auch weil der DFB dann eine wohl trotz des frühen Aus‘ millionenschwere Abfindung sparen würde.
Ansonsten wird in den nächsten Tagen natürlich das Gespenst von Jürgen Klopp durch die Fußball-Medien geistern. Aber Klopp ist längst nicht mehr Kloppo aus Dortmunder oder Liverpooler Zeiten. Als Chef des Global Teams im Red-Bull-Konzern hat sich der langjährige Mainzer von einigen seiner ehemaligen Prinzipien verabschiedet. Beispielsweise ist sein Trainerverschleiss bei RB absurd hoch – absurd deswegen, weil Klopp, als er selbst noch Trainer war, vorschnelle Entlassungen von Kolleg*innen immer deutlich kritisierte. Klopp würde zudem gleich wieder Nebendebatten befeuern, wenn man jetzt aber den Trainer wechselt, dann bitte so, dass in der Folge die Mannschaft im Mittelpunkt (und in der Pflicht) steht. Naheliegendste Alternative zu Klopp wäre der Ex-Bremen und -Leipzig Trainer Ole Werner. Er hat bei RB gezeigt, dass er Mannschaften nach Schwächephasen wieder stabilisieren und dann vor allem auch weiterentwickeln kann. Er traut sich Umbrüche zu, erkennt die Potenziale seiner Spieler und entwickelt sie konsequent weiter. Noch wichtiger aber wäre ohnehin eine zukunftsträchtige Besetzung der Sportdirektorenposition. Als Nachfolger von Rudi Völler hat sich gestern im ZDF bereits Per Mertesacker in Stellung gebracht. Keine schlechte Idee. Denn Als Nachwuchskoordinator von Arsenal London hob er deren Akademie strukturell auf ein neues Niveau, baute zudem hochmoderne Scoutingstrukturen mit auf und machte die Gunners so – neben Manchester City – zur Top-Nachwuchs-Adresse im Land. Gemeinsam mit dem bisherigen Nachwuchsdirektoren Hannes Wolf könnte er die notwendigen Reformen in Fußball-Deutschland sicherlich anstoßen.
Mertesacker, Werner und ein runderneuertes Team – das könnte Mut machen. Und Lust auf die anstehenden Turniere. Denn talentierte Spieler gibt es noch immer viele in Deutschland. Wenn der DFB jetzt einen konsequenten Umbruch wagt und die WM in zwei Jahren als wichtigen Zwischenschritt zur Entwicklung einer neuen Generation Nationalspieler begreift, dann kann das Turnier in vier Jahren auch mal wieder Freude bereiten – und zwar unabhängig von fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen.
