Jürgen Klopp wird morgen als neuer Bundestrainer vorgestellt.
Ein Satz, der vor ein paar Jahren noch Euphoriewellen ausgelöst hätte, lässt viele Fußballfans in Deutschland heute kalt – oder sogar skeptisch dreingucken.
Das hat natürlich historische Gründe: Nach dem zweiten WM-Vorrundenaus in Serie, also 2022, setzte der DFB eine Expertenkommission ein, welche die Krise der Nationalmannschaft analysieren und eine Neuausrichtung voran treiben sollte. Es war eine alte Männer-Clique: Karl-Heinz Rummenigge, Hans-Joachim Watze, Oliver Mintzlaff und Rudi Völler selbst, installierten zunächst Rudi Völler als Sportdirektoren und verpflichteten anschließend mit Julian Nagelsmann einen jungen, hochtalentierten Trainer als Heilsbringer.
Damit ging es bei dieser Weltmeisterschaft immerhin eine Runde weiter – bis ins Sechzehntelfinale. Trotzdem war das Aus gegen Paraguay die nächste dicke Enttäuschung. Mit der Konsequenz, dass es wieder Watzke und Mintzlaff waren, die einen erneuten Trainerwechsel forcierten. Den eben zu Jürgen Klopp, dem neuen oder nächsten Heilsbringer.
Klopp und Nagelsmann aber haben jedoch verdammt viel gemeinsam: Beide sind erfolgreiche Vereinstrainer, der ihren Erfolg vor allem darauf aufgebaut haben, dass ihre Mannschaften auf eine eingespielte, hart erarbeitete Taktik zurückgreifen kann, dass sie Potenziale von Spielern erkennen und sie über Monate kontinuierlich weiterentwickeln. Klopp ist einer der besten (Vereins-)Trainer der Welt, Nagelsmann nach wie vor eines der bedeutendsten Trainertalente.
Beide aber kennen „nur“ den Vereinsfußball. Und vielleicht ist das auch eine entscheidende Schwäche im Plan. Denn die Jobs eines Bundesliga- und Bundestrainers sind nun einmal grundverschieden. Und ihre wesentlichen Stärken, die ja bei Klopp und Nagelsmann in der langfristigen Entwicklung einer Mannschaft liegen, kommt in der Verbandsarbeit schlichtweg weniger zum Tragen. Statt um die langfristige Potenzialanalyse eines Spielers geht es bei der Kaderplanung der Nationalmannschaft darum, wer wohl wann sein Leistungsmaximum abrufen kann und welche Charaktere über welchen Zeitraum die bestmögliche Gruppe bilden.
Julian Nagelsmann hat versucht, sich an diese verändernden Bedingungen anzupassen – Stichwort: Rollengespräche. Doch am Ende hat er auch versucht, systematisch ein System einspielen zu lassen, wollte Abläufe, wie sie in seinen Vereinsmannschaften die Regel waren, möglichst auch auf sein Nationalteam übertragen. Daran ist er letztendlich gescheitert. Stärkere Nationalmannschaften spielen wie Spanien oder Argentinien entweder schon wesentlich länger zusammen oder sind wie England oder Frankreich personell und taktisch wesentlich flexibeler aufgetreten. Es war kein Zufall, dass beide Finaltrainer bei dieser WM langjährige Verbandstrainer gewesen sind, die ihr Handwerk in den U-Nationalmannschaften anstelle von Vereinsmannschaften gelernt haben.
Und auch gegen Klopp spricht: Ein Nationaltrainer sieht seine Spieler eben nur während der wenigen Lehrgängen und vor Turnieren. Er kann keine komplexen Automatismen über Monate einstudieren, sondern muss schnell funktionierende Lösungen finden. Gerade erst hat Mario Götze erzählt, dass er vor genau zehn Jahren die Möglichkeit hatte, zu Klopps damaligen Verein, Liverpool, zu wechseln, es aber wegen der verpassten Champions-League-Qualifikation in der Vorsaison ablehnte: „Ich habe einfach nicht erkannt, dass er Zeit brauchte, um eine funktionierende Mannschaft aufzubauen“, erklärte er.
Ist das Projekt Klopp also schon zum Scheitern verurteilt?
Das nun auch nicht. Denn viele klassische Nationaltrainer-Eigenschaften bringt Klopp ja durchaus mit. Seine Menschenführung beispielsweise ist makellos, wichtig, wenn man Mannschaften zusammenstellen muss, die schnell funktionieren. Und ausgerechnet auch in seinem letzten Job als „Head of Global Soccer“ eines Getränkeherstellers, in dem der Fokus auch schon stark auf Spielbeobachtung und -analyse lag, hat er wertvolle Erfahrungen im Scouting und in der strategischen Planung gesammelt. Er ist in den letzten Monaten auf Distanz zum Trainingsplatz gegangen – ironischerweise wird ihm gerade das beim Trainer-Comeback helfen.
Jürgen Klopp soll morgen als neuer Bundestrainer vorgestellt werden – und mit ihm wohl drei langjährige Wegbegleiter als Co-Trainer: Peter Krawietz, Pejin Linders und Sven Bender. Bender bringt dabei Erfahrung als DFB-Nachwuchstrainer mit. Spannend wäre gewesen, wenn Klopp zusätzlich auch einen „gelernten Verbandstrainer“ wie Antonio Di Salvo in seinen Stab integriert hätte.
Der Vereinstrainer Klopp war einer der besten der Welt.
Den Verbandstrainer Klopp kann noch niemand beurteilen.
Aber es kann gut werden. Die Vorzeichen jedenfalls sind besser als bei Julian Nagelsmann.
