Real Sociedad ist spanischer Pokalsieger. Mit 4:3 setzt sich die von Pellegrino Matarrazo und Ömer Toprak, über dessen Engagement in Spanien FanLeben.de hier berichtet hat, in Sevilla gegen Atlético Madrid durch. Ein Elfmeterschießen entschied die Partie, nachdem es nach 120 Minuten 2:2 gestanden hatte. Doch die ganze Bedeutung dieser Copa del Rey entfaltet sich erst in den Minuten danach.

Denn als die Spieler von Real Sociedad den Pokal in den Nachthimmel stemmen, wirkt der Moment zunächst zwar wie viele andere Finalbilder: Jubel, Rauch, ein Meer aus blau-weißen Fahnen. Doch dann gehen sie hinüber zur Kurve. Zwischen Pokal und Händen taucht ein Trikot auf. Weiß. Schlicht. Darauf ein Name: Aitor Zabaleta. Darunter die 12. Es ist die vielleicht bedeutsamste Geschichte dieses Abends.

Sie beginnt am 8. Dezember 1998 reiste Aitor Zabaleta nach Madrid. Zabaleta, 28 Jahre alt, Mitglied einer Fangruppe, war unterwegs seines baskischen Vereins zu einem UEFA-Cup-Spiel auch gegen Atlético Madrid. Ein Auswärtsspiel, im Europapokal zwar, aber dennoch eigentlich nichts ungewöhnliches.

Doch in der Nähe des Vicente-Calderón-Stadions, dem Stadion von Atlético, trifft er auf eine Gruppe gewaltbereiter Anhänger aus dem Umfeld von Atlético. Und Teile der Anhänger des Hauptstadtklubs sind in den 90er-Jahren eng mit rechtsextremen Ideologien verbunden und über den Fußball hinaus in einem nationalistischen Umfeld organisiert. Immer wieder begehen sie Gewaltverbrechen. Auch an diesem Abend kommt es zur Eskalation. Zabaleta wird mit einem Messer angegriffen. Wenig später ist er tot.

Der Mord ist wie gesagt kein isolierter Ausbruch von Gewalt. Die Gruppe „Bastión“, die für den Mord an Zabaleta verantwortlich gewesen ist, prägte in den 1990er Jahren das Umfeld von Atlético Madrid entscheidend mit. Kern der rechtsextremen Ideologie der Gruppe sind geweltsame Angriffe auf Gegner, insbesondere auf politische Gegner. Und gerade Real Sociedad ist als baskischer Verein ein solches Feindbild für die spanischen Nationalisten.

Trotzdem gestaltete sich die Aufarbeitung des Mordes an Aitor Zabaleta als schwierig. Die Polizei hatte lange Probleme, den Täter zu ermitteln. Denn natürlich waren die Augenzeugenberichte vom Tatort widersprüchlich, viele der anwesenden Personen gehörten ja zu organisierten Neonazi-Gruppen und zeigten entsprechend wenig Bereitschaft, mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren. Auch taten sich die Ermittlungsbehörden lange schwer damit, die politische Dimension der Tat zu begreifen. Viel zu lange gingen sie von „gewöhnlichen“ Auseinandersetzungen zwischen Fanlagern aus. Letzlich gelang es ihnen dennoch, den Täter zu identifizieren und vor Gericht auch die politische Dimension der Tat deutlich zu machen. Der Täter wurde in der Folge immerhin zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.

Doch die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Aus mehreren Gründen. Beginnen wir mit dem bitteren: Atlético Madrid verurteilte die Tat zwar öffentlich und distanzierte sich von Gewalt im Stadionumfeld. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Verbindung zwischen Club und radikalen Ultra-Gruppen – insbesondere aus dem Umfeld der „Frente Atlético“ – lange Zeit ambivalent blieb. Erst in den Jahren nach dem Mord kam es schrittweise zu Veränderungen. Behörden und Liga verschärften die Maßnahmen gegen Gewalt und extremistische Gruppierungen, Stadionverbote wurden konsequenter verhängt, und auch Atlético begann, sich klarer von problematischen Fangruppen zu distanzieren. Besonders seit den 2010er-Jahren hat sich der Club offiziell stärker gegen Rassismus, Gewalt und rechtsextreme Symbolik positioniert und entsprechende Vorfälle sanktioniert. Dennoch ist die Geschichte hier nicht einfach abgeschlossen. Denn die „Frente Atlético“ existiert weiterhin als Ultra-Gruppe und ist auch in jüngerer Vergangenheit wiederholt durch rechtsextreme Symbolik, Gewalt oder entsprechende Vorfälle aufgefallen.

Für Real Sociedad wiederum endet die Geschichte natürlich nicht mit dem Urteil. Sie beginnt dort erst.

Der Club ist wie gesagt tief im Baskenland verwurzelt – einer Region mit ausgeprägter kultureller Identität und bewegter politischer Geschichte. Diese Prägung wird gerade im Kontext des Mordes an Aitor Zabaleta sichtbar. Die Reaktion darauf – insbesondere in Teilen der Fanszene – war entsprechend nicht nur Trauer, sondern auch eine klare Haltung gegen Faschismus und Gewalt. Und für die eigenen politischen Werte einer offenen und solidarischen Gesellschaften als eindeutigem Gegenentwurf zum Rechtsextremismus.

Zabaleta wird dabei zur Erinnerungsfigur. Nicht als Mythos, sondern als Mahnung. Sein Name taucht auf Bannern auf, in Gesängen, in Choreografien. Besonders dann, wenn es gegen Atlético geht. Es ist ein Gedenken, das nicht verblasst, sondern über Jahre die Jahre kostant bleibt, verbunden eben mit einem fortwärenden Engagement gegen Rechtsextremismus und für Vielfalt. Eine beeindruckende Leistung der Erinnerungskultur.

Und dann ist da ja noch dieser Abend, der 18. April 2026.

Wieder spielt Real Sociedad gegen Atlético Madrid. Wieder große Bühne. Diesmal im Pokalfinale.

Und dann Real Sociedad gewinnt den Titel.

Was danach passiert, hebt den Moment aus dem Sportlichen heraus. Die Spieler nehmen den Pokal und gehen zur Kurve. Sie feiern nicht nur. Sie erinnern. Das Trikot mit der „Zabaleta 12″ wird sichtbar, wird Teil des Bildes, das bleibt.

Als Botschaft des Zusammenhaltes und gegen das Vergessen.

Als klares Statement gegen Rechtsextremismus.

Und genau das ist der größte Sieg an diesem Abend.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin