Eigentlich soll es morgen soweit sein: Die Klubs aus den Männer-Fußball-Ligen drei bis fünf sollen über die viel diskutierte Aufstiegsreform abstimmen. Hintergrund: Bislang steigen nicht alle Meister der Regionalligen direkt in die Dritte Liga auf, zwei Staffelmeister treffen in einer Relegation aufeinander, bei der nur der Sieger hoch darf. Ein Meister, zuletzt gleich zweimal in Folge der 1. FC Lokomotive Leipzig, immerhin Deutschlands erster Fußballmeister überhaupt, bleibt so auf der Strecke.
Insgesamt 77 Vereine, darunter Neu-Bundesligist Schalke 04 und sogar gleich mehrere Lokalrivalen wie Lok-Leipzig-Nachbar Chemie und die beiden Essener Vereine Rot-Weiß und Schwarz-Weiß Essen, haben deswegen eine gemeinsame Reformbewegung gegründet. Ihre Forderung: Meister müssen aufsteigen. Besonders spannend: Auch mehrere nicht am Drittliga-Aufstieg interessierte Viertligisten und sogar einige Oberligisten haben sich der Gruppe angeschlossen. Offensichtlich aus Sportsgeist denn aus Eigeninteresse, da eine Reform für sie einen Organisations-bedingten Abstieg bedeuten könnte.
Mehrere mögliche Reformen wurden diskutiert, schnell stellte sich heraus, dass das sogenannte Kompass-Modell sowohl vom DFB als auch von den meisten Regionalligisten präferiert wird. Dabei waren im ursprünglichen DFB-Konzept vom Januar die Kompasslösung mit vier 20er-Regionalliga-Staffeln geplant, eine andere Variante existierte nicht. Nun aber – unmittelbar vor der Abstimmung – hat der DFB das Konzept offenbar noch einmal angepasst. Den Vereinen wurde nämlich ein Papier als Abstimmungsgrundlage zugeschickt, nach dem die Staffelstärke der Regionalligen von 20 auf 18 reduziert würde. Die Folge: Statt zwölf Startplätzen stünden jedem der fünf Regionalliga-Gebiete nur noch zehn zu. In der Folge würde den Regionalligisten schon ab Platz zwölf statt 14 bei Zustimmung in der Qualifikationssaison 2027/28 der Abstieg in die Oberliga drohen.
Was steckt hinter der Änderung des Abstimmungsentwurfes? Fest steht: Eine Zustimmung seitens der Regionalligisten würde so unwahrscheinlicher. Tommy Haeder, Geschäftsführer des Chemnitzer FC und Sprecher der „Aufstiegsreform“-Initiative zeigte sich am Mittwoch entsprechend verärgert: „Es wird hier offensichtlich mit der Angst der Vereine gespielt und Verbandspolitik gemacht, für mich wurde da frisiert.“ Denn die Änderung wurde auf der Sitzung der Regionalliga-Träger und ihrer Verbandschefs am 2. Juni beschlossen, also einen Tag nach dem dritten Scheitern von Lok Leipzig als Meister in der Aufstiegsrelegation. „Dass es nun statt bei 20 Mannschaften bei 18 Klubs vier Absteiger gibt, ist ja irreführend genug. Zusätzlich helfen zwei Heimspiele mehr jedem Regionalligisten, um Einnahmen zu generieren“, erklärt Haeder, der darüber hinaus sowohl für kleine als auch für große Vereine eine tragbare Lösung einfordert.
Haeder und seine Mitstreiter*innen hatten von Beginn an 20er Staffeln gefordert. Der DFB argumentiert mit der Enge des Spielplans und möglicherweise weiten Fahrtwegen, die Fans – gerade unter der Woche – nicht zugemutet werden könnten. Dabei sind Kompassmodell aufgrund der KI-optimierten Fahrtwege auch ein oder zwei Derby-Spieltage unter der Woche möglich, um den Druck auf den Spielplan in Grenzen zu halten und Auswärtsreisen zu ermöglichen.
Das Fazit von Tommy Haeder: „Viele Vereine haben sich über Monate intensiv mit dem Kompassmodell beschäftigt und ihre Positionen auf Basis der ursprünglich vorgestellten Inhalte entwickelt. Wenn wenige Tage vor einer entscheidenden Abstimmung zentrale Bestandteile des Modells verändert werden, ist das weder transparent noch vertrauensbildend.“ Und weiter: „Die Verbände haben die Vereine erst wenige Tage vor der Abstimmungsveranstaltung mit den veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert. Viele Verantwortliche haben aus kurzfristig bereitgestellten Unterlagen erfahren, dass plötzlich über ein anderes Modell abgestimmt werden soll als über jenes, das monatelang diskutiert wurde. Die Vereine wurden damit faktisch vor vollendete Tatsachen gestellt. Für einen offenen und ehrlichen Beteiligungsprozess ist ein solches Vorgehen nicht akzeptabel.“
Auch Felix Magath, der als Trainer mit dem FC Bayern und dem VfL Wolfsburg mehrfach deutscher Meister und Pokalsieger wurde, pflichtet Haeder bei: „Es war von Anfang an richtig, große und kleine Vereine zusammenzubringen. Jetzt, wo wir sehr wahrscheinlich eine Mehrheit für das Kompassmodell haben, wird plötzlich die Teilnehmerzahl gesenkt. Dabei können wir doch einfach die zum Beispiel in Bayern viel zu lange Winterpause kürzen und mit 20 Teams pro Staffel spielen. So war es immer verabredet. Jetzt wird wieder bewusst riskiert, dass manche Klubs das nicht mitgehen können oder wollen. Das Verhalten der Verbände ist unsportlich. Sie führen vom Ziel weg statt hin.“ Magath sitzt aktuell im Vorstand seines Heimatvereins Viktoria Aschaffenburg, einem betroffenen Regionalligisten.
