Kommentar: JETZT entscheidet sich die Zukunft des Weltfußballs

Ein Kommentar von Karl Jahn Boie, Autor auf FanLeben.de

Selbst die UEFA – normalerweise ja auch nicht das erste Beispiel, das einem zu den Themen Integrität und Good Governence einfällt – hat sich mit einer deutlichen Botschaft zu Wort gemeldet. Anlässlich der Nicht-Sperre des US-Amerikaners Folarin Balogun schreibt der europäische Fußballkontinentalverband: „Fußball, wie jede andere Sportart, stützt sich auf Regeln, die die Grundlage für fairen, ehrlichen und transparenten Wettbewerb bilden.“ Zwar räumt die UEFA ein: „Manchmal sind Regeln interpretationsoffen“, nur um dann gleich wieder nachzulegen: „In diesem Fall nicht. Eine minimale automatische Sperre von einem Spiel nach einer Roten Karte ist keine diskretionäre Option und bedarf keiner Entscheidung einer zuständigen Stelle, um in Kraft zu treten.“

Hintergrund: Folarin Balogun, Stürmer der US-Nationalmannschaft, hatte im Sechzehntelfinalspiel seiner Mannschaft gegen Bosnien in der 61. Minute die Rote Karte gesehen. Balogun war mit seinem Gegenspieler Tarik Muharemovic zusammengeprallt und trat ihn dabei im Fallen auf den Knöchel. Vermutlich unbeabsichtigt, weswegen Schiedsrichter Raphael Claus erst einmal nicht auf das Foulspiel reagierte. Doch wegen der Schwere des Trefferbildes schaltete sich die VAR ein, Claus schaute sich die Szene selbst noch einmal an und verwies Balogun nach einer kurzen Unterbrechung des Feldes. Balogun traf Muharemovic nicht mit Absicht, aber das Trefferbild war eindeutig: Er trifft eindeutig den Knöchel und drückt seinen Fuß auch über dem Gelenk des Bosniers durch – „stempeln“ nennen Fußballer*innen das – eine schwere Verletzung hätte die Folge sein können. Die Rote Karte war darum mehr als gerechtfertigt.

Und da sind die FIFA-Regeln eindeutig. „Wird ein Spieler oder ein Offizieller einer Mannschaft aufgrund einer direkten oder indirekten Roten Karte (zweite Verwarnung) des Feldes verwiesen, ist er automatisch für das nächste Spiel seiner Mannschaft gesperrt“, heißt es dazu in FIFA-Regel 10.5 der aktuellen Turnierordnung. Der Belgische Fußballverband, dessen Nationalteam im Achtelfinale jetzt gegen die USA mit Balogun antreten muss, weißt zudem darauf hin, dass alle teilnehmenden Mannschaften dieser Weltmeisterschaft vor dem Turnier extra noch mal bezüglich dieser Regel geschult wurden: So werde die Regel zum Beispiel bei jedem „Match Coordinaton Meeting“ im Vorfeld jedes Spiels sowie „in allen Workshop-Präsentationen zur WM“ wiederholt. Man sei deswegen  „fassungslos über die Entscheidung der FIFA, den gesperrten US-amerikanischen Spieler Folarin Balogun für das Spiel USA – Belgien am Montag für spielberechtigt zu erklären“.

Nichtsdestoweniger soll Balogun im Achtelfinale auflaufen dürfen. Warum? Offenbar hat US-Präsident Donald Trump sich persönlich bei FIFA-Präsident Gianni Infantino für Baloguns Begnadigung stark gemacht. Und nach diesem Telefonat, das sowohl aus Kreisen, die dem Weißen Haus nahestehen, als auch aus dem FIFA-Umfeld bestätigt wird, soll Infantino durchgesetzt haben, dass Baloguns Sperre lediglich zur Bewährung ausgesetzt wird. Zur Einordnung: Das gab es noch nie. Also beides weder hat die FIFA eine Sperre nach einer Roten Karte bei einer WM schon einmal zurückgenommen, noch hat ein FIFA-Präsident bislang Einmischungen von Staatschefs akzeptiert. Im Gegenteil: Die FIFA schloss in der Vergangenheit immer wieder Nationalverbände von internationalen Wettbewerben aus, wenn die Politik sich in die Angelegenheiten des Sports einmischte. Der Fußball, propagierte die FIFA selbst unter Sepp Blatter, müsse unabhängig bleiben. Immerhin das kann Gianni Infantino keine*r mehr nehmen: Neben ihn sieht selbst Blatter wie ein Sportsmann aus…

Und Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichtes, hält dieses Vorgehen auch für richtig: „Bei diesem Foul – auch wenn sicher keine Verletzungsabsicht dabei war – nur ein Spiel Sperre zu geben, ist ein Geschenk. Dies nun auszusetzen, ist ein Skandal. Das ist ein fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit in aller Welt. Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen. Es wird größter Anstrengungen bedürfen, um diese Entwicklung einzufangen. Die FIFA droht allen Verbänden seit Jahrzehnten mit Sanktionen, sollten sie das Prinzip der Mindestsperre von einem Spiel missachten. In der Bundesliga hätte Balogun wohl drei Spiele bekommen wegen rohen Spiels, dann hätte man über eine Reduzierung auf zwei diskutieren können. Aber so ist das nun wirklich skandalös.

Zumal man nicht vernachlässigen darf, wem Infantino sich da unterordnet und was er dafür opfert. Trump greift seit Jahren die US-Demokratie an, legt es darauf an, bürgerliche Freiheiten und Rechtstaatlichkeiten in den USA zu zersetzen. Trumps-Schlägertruppe, die Abschiebebehörde ICE, trennt Eltern von ihren Kindern, inhaftiert Minderjährige und war an mehreren tödlichen Gewaltverbrechen auch gegen US-Bürger*innen beteiligt. Gleichzeitig kommen in den USA gerade trotzdem zehntausende Fans aus verschiedenen Ländern zusammen, feiern gemeinsam und überwinden so Grenzen. Der Fußball zeigt, dass er auch in Krisenzeiten verbinden kann. Und die FIFA, deren Motto ja „For the Game. For the World.“ lautet, heizt jetzt die Krisen an anstatt die Hoffnung zu feiern. Man muss es so deutlich schreiben: Gianni Infantino sollte der größte Beschützer der Integrität des Weltfußballs sein, stattdessen ist er ihr größte Verräter.

Hydration Breaks für zusätzliche Werbepausen nerven aber, dass er den Fußball zum Spielball eines Autoritären macht, werde ich Gianni Infantino und der FIFA nicht verzeihen.

Das Fazit der UEFA ist darum ebenso eindeutig: „Die gestrige Entscheidung, die Umsetzung der einjährigen Bewährung der automatischen Sperre von einem Spiel nach der Roten Karte für den Spieler Folarin Balogun, überschritt eine rote Linie.“ Diese Aussage ist – überraschend – deutlich, aber gerade deswegen notwendig. Wie die UEFA im Verlauf ihrer Erklärung auch selbst schreibt: „Wenn die Gewissheit der Regeln nicht mehr von ihren Hütern garantiert wird, steht die Integrität des Spiels auf dem Spiel und die Glaubwürdigkeit eines Wettbewerbs wird untergraben. Eine solche Entscheidung schafft einen Präzedenzfall im laufenden Turnier, in dem ähnliche Situationen nun eine gleiche Behandlung erfordern – zum Nachteil des Wettbewerbs.“ Und weiter: „Fußball ist der beliebteste Sport der Welt, weil es ein schönes Spiel ist und weil Vertrauen darin herrscht, dass es überall mit denselben Gesetzen gespielt wird. Wir äußern unser Unglauben über eine solche beispiellose, unverständliche und ungerechtfertigte Entscheidung.“

Immerhin: Dem Belgischen Fußballverband wurde mittlerweile wohl von der FIFA das Recht eingeräumt, gegen die Entscheidung Berufung einzulegen.  Dem Bericht zufolge mussten sowohl der belgische als auch der US-Verband ihre Stellungnahmen bis Montagmorgen (Ortszeit) einreichen. Ein Mitglied des FIFA-Berufungsausschusses, das keinem UEFA- oder CONCACAF-Verband angehört, soll demnach über den Fall entscheiden. Allerdings heißt es aus FIFA-Kreisen das es auch möglich ist, das die endgültige Entscheidung erst nach dem Spiel getroffen wird. Damit allerdings würde die FIFA sich endgültig der Lächerlichkeit Preis geben.

Eigentlich gibt es nur zwei Auswege aus dem Dilemma: Die USA verzichten freiwillig auf Folarin Balogun. Doch US-Nationaltrainer Mauricio Pochettino hat bereits gesagt, dass das für ihn nicht in Frage kommt. Deswegen wäre es jetzt an allen verbliebenen UEFA-Nationen aus Solidarität mit Belgien ihren Rückzug von der WM zu verkünden, sollte die FIFA bei ihrer Balogun-Entscheidung bleiben.

Das wäre der ultimative Machtkampf um die Zukunft des Fußballs, ja. Aber verdammt noch eins: Der ist jetzt auch bitter notwendig.

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Von admin