Immer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheim, im zweiten Teil folgte Bursaspor, im dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesday, im sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderers, im achten beschäftigten wir uns mit Manchester United, im neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoense, im zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrze, im elften ging es darum, wie Fans den ältesten Fußballvereins Bulgariens zurückkauften und im zwölften ging es um die Rückkehr von Coventry in die Premier Leage. Heute verabschieden wir uns von einem der bedeutensten Vereine des Frauenfußballs – Los geht’s!
Der FC Bayern wird in dieser Saison wieder Meister – hat aber eine Niederlage erlitten, gegen den FC Augsburg. Peinlich könnte man beim USV Neulengbach denken, denn die Frauen des Vereins wurden 2003 sogar ganz ohne Niederlage, ja, sogar ohne jedes Unentschieden Meister, gewannen also jedes Spiel, schossen dabei 120 Tore und kassierten selbst nur fünf.
Insgesamt zwölf Mal – nämlich von 2003 bis 2014 – gewannen die Niederösterreicherinnen die heimische Liga. Von 2003 bis 2012 gewann die Mannschaft zudem jedes Mal den Pokal. Zehn Double-Siege in Serie: Schier einzigartig. In der Neulengbacher Stammelf spielten in dieser Zeit fast nur Nationalteamspielerinnen, wobei auch Legionärinnen aus Brasilien, der Slowakei, aus der Tschechischen Republik, Serbien und aus Taiwan dabei waren. Die bekannteste Spielerin kam aus Südamerika. Rosana, spielte von 2005 bis 2008 in Neulengbach. Mit dem brasilianischen Nationalteam gewann sie bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen die Silbermedaille. Darüber hinaus wurden Birgitt Hufnagl (2003) und Melanie Fischer (2004), Natascha Celouch (2007), Nina Burger (2010), Dominika Skorvankova (2013), Jennifer Klein (2016) und Maria Gstöttner (2018) jeweils Spielerin des Jahres in Österreich. Das besondere: Der USV Neulengbach hat bis heute nur eine professionelle Frauen-Fußball-Abteilung, die Männer spielen unterklassig.
Doch zum Spott über den deutschen Männer-Rekordmeister ist in Neulengbach gerade wohl niemanden zu Mute.
Denn über die letzten zehn Jahre hinweg hatte der Klub von einem klaren Vorsprung in Organisation, Kontinuität und Talentbündelung profitiert. Neulengbach war früh professioneller aufgestellt als die Konkurrenz, zog die besten Spielerinnen des Landes an und konnte diese über längere Zeit zusammenhalten. Doch genau dieser Vorsprung begann ab den frühen 2010er-Jahren zu schrumpfen.
Der wichtigste Faktor war – wie in Deutschland – der Aufstieg finanzstärkerer und strukturell besser angebundener Vereine, allen voran SKN St. Pölten Frauen. Mit stärkerer institutioneller Unterstützung, besseren Trainingsbedingungen und wachsender Professionalisierung wurde St. Pölten zur neuen dominierenden Kraft. Gleichzeitig entwickelten auch andere Klubs ihre Strukturen weiter, sodass sich die Liga insgesamt verbreiterte und kompetitiver wurde. Männer-Profivereine investierten in den Frauen-Fußball und brachten dabei Geld, das der USV Neulengbach ohne Männer-Mannschaft nicht verdienen konnte, mit.
Für den USV Neulengbach bedeutete das, dass das bisherige Modell – ein vergleichsweise kleiner Verein, der nationale Topspielerinnen bündelt – zunehmend an seine Grenzen stieß. Leistungsträgerinnen wechselten häufiger ins Ausland oder zu finanzstärkeren Konkurrenten, während es schwieriger wurde, diese Qualität konstant zu ersetzen. Parallel dazu veränderte sich auch der Frauenfußball insgesamt: Mit wachsender internationaler Konkurrenz und besseren Möglichkeiten im Ausland verlor die österreichische Liga an Exklusivität für Topspielerinnen. Umso beeindruckender ist, dass Neulengbach dennoch bis zu dieser Saison immer erstklassig bleib und die Mannschaft auch in dieser Spielzeit nie in Abstiegsgefahr geriet – zumindest sportlich.