Genauso sieht es Marcus Uhlig, Vorstandsvorsitzender von Rot-Weiß Oberhausen, und erklärt: „Wir sind irritiert darüber, dass nun im Kompass-Modell von der 20er-Liga abgerückt werden soll. Die Aufstockung um zwei Heimspiele pro Saison ist ein wesentlicher Pluspunkt für die Attraktivität des Modells.“ Er bemängelt außerdem, dass weiterhin sieben Zweitvertretungen von Erst- und Zweitligisten in der 18er-Liga teilnehmen dürften. Diese aber senken den Zuschauer*innenschnitt dramatisch, was den Vereinen weniger Einnahmen bringt und damit die Kalkulation für professionelle Bedingungen massiv erschwert. Gerade für die West-Regionalliga, in der traditionell viele zweite Mannschaften an den Start gehen, wären durch die Austockung auf 20 Mannschaften sicher zwei Gegner mehr dabei, die keine U23-Teams sind. Nicht nur für RWO-Boss Uhlig ist das ein weiteres Argument für die Reform, da sie die Regionalliga West insgesamt attraktiver und auch für kleinere Vereine planbarer machen würde.
Zustimmung kommt auch vom 1. FC Saarbrücken aus der Dritten Liga. Geschäftsführer Markus Thiele sagt: „Wir vom 1. FC Saarbrücken stehen dazu, dass wir das Kompassmodell für die richtige Lösung halten. Es gilt, das große Ganze für den deutschen Fußball zu sehen. Nimmt man die Ausgangssituation aller Vereine in den Blick, ist die Variante mit 20er-Staffeln die sinnvollere Option. In der 3. Liga spielen wir auch mit 20 Mannschaften. Daher stellt sich die Frage, warum das dann nicht in der Regionalliga gehen sollte.“ Und Meppens Geschäftsführer Florian Egbers ergänzt: „Aus meiner Sicht wird am Montag über eine Version des Kompassmodells abgestimmt, die sich in wesentlichen Punkten von den ursprünglichen Überlegungen der DFB-Arbeitsgruppe unterscheidet. Die Reduzierung auf 18 Vereine pro Staffel führt dazu, dass vier direkte Absteiger mehr als 20 Prozent der Liga ausmachen. Das ist aus meiner Sicht zu viel und verändert die Wahrnehmung des Modells erheblich. Hinzu kommt, dass viele Vereine bis heute nicht ausreichend informiert sind. Wer über die Zukunft des Wettbewerbs abstimmen soll, muss die Fakten kennen – genau daran fehlt es aktuell an vielen Stellen.“
Außerdem änderte der DFB übrigens die Abstimmungsmodalitäten: Bislang war eine einfache Mehrheit der teilnehmenden Vereine vorausgesetzt. Jetzt muss zusätzlich noch aus jeder Regionalliga-Staffel seperat betrachtet die Mehrheit der Vereine zustimmen. Eine zusätzliche Hürde für eine Mehrheit. Vielleicht eine entscheidende: Denn in der bisherigen Regionalliga Südwest hat der Meister schon heute ein garantiertes Aufstiegsrecht. Mit der Reform würden die Südwest-Mannschaften also Nachteile im Sinne des Sportgeistes in Kauf nehmen. Tommy Haeder kritisiert darum auch die neuen Abstimmungsregeln: „Wenn eine bundesweite Mehrheit der Vereine eine Reform unterstützt, diese aber an einzelnen Regionen scheitern kann, wird aus einem demokratischen Verfahren faktisch eine Abstimmung mit Vetorecht für eine Minderheit. Das erschwert eine gemeinsame Lösung erheblich.“ Zumal die Vorgehensweise und Absprache auch nicht zu den DFB-Strukturen passen, denn eigentlich müsste ein DFB-Bundestag oder der DFB-Vorstand über die Reform der Regionalligen entscheiden. Die Abstimmung unter den Vereinen ist also nach DFB-Satzung erst einmal unverbindlich, müsste später vom Verband selbst noch einmal bestätigt werden. Haeder bemängelt: „Viele Vereine haben derzeit das Gefühl, dass über ihre sportliche und wirtschaftliche Zukunft entschieden wird, ohne sie ausreichend einzubinden. Ein solches Signal ist für das Vertrauen in die Verbandsarbeit äußerst problematisch.“ Beim DFB-Bundestag sind dabei wiederum auch die Profiklubs stimmberechtigt, eine Reduktion der U23-Mannschaften macht das wiederum unwahrscheinlicher.
Kurzum: Dass sich so viele Vereine deutschlandweit zusammengefunden und eine Reformidee formuliert haben, ist beeindruckend. Es zeigt, wie viel Kraft auch im viertklassigen Fußball steckt. Bitter hingegen ist, wie der DFB einerseits versucht, die Reformbewegung auszuhöhlen und andererseits demokratische Prozesse lähmt.
Das Kompass-Modell in seiner ursprünglichen wäre sportlich gerecht. Und es würde die zuletzt angeschlagenen Regionalligen stärken. Es wäre ein fairer Interessensausgleich. Warum also fehlt dem DFB der Mut, für die Zukunft des Fußballs einzustehen?
