Es sind entscheidende Stunden in München-Giesing. Für den TSV 1860 München entscheidet sich, ob er in der 3. Liga bleibt – oder der zweite Absturz in die viertklassige Regionalliga innerhalb eines Jahrzehnts folgt? Beide Abstiege wären nicht sportlich, sondern lizenrechtlich begründet. Und bis heute Abend muss der Traditionsverein beim DFB jedenfalls nachweisen, dass er zahlungsfähig ist.

Wo genau die Misere ihren Ursprung genommen hatte, ist umstritten. War es der Bau der Allianz Arena und die berüchtigten Catering-Probleme? War es der Abstieg in die 2. Bundesliga samt der verpassten Rückkehr in die Erstklassigkeit? Oder war es der Einstieg von Investor Hasan Ismaik? Wahrscheinlich eine Mischung aus alledem.

Aber in der Gegenwart gibt sich der jordanische Anteilseigner der Löwen-Kapitalgesellschaft als Teil der Lösung: Laut der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb er: „Ich denke, wir bleiben in der dritten Liga, und jeder arbeitet besonders hart, um in der dritten Liga zu bleiben.“ Er hoffe nicht, dass die „Löwen“ wieder in die Viertklassigkeit müssten. Voraussetzung ist, dass Sicherheiten in Höhe von zwei bis drei Millionen Euro nachgewiesen werden können. Das kann 1860 nicht aus eigener Kraft, also müsste Ismaik helfen. Und der stellt – wie immer – Bedingungen. Im Hintergrund laufen dem Vernehmen nach darum diesbezüglich juristische Klärungen. Konkret geht es darum, welche Forderungen Ismaiks akzeptiert werden und welche auch aus rechtlichen Gründen möglicherweise nicht umsetzbar sind. Eine Forderung hat die Investorenseite bereits zurückgezogen: Der Stammverein soll nicht auf sein Vorkaufsrecht bei einem Anteilsverkauf Ismaiks verzichten. Bei Instagram hatte Ismaik zudem die Kündigung bestehender Darlehensverträge bestätigt. Nach eigenen Angaben hat er ein neues Finanzierungsmodell mit besseren Konditionen vorgelegt. Beweisen kann er das jedoch nicht.

Die jüngste Krise kommt dabei keineswegs überraschend. Vor der Saison hatten die Löwen sportlich wie finanziell alles auf die Karte Aufstieg gesetzt und unter anderem mit Towart Thomas Dähne und den Stürmern Florian Niederberger und Kevin Volland teure Drittliga-Topstars verpflichtet. Doch der Aufstieg blieb aus, der TSV landete abgeschlagen auf Platz acht und scheiterte zuletzt auch noch im Bayern-Pokalfinale gegen die Würzburger Kickers an der Qualifikation für den DFB-Pokal.

All das erinnert ziemlich doll an die Saison 2016/17, als die Löwen zum ersten Mal in die Regionalliga mussten. Auch dort startete 1860 München mit Aufstiegsambitionen in die Saison – damals peilte man als Zweitligist sogar die Bundesliga-Rückkehr an. In der Winterpause wurde dann der Portugiese Vitor Pereira als neuer Trainer vorgestellt, nachdem die Mannschaft die Hinrunde auf Rang 14 beendet hatte und damit klar hinter den Erwartungen zurückgeblieben war. Doch auch der vormalige Coach des FC Porto konnte die Münchner nicht in die Spur bringen – im Gegenteil: Unter Pereira gewann man in der Rückrunde nur sechs von 17 Liga-Partien, während es gleichzeitig neun Niederlagen setzte, sodass 1860 die Spielzeit auf Platz 16 beendete und zum zweiten Mal binnen drei Jahren in die Relegation musste. Dort verlor man nach einem 1:1 im Hinspiel das Rückspiel auf eigenem Platz mit 0:2 gegen Jahn Regensburg, womit der Abstieg in die 3. Liga besiegelt war. Begleitet wurde die Pleite von schweren Ausschreitungen der 1860-Fans, die für eine längere Unterbrechung der Partie sorgten.

Rein sportlich war man damit Drittligist. Doch auch damals wollte der DFB für die Drittliga-Lizenz Sicherheiten sehen. und elf Millionen Euro fehlen zur Lizenz für die 3. Liga. Und wie heute war man dafür auf Hasan Ismaik angewiesen. Doch es ist schnell klar, dass der Jordanier den Fehlbetrag nur dann ausgleicht, wenn seinen Forderungen nachgekommen wird. Allerdings sind die Bedingungen des Unternehmers teilweise schlichtweg nicht erfüllbar, unter anderem forderte er faktisch eine Aushebelung der 50+1-Regel und ein Ende der Vereinsdemokratie in Giesing. Also lässt der Investor sein Team auflaufen und stürzt es damit in die Regionalliga. Immerhin gelingt dort nach einem Jahr mit Trainer Daniel Bierofka – mit dem sich Ismaik übrigens später trotz guter Leistungen ebenfalls überwirft – der Wiederaufstieg.

Eine weitere Parallele zu heute ist übrigens auch der Umstand, dass die Verhandlungen über eine mögliche Finanzspritze bis zum letzten Moment andauern. 2017 ringt die Vereinsseite bis zur Deadline um 15.30 Uhr am Freitag, dem 2. Juni, mit den Ismaik-Vertretern. Dieses Jahr ist es Mittwoch, der 3. Juni. Nah dran.

Wie es ausgeht? Ungewiss. Löwen-Vizepräsident Heinz Schmidt sagte vor 9 Jahren: „Wir haben keine Lizenz für die 3. Liga. Wir können aus rechtlicher Sicht nicht sagen, wie es weitergeht. Wir können aber sagen, dass wir bis zur letzten Sekunde versucht haben, Lösungen mitzutragen, sofern es rechtlich möglich ist.“ Immerhin das würde heute wieder gelten.

So oder so aber ist all das ein Lehrstück dafür, was passiert, wenn man einen Fußballverein zum Spielball internationaler Kapitalinteressen macht. Sicher wird man immer auch Beispiele finden, bei denen Investoren ohne 50+1-Regel aus Traditionsklubs die Topmannschaften geformt haben, die sie sonst niemals geworden wären – Manchester City lässt grüßen. Aber viel häufiger verschwinden bedeutende Vereine wegen fadenscheiniger Geldgeber von der Fußball-Landkarte. Schade ist das jedes Mal.

Und ein Grund immer weiter für 50+1 und gegen neue Investoren zu kämpfen.

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Von admin