Denn mit dem Ende dieser Spielzeit wird die Bundesliga-Zugehörigkeit des Vereins enden. Der ÖFB verweigerte den Niederösterreicherinnen die Lizenz für die kommende Saison, weil der Verein die formalen und strukturellen Anforderungen des Lizenzierungsverfahrens nicht vollständig erfüllen konnte. Dabei geht es im Frauenfußball längst nicht mehr nur um die sportliche Qualifikation, sondern um ein Bündel an Kriterien: wirtschaftliche Stabilität, organisatorische Professionalität, Infrastruktur, Nachwuchsarbeit und administrative Standards. Neben Problemen bei der Infrastruktur ging es dabei vor allem auch um finanzielle Fragen. Der USV Neulengbach steht vor der Insolvenz. Die Einnahmen aus Sponsoring, Förderungen und Spielbetrieb reichten zunehmend nicht mehr aus, um die laufenden Kosten aus dem Spielbetrieb dauerhaft zu decken – insbesondere vor dem Hintergrund, steigender Anforderungen im Frauenfußball, etwa bei Infrastruktur, Personal und Organisation, die ja zu stetig wachsenden Kosten führen, während das Einnahmen-Potenzial in der Region begrenzt bleibt. Der Frauenfußball ist über den Verein hinaus gewachsen. Das ist die bittere Realität.
Wie es jetzt weiter geht? Unklar. Möglich ist, dass sich die Mannschaft sofort vom Spielbetrieb zurückziehen muss, die Saison nicht zu Ende spielen kann. Dann würde eine Strafe fällig, kann diese aufgrund der Insolvenz nicht beglichen werden, dürfte der Verein nächstes Jahr noch nicht mal in der zweiten Liga starten. Gelingt es hingegen die Saison zu Ende zu spielen, was die Spielerinnen laut eines von ihnen veröffentlichten Statements unbedingt wollen, könnte es nächstes Jahr immerhin im Unterbau weitergehen. Wenn es im Rahmen der Insolvenz denn eine positive Fortführungsprognose für den Verein gibt. Ob es die gibt? Völlig offen.
Definitive Aussagen zur Zukunft des USV Neulengbach kann auch Sportstadtrat Wolfgang Süss nicht machen. „Die Entwicklungen rund um den Verein sind aus Sicht der Stadtgemeinde sehr bedauerlich“, sagt er stattdessen. Insbesondere der Verlust der Frauen‑Bundesliga‑Lizenz stelle einen erheblichen Einschnitt in die langjährige und erfolgreiche Geschichte des Vereins dar. Und weiter: „Die Stadtgemeinde steht in engem Austausch mit dem Verein, um die weiteren Schritte im Rahmen der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bestmöglich zu begleiten und zu unterstützen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Bestrebungen des Vereins, den Nachwuchsbetrieb nachhaltig zu sichern und fortzuführen.“
Die Situation in Niederösterreich ist dabei nicht untypisch, wenn auch in ihrer historischen Dimension ziemlich einzigartig. Auch in Deutschland verschwinden die reinen Frauen-Fußball-Vereine nach und nach. Das prominenteste Beispiel: Turbine Potsdam, immerhin sechs Mal DDR- und sechs Mal gesamtdeutscher Meister, drei Mal Pokalsieger und zwei Mal Sieger der UEFA Champions League. Nach zwei Abstiegen aus der Bundesliga kämpfen die Brandenburgerinnen in diesem Jahr gegen den Absturz in die drittklassige Regionalliga. Und auch für den damit letzten reinen Frauen-Fußball-Verein in der Bundesliga, die SGS Essen, könnte es in diesem Jahr mit der Erstklassigkeit vorbei sein. Nach 22 von 26 Spieltagen liegt die Mannschaft mit zwei Punkten Rückstand auf einem Abstiegsplatz.
Die Professionalisierung des Frauen-Fußballs schreitet voran. Zurecht. Und endlich. Aber sie geht bisweilen auch zu Lasten der Identität und der Geschichte des Frauen-Fußballs. Und das darf man schade finden. Nicht nur in Niederösterreich.
