Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wolltendie Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühneüber die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeitenüber einen Schiedsrichter und seine Zahnprotheseüber die WM 1954 berichtet habenein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritiusein Spie mit mehr als einem Ball berichtet habenein ziemlich überraschendes Toreinen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitiertendie Erfindung der Strafkartendas Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte und über das Beeinanderliegen von Freund und Leid berichtet haben, geht es heute um wirklich einzigartige Schalke-Trikots.

Der 18. April 1998, Frühling im Wildparkstadion, gut 30.000 Zuschauer, ein solides Spiel im Saisonendspurt zwischen dem Karlsruher SC und dem FC Schalke 04. Kein Topspiel, kein Abstiegskrimi, eher Kategorie: ordentlich, wichtig, aber nicht historisch.

Und doch wird genau dieses Spiel unvergessen – aus einem Grund, der mit Fußball im engeren Sinne kaum zu tun hat. Obacht, Wortwitz: Schauen wir es uns an.

Die Absprachen im Vorfeld sind eigentlich eindeutig. Karlsruhe tritt wie gewohnt in Weiß an, Schalke in Blau. Beide also in den Heimtrikots. Kurz vorab besprochen, so macht man das, so funktioniert das. Doch dann kam Schiedsrichter Herbert Fandel, schaut sich die Trikots an – und bleibt hängen. Drei schmale blaue Streifen auf dem Karlsruher Trikot. Für ihn genug, um eine Verwechslungsgefahr zu konstruieren. Die Absprache damit hinfällig. Denn Fandel stellt klar: Eine Mannschaft muss sich umziehen.

Was folgte, ist ein Moment, in dem der moderne, durchorganisierte Profifußball der Gegenwart wie eine ferne Zukunft wirkt. Und der auch schon vor knapp dreizig Jahren ordentlich kurios war.

Denn Schalke hatte kein Ausweichtrikot dabei. Karlsruhe sieht keinen Anlass zu wechseln – Heimrecht. Diskussionen entstehen, erst sachlich, dann ratlos. Funktionäre schauen sich an, Spieler stehen herum, die Uhr tickt. Und irgendwann steht eine Lösung im Raum, die so absurd ist, dass sie nur wahr sein kann: Karlsruhe leiht Schalke seine eigenen Auswärtstrikots. Und die haben auch noch eine aus Schalker Sicht hoch-pikante Farbe.

Und so passiert etwas, das es heute schlicht nicht mehr geben würde: Schalke läuft in Gelb auf. Knallgelb. Unverkennbar keine königsblaue Farbe.

Die Wirkung hiervon ist natürlich auch erst einmal irritierend. Wer aufs Spielfeld sah, sah ein Team, das aussieht wie Karlsruhe – und ein anderes, das ebenfalls aussieht wie Karlsruhe. Die Ordnung des Spiels war optisch aufgehoben. So viel zur Verwachslungsgefahr.

Hinzu kommt: Die Trikots saßen natürlich nicht richtig. Einige waren zu weit, andere zu eng.

Nur einer entzieht sich diesem Bild: Jens Lehmann, der im orangefarbenen Schalke-Torwarttrikot aufläuft.

Vielleicht ist es fast zwangsläufig, dass das Spiel selbst dieser Kuriosität nicht gerecht werden konnte.

Es ist ein zähes, vorsichtiges 0:0. Viel Mittelfeld, wenig Risiko, kaum klare Chancen. Kein Tor, kein Aufreger, nichts, was man sich groß merken würde. Ein Spiel, das im Archiv verschwinden würde, wäre da nicht dieses Bild davor.

Selbst Herbert Fandel, der Auslöser der ganzen Szenerie, leitet die Partie anschließend „unauffällig“ – als wäre das Chaos vor dem Anpfiff nie passiert.

Natürlich war der Fußball auch 1998 schon professionell organisiert. Aber für einen Nachmittag wirkte er plötzlich wieder wie ein Amateursport auf dem Land. Irgendwie eine sympathische Erinnerung.

Ein Spiel ohne Tore.
Aber mit einem Bild, das bleibt:

Schalke in Gelb.
Und für einen Nachmittag: Schalke als Karlsruhe.

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Von admin